1648 – Lang erhoffte Friedenstaube

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Fünf Jahre schließlich dauert der Kongress zu Münster und Osnabrück. Im Ergebnis wird der Westfälische Frieden die maßgebliche diplomatische Referenz für alle späteren Konflikte in Europa. Selbst aus heutiger Sicht ist der Vertragsumfang monströs und detailverrückt. Da fällt einem spontan die Stammtisch-Parole von der europäischen Überregulierung ein. Ein absurder, aber immer wiederkehrender Vorwurf an ein normales Vertragsgefüge. Denn wie bitte sollen alle Interessen gewahrt werden, wenn man sie nicht glasklar definiert und verbindlich aufschreibt? Die so flapsig geforderte Großzügigkeit beim Abfassen von Verbindlichkeiten bezieht sich auch meist auf die Interessen der Anderen. Die eigenen Anliegen dagegen hat man gerne ausführlich getextet, in Schwarz auf Weiß, um sie getrost nach Hause zu tragen. Die Forderung nach simplen Konzepten zeugt vom Unverständnis für das komplizierte zivile Leben – wenngleich die ein oder andere Unternehmensberatung genau das vorschlagen würde. Im Falle des Westfälischen Friedens ist auch leider keine win-win-Situation mehr drin.

Im Chaos gibt es nur einen Gewinner: Frankreich. Einmal in der Erfolgsspur, geht darum auch dessen Krieg gegen Spanien eifrig weiter, was wiederum für den Rest Europas von Vorteil ist, da die frei gewordenen Söldnerheere nicht arbeitslos werden. Die Gefahr marodierender Truppen wäre somit wenigstens gebannt. Deutschland aber ist eine leblose Wüste, die Folklore trostlos …


Lang erhoffte Friedenstaube / Kommst du endlich in die Welt,
Da nach so viel Mord und Raube / Mars nun seien Abzug hält?
Segen träufelt jetzo nieder / Von dem Ölzweig, den du trägst,
Da der Zwietracht blut’ge Glieder / Du damit in Ketten legst.

O, wie voller grausam Streiten / Voller Elend, Angst und Not,
Waren jene Schreckenszeiten / O, wie hat gehaust der Tod!l
Unser schönes deutsches Lande / So zuvor so groß und frei –
O, der ew’gen Schmach und Schande! / Ist gleich einer Wüstenei.


Topografie der begrenzten Möglichkeiten

Die jahrelangen Friedensverhandlungen hinterlassen ein kurioses Abbild der geopolitischen Ansprüche und Machstrukturen. Ein Flickenteppich ist der Boden der Tatsachen. Man kann geteilter Meinung sein, inwieweit die Kleinstaaterei für den deutschsprachigen Raum überhaupt von Nachteil sein wird, jedenfalls führt die Zersplitterung unserer Landkarte dazu, dass in tiefsten Provinzen namhafte Universitäten entstehen und das Denken sich zur deutschen Kernkompetenz entwickelt. Sinnsuche geht auch für wenig Geld und im kleinen Kreis. Das zukünftige Land der Dichter und Denker ist wirtschaftlich für lange Zeit rückständig, aber nicht moralisch verwahrlost. Und weil es systembedingt auf Jahrhunderte keine deutsche Nation geben kann, entwickelt sich aus dem 30 Jahre währenden Albtraum auch garantiert kein nationales Trauma. Ein ordentlicher Knacks in der Mentalität ist aber grundsätzlich nicht auszuschließen.


„Der Friede ist das Beste aller Dinge“ (Silius Italicus)

Seit über 70 Jahren leben wir in Frieden und Freiheit und Europa ist auf einem nie gekannten Wohlstandsniveau. Es wäre abwegig, unsere sozial-politischen Herausforderungen in Europa auch nur ansatzweise mit dem Elend der Jahre 1618 bis 1648 zu vergleichen. Trotzdem erzeugt die Lektüre aktueller Bestseller über den Dreißigjährigen Krieg in mir ein surreales Unbehagen, als seien selbst die größten Geschichtskatastrophen wiederholbar und nichts ein für allemal abgehakt. Die Indizien für gesellschaftliche Verwerfungen, damals wie heute, sind erstaunlich ähnlich. Weil es immer wieder mit derselben ideologischen Brandstiftung beginnt. Das eigentliche Übel sind nicht die tatsächlichen Verhältnisse, das Übel sind die Aufwiegler, Miesmacher, Neider, die orthodoxen Ultras, Alt- und Neonazis, stupide YouTube-Verschwörer und -Hater, die aus Langeweile ihren zersetzenden Alltagsterror betreiben. Das Übel ist die niedere Gesinnung.

Dass die hochkultivierten europäischen Völker aus dem Drama des 30-jährigen Terrors nicht viel lernen und nach kurzen Phasen des Friedens stets in den primitiven Gewaltmodus verfallen, ist unbegreiflich. Aber durchaus nachvollziehbar, in Anbetracht der Zeitgeschichte mit ihrem Rückfall zu längst überwunden geglaubten Hierarchiemustern. Nun sind die Mächtigen der Welt zum Glück nicht mehr von Gottes Gnaden und aus derselben Inzucht, sondern vom Volk gewählt. Aber wer hätte gedacht, dass sich das Volk jetzt freiwillig die Dümmsten aussucht? Mit dem Amtsantritt Trumps befinden wir uns zumindest im Gesellschaftskrieg. Wir schießen nicht aufeinander, aber wenn moderne Volkswirtschaften nicht kooperieren, dann ist das verheerend genug.

Robert Menasse hat es in seinem Essay „Der europäische Landbote“ grundsätzlich so formuliert: „Friedensverträge zwischen den Nationen, das war die Erfahrung, sind das Papier nicht wert, auf dem sie verbrieft und besiegelt sind. Nationen – das war nun die Idee der Gründerväter des europäischen Friedensprojekts – müssen institutionell und ökonomisch so verflochten und in wechselseitige Dependenz gebracht werden, dass das Verfolgen jeglichen Eigeninteresses gar nicht mehr anders als in gemeinschaftlichem Handeln möglich ist. Nur so können Solidarität statt Nationalitätenhass, nachhaltiger Friede und gemeinsamer Wohlstand hergestellt werden.“


Nach langen Friedensphasen neigt der Mensch dazu, den Krieg zu verharmlosen. Und wer weiß, was sich in den Hirnen unserer Counter-Strike-Nachkommen ausbrütet?

Trilogie Teil 1, Teil 2