alles, was der Fall ist


Das erste Mal, dass ich in einem verwertbaren Zusammenhang von Ludwig Wittgenstein höre, ist in Edgar Reitz' monumentaler Filmchronik „Die Zweite Heimat.“ Wittgensteins frühes Hauptwerk ist ein dünnes Buch mit sieben Siegeln, aber über die Erzählkunst des Edgar Reitz wird mir das Ganze intuitiv etwas zugänglicher. In der Folge „Kennedys Kinder“ treibt sich der ewige Philosophiestudent Alex an einem verregneten Novembertag 1963 in München herum und versucht, freundlich palavernd, seine Freunde „auf die Probe zu stellen“, im Klartext: anzuschnorren. Zuvor hat er kurz in Wittgensteins „Tractatus logico philosophicus“ geschmökert, nun trifft er, das Buch noch in der Hand, im Park des Nordfriedhofs auf die von großen Sorgen geplagte, apathisch wirkende Clarissa. Mit dem Worten „So ein Zufall. Was machst du denn hier?“ fängt er sie ab und kommt mit einer weiteren Floskel ohne Umschweife ins Rezitieren. „Apropos Zufall, weißt du, was Wittgenstein dazu sagt?“

Neben ihr her trippelnd und ohne eine Antwort auf die rhetorische Frage abzuwarten, verliest er die Einleitungssätze: „Die Welt ist alles, was der Fall ist. Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen und nicht der Dinge. Die Welt ist durch die Tatsachen bestimmt, und dadurch, dass es alle Tatsachen sind“. Da seine Kommilitonin nicht reagiert, hakt er gelegentlich schüchtern nach: „Ist das nicht gut?“ oder „Schön nicht?“ Noch ein paar verwirrend ähnliche Sätze und dann die Schlussfolgerung: „Die Tatsachen im logischen Raum sind die Welt.“ Damit kommt er zum Punkt: „Apropos, Tatsachen im logischen Raum … könntest du mir für sieben Tage eventuell zwanzig Mark borgen?“

Clarissa hat gerade dasselbe Problem, allerdings in einer ganz anderen Größenordnung. So geht’s von einem Set zum nächsten, von einem Kommilitonen zum anderen – kurzum: Sowohl die Bettelei, als auch Wittgensteins kryptische Sprache stößt auf taube Ohren, weil alle vollauf mit dem beschäftigt sind, was in ihrer eigenen Welt gerade „der Fall ist“. Letztlich kommt dem klammen Alex der Zufall zu Hilfe, als er in einer Telefonzelle ein Portemonnaie findet. Er unterschlägt den Fund und gibt in seiner Studentenkneipe mit dem vielen Geld vor einem Freund damit an. Als Erklärung erfindet er eine geradezu romantische Legende, dass er für die „Stehgreif-Übersetzung eines kleinen Gedichts aus dem Russischen“ von einem wildfremden, alten Mann fürstlich entlohnt worden sei. Der Mann habe in Gefangenschaft den Text gelernt, ohne zu verstehen, was er bedeute. Der Aphorismus, angeblich von Puschkin, laute auf deutsch: „Ein Freund ist einer, der einem Geld borgt.“ Zur selben Zeit wird am anderen Ende der Welt in Dallas John F. Kennedy ermordet.

Der Film endet damit, dass sich alle Freunde, geschockt durch das Attentat, nach langer Zeit wieder gemeinsam treffen, in einem Raum versammeln. Die letzte Einstellung zeigt alle zusammensitzend, dicht gedrängt, reflektiert in einem großen Wandspiegel. Im Rahmen steckt ein Foto von Nikita Chruschtschow und John F. Kennedy wie sie sich anlächeln. Alex' Stimme aus dem Off resümiert: „Wie sagt Wittgenstein? Die Welt ist die Summe aller Tatsachen.“



„Die Welt zerfällt in Tatsachen,“ …

Das hört sich nach einem neutralen Streuprinzip an, aber so ist es nicht. Alle Tatsachen haben eine sehr unterschiedliche Bedeutung und nur eine einzige kann für uns die Welt verändern. Dass meine Welt in Tatsachen zerfällt, wird mir besonders dann bewusst, wenn mir die Tatsachen nicht gefallen oder erschrecken und mir auch nach langem Überlegen keine Möglichkeit einfällt, das Geschehene zu kompensieren. Solange man mit sich und der Welt halbwegs zufrieden ist, möchte man glauben, konstruktiv zu seinem Glück beigetragen zu haben. Wenn uns ein wahrhaft böses Ereignis heimsucht, begreifen wir die eigene Ohnmacht.

Insofern ist Edgar Reitz‘ filmische Parabel sehr ansprechend. Im selben Moment, da der Eine den Glauben an die Menschheit zurückfindet, auch wenn er sich die Story dazu selbst zusammenlügt, wird der Andere auf dem Höhepunkt seiner Popularität erschossen. Über Wohl und Wehe entscheiden Sekundenbruchteile und der Zufall.

Was Wittgenstein wohl meint, wenn er sagt, dass die Welt in Tatsachen zerfällt, ist,

dass die Dinge sind wie sie sind,
nichts reversibel ist, und dass es weder Schicksal
noch Zauberei gibt.



„Dancing Wittgenstein„ – Jazzrausch

The world is all that is the case.
The world is the totality of facts, not things.
The world is determined by the facts and by their being all the facts.
What is the case, a fact, is the existence of states of affaires.
A logical picture of facts is a thought.
A thought a is a proposition with a sense.
A proposition is a truth function of elementary propositions.
Anyone who understands me eventually must transcend these propositions,
and then he will see the world aright.

What we cannot speak about we must pass over in silence.