Vom Zauber der Erkenntnis

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„Es gibt nicht eine Welt, es gibt nicht eine Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit ist durchlässig wie eine dünne Eisdecke. Wir können durchrutschen in die Katastrophe oder zu den glücklichen Zwergen, die sozusagen andere Gesetze haben.“ – Alexander Kluge, Filmemacher


Wie man in eine Katastrophe durchrutschen kann, müssen wir hier nicht ergründen. Haben wir die letzten beiden Jahre allesamt, wenn auch individuell sehr verschieden, erleben können. Also gleich weiterschlittern zu den glücklichen Zwergen! Was nun keinesfalls ironisch abwertend gemeint ist, sondern mit allem romantischen Respekt vor Menschen mit einsamer Mission.

Einer dieser bemerkenswerten, stillen und etwas kauzigen Menschen ist Wilson Bentley, ein Farmer aus dem kleinen Örtchen Jericho in den Vereinigten Staaten von Amerika, der schon als junger Mann in seiner Scheune einer seltsamen Leidenschaft nachgeht. Der „Snowflake Man“ beschäftigt sich in seiner gesamten Freizeit mit dem Fotografieren von Schneekristallen, was Ende des 19. Jahrhunderts reichlich schräg und zudem technisch ein Ding der Unmöglichkeit ist. Als es dem 20-jährigen Wilson dann am 15. Januar 1885 zum ersten mal gelingt mit seiner Eigenkonstruktion aus Plattenkamera und Mikroskop ein einzelnes Schneekristall festzuhalten, ist er mit seinen Glücksgefühlen völlig allein auf der Welt. Denn seine sozialen Kontakte sind dürftig – bis auf etwas Klarinette spielen im dörflichen Musikverein – und Schnee an sich ist nicht sonderlich beliebt bei den Ackerbauern.

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Good Morning America!

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„Yeah, there's a monster on the loose, It's got our heads into the noose
And it just sits there watchin' …“ Songtext © 1969 Steppenwolf

Mit dem freilaufenden Ungeheuer ist nicht der gähnende Steppenwolf gemeint, hier kam mir nur wieder die gleichnamige Band aus Kalifornien in den Sinn, mit ihrem überlangen Song „Monster“, der auch aus heutiger Sicht einen recht brauchbaren Text hat. Hab' mich die letzten vier frustrierenden Jahre gelegentlich mit der amerikanischen Musik meiner Jugendzeit getröstet, Woodstock rauf und runter, Jimi Hendrix, Santana, CCR, das geniale Musical „Hair“. Die Popkultur der Achtundsechziger und frühen Siebziger hatte ja was vermeintlich Progressives. Man konnte sich die Stars and Stripes dekorativ ins Jugendzimmer hängen und gleichzeitig damit gegen den Vietnamkrieg demonstrieren. Auch potenzielle Wehrdienstverweigerer trugen die Schulbücher in US-Army-Packtaschen und liefen nato-oliv im Parka herum. Jugendliche Schwärmerei und Anti-Amerikanismus in einem, aus der Perspektive der eigenen kleinen, heilen Welt. Vielleicht dachte man, die ruppigen Rockbands werden das mit ihren markigen Ansagen von der Bühne aus schon regeln.

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Die Freiheit erhellt die Welt ;-)

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„Manchmal kommt mir in den Sinn / Nach Amerika zu segeln / Nach dem großen Freiheitsstall / Der bewohnt von Gleichheitsflegeln / Doch es ängstet mich ein Land / Wo die Menschen Tabak käuen / Wo sie ohne König kegeln / Wo sie ohne Spucknapf speien …“ – Heinrich Heine, 1851


Liberty Enlightening the World – so lautet der offizielle Titel der Freiheitsstatue auf Liberty Island. Kann man mit „erhellt die Welt“ übersetzen oder auch „erleuchtet“, das gibt im Deutschen nach meine Gefühl den schöneren Doppelsinn. Beides passt gut, wenn man fürs neue Jahr seiner Hoffnung Ausdruck verleihen möchte, dass nach den überstandenen vier Jahren American Nightmare unsere Schutzmacht nun langsam wieder zur Besinnung kommt. Noch genau einen Monat Geduld, dann geht das Licht wieder an. So ist mir zum Jahresende nach einer nostalgischen Farbgebung, nach einer digital nachkolorierten Retrospektive sozusagen, in der die verklärte Vergangenheit ein wohliger Spaziergang ist durch die Bilderwelt einer glückseligen nordatlantischen Bruderschaft.

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BTHVNs 250. Geburtstag

Es wäre ein wunderbares Beethovenjahr geworden. Die Stadt Bonn ist bestens vorbereitet auf ein hochkultiviertes Festival, mal abgesehen davon, dass die Renovierung der Beethovenhalle nicht rechtzeitig hinhaut. Musik und Kommunikationskonzepte jedenfalls sind fix und fertig, mit allem Zipp und Zapp, die Typografie ganz hipp: „BTHVN2020“ ohne Vokale, was übrigens eine sensationelle Erfindung des Meisters selbst ist, wie die Briefmarke zeigt. Und dann kommt die Pandemie – was könnte passender sein zum Schicksal des leidgeprüften Beethoven?

