Der Astronaut und der liebe Gott

„And the earth was without form and void.“ (Genesis 1:1-2)


Wer war der erste Mensch auf dem Mond? Na gut, das wissen die meisten, auch wenn man den Vornamen mitunter verwechselt. Egal, letztlich zielt die Fragestellung auch eher darauf ab, dass man Zweitplatzierte in der Öffentlichkeit nicht mehr wertschätzt und deswegen wollen alle nur Erster sein. Bei der Mondlandung ist immerhin Buzz Aldrin als Zweiter noch populär, aber alle, die danach auf den Mond geschossen wurden, fanden in den Wohnzimmern der Welt keine große Beachtung mehr. Oder weiß jemand spontan, wie viele Apollo-Missionen es überhaupt gab? Die NASA war da auch etwas enttäuscht und stieg deshalb aus der Mondfahrerei früher aus, als geplant.

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„A republic, if you can keep it.“

Bildquelle US National Archives


Es gibt so Sätze, die im Kopf rotieren, gerade in letzter Zeit, in der man fast glauben mag, sich an Zerstörung und Dekadenz gewöhnen zu müssen. Das berühmte Zitat oben wurde das erste Mal wieder in der Presse aufgewärmt, als Trump seine Wiederwahl versemmelte und seinen Mob Richtung Capitol schickte. Da traute man seinen Augen nicht, wie schnell das geht. Good things happen slowly, bad things happen fast.¹

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American Wolves Inc.

Foto: AdobeStock¹


„Ich bin ein Wolf und werde stets
Auch heulen mit den Wölfen –
Ja, zählt auf mich und helft euch selbst,
Dann wird auch Gott euch helfen!"
²



Man hat in deutschen Landen eine sehr anspruchsvolle Tradition, was Märchen angeht, und erkennt darum einen Wolf an der Tür auch zuverlässig, wenn er Kreide gefressen hat und mit gütigem Blick dann auf der Schwelle steht. Es lohnt sich also, bei Marco Rubios Rede mal nur auf den Text zu achten, dann dürfte es eigentlich nicht passiert sein, dass man in Standing Ovations ausbricht, wenn einer von Stärke und Ausgrenzung predigt und von den Werten räsoniert, die Nationen seit Jahrhunderten verbinden, nur um abschließend zum Ergebnis zu kommen, dass diese Werte nichts mehr wert sind. Das alte Good Cop, Bad Cop Spielchen, mit der leicht durchschaubaren Zielsetzung, das ahnungslose Opfer in seine Gewalt zu bekommen.

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Out of the Box

J. W. Waterhouse – Psyche opening the golden box


Wenn man in der griechischen Mythologie ein Behältnis öffnet, noch dazu, wenn das explizit nicht erlaubt ist, dann verheißt das meistens nichts Erfreuliches. So hofft die anfangs noch sterbliche Psyche (oben im Bild) in der goldenen Box die reine Schönheit vorzufinden und wird stattdessen von einer todbringenden schwarzen Wolke eingeschläfert.¹ In der Kunst ist das ein beliebtes Sinnbild für die Gefahren, die von leidenschaftlichem Wunschdenken und liebestrunkenen Sehnsüchten ausgehen. Für unsereins spielt das keine Rolle mehr, meine Fürsorge gilt hier ausschließlich den mir Schutzbefohlenen jungen Menschen, die ihr Leben noch vor sich haben.

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Ein Nachtlicht


PUCK
„How now spirit, wither wander you?"

FAIRY
„Over hill, over dale,
Thorough bush, thorough brier,
Over park, over pale,
Thorough flood, thorough fire,

I do wander everywhere,
Swifter than the moon's sphere;


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Written Art

Fluchtrouten 2015-2024


Wir bleiben in der Pinakothek der Moderne. Zwei Stockwerke höher stellt sich mir gleich wieder eine Frage: Ist es legitim, aus Fluchtrouten Kunst zu machen? So nach dem Motto: Alle sehen nur das Sachlich-Politisch-Kartografische, aber ich sehe die Kunst. Denkt sich das Alfredo Jaar, der Künstler des plakativen Exponats am Eingang? Ich frage aus der Erfahrung des Designers heraus, der schon einmal ein Motiv des sozialen Elends für den New-York-City-Lifestyle verwendet und dafür einen zurechtweisenden Kommentar kassiert hat.