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Dem deutschen Volke

Tanderadei – wir sind das Volk! Ein recht wohlhabendes, innenpolitisch sehr verwöhntes und in der Außenwirkung nicht immer sympathisches Volk, was an unserer unterschwellig schlechten Laune liegen mag. Die schlechte Laune ist föderal aber ungleichmäßig verteilt und wenn man besonders grummelige Volksgenoss*innen fragt, welches andere Land der Erde sich für einen durchschnittlich ambitionierten Lebensentwurf denn besser eignet, blickt man in verdutzte Gesichter. Manch einer beansprucht allein aufgrund seiner Staatsangehörigkeit einen gehobenen Lebensstandard. Eine moderne Solidargemeinschaft erlaubt ja erstaunlich viele Ungeniertheiten und so findet sich immer ein Reklamationsgrund – dem deutschen Volke geht's vielleicht zu gut.

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Alles neu!

Jeder hat ja die letzten Monate so seine eigene Methode um die Zeit totzuschlagen, klösterlich abgeschieden vor sich hin zu werkeln, im real-existierenden Home-Office oder mutterseelenallein im vertrauten Büro. Ohne nennenswerten Umsatz, aber mit stoisch verhaltenem Optimismus. Wer sich den Verzicht leisten kann, sortiert penibel seine Siebensachen, räumt wahlweise die Garage auf.

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Ende des Baushausjahres

Im Licht der Bauhauslampe macht mir das Unterschreiben unserer Weihnachtskarten besonders Laune. Cool ist sie, die etwas zu teure Leuchte von Wilhelm Wagenfeld. Schon zur damaligen Zeit erweist sie sich für eine Serienproduktion aufgrund der hochwertigen Materialien als unrentabel. Dabei ist das Bauhaus doch angetreten, den modernen Menschen mit bezahlbarer Ästhetik zu versorgen. Alles, was die industrielle Produktion, Innenarchitektur und Architektur betrifft, soll funktional, gut geformt und erschwinglich sein, durchaus in Masse gefertigt. Da es das Berufsbild des Industrie-Designers aber noch nicht gibt, bleibt vorerst das Dreiecksverhältnis zwischen Kunst, Technik und Ökonomie noch ungeklärt. Eigentliche Ironie: Bauhaus-Design wird letztendlich zum Synonym für Upper-Class-Ansprüche.

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Ikarus

In der siebten Klasse kommt eine neue Kunstlehrerin an unsere Schule und weil die ganz cool ist, melden sich viele zur freiwilligen Kunst-AG am Nachmittag. Einmal gibt es als Vorgabe ein klassisches Thema: die Sage von Dädalus und Ikarus. Keine Ahnung, was wir da pinseln sollen, überall großes Rätselraten. Auf Nachfrage bekommen wir dann eine kleine Einführung, was sich anfangs ganz gemütlich anhört. Aber Frau Tuschinsky, die wirklich so heißt, kann gelegentlich mit ihren großen Augen recht streng über ihre Hippie-Brille hinwegblicken. Sie geht durch die Reihen und echauffiert sich etwas zu doll über den leichtfertigen Sohn, den halbstarken Rotzlöffel, der den genialen Fluchtplan so elend scheitern lässt und so den armen Vater in die Depression treibt. Das kommt fast vorwurfsvoll rüber, so von oben herab, als hätten wir was verbockt. Dass dieser Vater in seiner Vorgeschichte ein Mörder aus niedrigen Beweggründen ist, erzählt sie nicht.

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„Schönheit wird die Welt retten“

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Das berühmte Zitat über die Schönheit gibt es in mehreren Variationen, ursprünglich nachzulesen im Roman „Der Idiot“. Dort heißt es wie hier oben in der Headline, kommt dann noch modifiziert in anderen Dostojewski-Texten vor und ist, da aus dem Russischen übersetzt, in seiner romantischen Gestalt etwas unzuverlässig – die Botschaft allerdings bleibt stets dieselbe. Mir begegnet der Satz zuerst in einem TV-Feature über eine russische Geigerin. Das alles ist mindestens zehn Jahre her, den Namen der jungen Künstlerin habe ich vergessen, an die Typografie des Beitrags aber kann ich mich fotografisch genau erinnern und deshalb bleibe ich bei meiner Fassung „Nur die Schönheit kann die Welt retten“, auch weil ich finde, dass es schöner klingt. Und darum geht’s ja schließlich.

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Totentanz in modernen Zeiten

Apropos Sensenmann. Es gibt in Thomas Manns Zauberberg eine Stelle, wo der Romanheld seinen Arzt bittet, kurz die eigene Hand hinter dem Röntgenschirm betrachten zu dürfen. Das war noch vor dem ersten Weltkrieg und ist darum für den feinnervigen Patienten unfassbar spektakulär:

„Und Hans Castorp sah, was zu sehen er hatte erwarten müssen, was aber eigentlich dem Menschen zu sehen nicht bestimmt ist, und wovon auch er niemals gedacht hatte, dass ihm bestimmt sein könne, es zu sehen: er sah in sein eigenes Grab.“ – Den Satz muss man sich selbst vorlesen und würdig, mit herabsinkender Stimme ausklingen lassen. Wer das Morbide mag, genießt diesen wohligem Grusel. Frei von Angst, allein aus schwermütiger Neugier heraus einmal kurz seine potentiellen Überreste anstarren und ins Grübeln verfallen. Mir gefällt sowas.

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