Ich behalte alles für mich und genieße die Ruhe und Weitläufigkeit dieser heiligen Hallen. Wie eine Moritat leiert mir der Schlusssatz aus der „Feuerzangenbowle” im Kopf rauf und runter. Zum Jahresende bleibt dieser kitschige Epilog als Ohrwurm hängen: „Wahr sind nur die Erinnerungen, die wir mit uns tragen, die Träume, die wir spinnen, und die Sehnsüchte, die uns treiben. Damit wollen wir uns bescheiden.“ – Viel ist ohnehin nicht mehr übrig.

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Paula Scher – Type is Image

Sabine auf der „Showtreppe“


„Ohne Begeisterung ist noch nie etwas Großes geschaffen worden.“
Ralph Waldo Emerson



Lange nichts mehr über Typografie geschrieben. Jetzt, am zweiten Weihnachtstag, unserem rituellen Ausstellungsbesuchstag, gleich zwei Highlights an einem Ort. In der Pinakothek der Moderne passen Paula Schers Dauerausstellung „Type is Image“, die bereits seit Mitte ’23 steht, und die neu im Dezember eröffnete Written-Art-Ausstellung „Sweeter than Honey“ wunderbar zusammen – wobei das Design im Keller verräumt ist und die freie Kunst in den oberen Etagen logiert. Das ganze Haus ermäßigt für sieben Euro, ein Schnäppchen sozusagen. Paula Scher kenne ich ja aus der Helvetica-Doku, schon fast wieder 20 Jahre her. Den Film zeige ich gelegentlich im Unterricht, hier äußern sich einige weltbekannte Typograf*innen über ihr Verhältnis zur am weitesten verbreiteten Schrift der westlichen Welt. Und Paula Scher mag die öde Helvetica genauso wenig wie ich.

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„Das Märchen von der Vernunft“

Erich Kästner, Foto 1: IMAGO, Sven Simon


Vom Sommerurlaub 2025 bleibt mir eine brillante Kästner-Kurzgeschichte im Gedächtnis, die ich unbedingt mit ins neue Jahr nehmen will. Alles, was nun folgend zwischen den Anführungszeichen steht, stammt aus der Feder des großen Dresdner Literaten:

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Böhmische Dörfer

St. Georg in Horní Slavkov


Meinen Schüler*innen müsste ich jetzt erklären, dass es sich bei der Headline um eine deutsche Redewendung handelt, die ausdrückt, dass einem etwas völlig unbekannt, unverständlich oder fremd ist. Mein Vater stammt aus einem solchen böhmischen Dorf, und tatsächlich bin ich immer mehr verwundert darüber, wie wenig man darüber wusste. Sicher, da gibt es eine Handvoll Anekdoten, aber gemessen an dem, was andere an belastbaren Fakten in ihrer Ahnenforschung vorzuweisen haben, ist die Herkunft meines Vaters für mich buchstäblich ein böhmisches Dorf geblieben.

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Fin de Siècle

Foto: AdobeStock


Da ich das Jahr 2025 mit dem Jugendstil begonnen habe, kann ich jetzt am Ende den Sack getrost zumachen. Camille Claudel ist natürlich (noch) keine Jugendstilkünstlerin, aber die Zeit der Jahrhundertwende prägt ganz erheblich ihr Schaffen. So ist in Paris nicht nur der Impressionismus ihres Mentors Rodin allgegenwärtig, sondern auch die gusseisernen Fantasien eines Hector Guimard. Man möge mir verzeihen, wenn ich eine edle Bronze wie den „Walzer“ beispielsweise mit den Geländeausläufern der Pariser Métro vergleiche, aber eine gewisse Ähnlichkeit mit dem wallenden Kleid der Tänzerin ist unverkennbar. Was daran liegt, dass in jener Epoche, sowohl in der Kunst als auch im Design, das organische Prinzip der Natur nachempfunden wird. Was beim Ingenieur zum markanten Jugendstil wird, ist bei der Künstlerin formal noch völlig frei.

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