Dem deutschen Volke

Tanderadei – wir sind das Volk! Ein recht wohlhabendes, innenpolitisch sehr verwöhntes und in der Außenwirkung nicht immer sympathisches Volk, was an unserer unterschwellig schlechten Laune liegen mag. Die schlechte Laune ist föderal aber ungleichmäßig verteilt und wenn man besonders grummelige Volksgenoss*innen fragt, welches andere Land der Erde sich für einen durchschnittlich ambitionierten Lebensentwurf denn besser eignet, blickt man in verdutzte Gesichter. Manch einer beansprucht allein aufgrund seiner Staatsangehörigkeit einen gehobenen Lebensstandard. Eine moderne Solidargemeinschaft erlaubt ja erstaunlich viele Ungeniertheiten und so findet sich immer ein Reklamationsgrund – dem deutschen Volke geht's vielleicht zu gut.

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Alles neu!

Jeder hat ja die letzten Monate so seine eigene Methode um die Zeit totzuschlagen, klösterlich abgeschieden vor sich hin zu werkeln, im real-existierenden Home-Office oder mutterseelenallein im vertrauten Büro. Ohne nennenswerten Umsatz, aber mit stoisch verhaltenem Optimismus. Wer sich den Verzicht leisten kann, sortiert penibel seine Siebensachen, räumt wahlweise die Garage auf.

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Ikarus

In der siebten Klasse kommt eine neue Kunstlehrerin an unsere Schule und weil die ganz cool ist, melden sich viele zur freiwilligen Kunst-AG am Nachmittag. Einmal gibt es als Vorgabe ein klassisches Thema: die Sage von Dädalus und Ikarus. Keine Ahnung, was wir da pinseln sollen, überall großes Rätselraten. Auf Nachfrage bekommen wir dann eine kleine Einführung, was sich anfangs ganz gemütlich anhört. Aber Frau Tuschinsky, die wirklich so heißt, kann gelegentlich mit ihren großen Augen recht streng über ihre Hippie-Brille hinwegblicken. Sie geht durch die Reihen und echauffiert sich etwas zu doll über den leichtfertigen Sohn, den halbstarken Rotzlöffel, der den genialen Fluchtplan so elend scheitern lässt und so den armen Vater in die Depression treibt. Das kommt fast vorwurfsvoll rüber, so von oben herab, als hätten wir was verbockt. Dass dieser Vater in seiner Vorgeschichte ein Mörder aus niedrigen Beweggründen ist, erzählt sie nicht.

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Totentanz in modernen Zeiten

Apropos Sensenmann. Es gibt in Thomas Manns Zauberberg eine Stelle, wo der Romanheld seinen Arzt bittet, kurz die eigene Hand hinter dem Röntgenschirm betrachten zu dürfen. Das war noch vor dem ersten Weltkrieg und ist darum für den feinnervigen Patienten unfassbar spektakulär:

„Und Hans Castorp sah, was zu sehen er hatte erwarten müssen, was aber eigentlich dem Menschen zu sehen nicht bestimmt ist, und wovon auch er niemals gedacht hatte, dass ihm bestimmt sein könne, es zu sehen: er sah in sein eigenes Grab.“ – Den Satz muss man sich selbst vorlesen und würdig, mit herabsinkender Stimme ausklingen lassen. Wer das Morbide mag, genießt diesen wohligem Grusel. Frei von Angst, allein aus schwermütiger Neugier heraus einmal kurz seine potentiellen Überreste anstarren und ins Grübeln verfallen. Mir gefällt sowas.

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Deutschland ohne Sommermärchen

In der Nacht an Deutschland zu denken, bringt einen ja bekanntlich um den Schlaf. Wie tröstlich, Freunde zu haben, die einen frühmorgens erheitern, noch dazu, wenn sie zwei Karten fürs Stadion haben. Weltmeister Frankreich trifft auf Looser Germany. Kein Freundschaftsspiel – das gab’s vielleicht früher mal. Die neueste Erfindung heißt Nations-League. Nun gut, nicht gleich wieder negativ werden!

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Zefixhalleluja!

O Zeit der Zeichen und Symbole und leeren Verheißungen! Wenn es kein Geld gibt, werden blecherne Orden verliehen und wenn der Feind an den Grenzen lauert, gibt das Volk sein Gold für Eisen. Nun sammelt sich das bayerische Kabinett zum kleinen Kreuzzug für die absolute Mehrheit und zeigt allen Ungläubigen die Werkzeuge. Zur Kreuzigung? Bitte ins nächste öffentliche Gebäude – jeder nur ein Kreuz!

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Erinnerung an Jochen Schlemmermeyer

Mein Kollege Schlemmermeyer ist ein sehr angenehmer, positiver Mensch, belesen, mit vielen Interessen und Qualitäten und einem beneidenswert breiten Freundeskreis. Der Schlemmermeyer ist ein großer, drahtiger Kerl, ein Bergfex, Skilehrer und Segler, Gitarren- und Zitherspieler. Einer, der das Dasein auf unspektakuläre Weise, aber souverän in vielen Facetten genießt – fast ein Lebenskünstler.

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Schnee von gestern

Warum Schnee aus der Vergangenheit einen so schlechten Ruf hat, ist mir unverständlich. Denn gerade, wenn man zu wenig davon hat, sind Fotos von glitzernden Schneelandschaften, sofern man sie selbst bewandert hat, im Nachhinein ein erbauliches Meditationsmedium. Hier also die Nachbilder eines Spaziergangs am Jahresende. Ob's chronologisch stimmt oder nicht – zwischen die letzten Beiträge und dem folgenden gehört genau diese bayrisch surreale Idylle.

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Das moralische Gesetz in uns

Wem Trumps Thronbesteigung verständlicherweise die Sprache verschlagen hat, sollte sich langsam aber sicher aus der Schockstarre lösen, denn in naher Zukunft wird unsere ganze Aufmerksamkeit verlangt. Ein leises Gemaule reicht nicht gegen die vorlauten Dumpfbacken, die sich gesucht und nun gefunden haben, ab sofort aber von uns kräftigen Gegenwind spüren müssen. Egal, wie altklug sich das jetzt anhört: es geht um nichts weniger, als um die Ideale der Aufklärung und unsere moralischen Verpflichtungen. Die Meisten langweilt vielleicht der philosophische Überbau unseres Systems, aber ohne den können wir einpacken. Durch weltferne Ignoranz riskieren wir leichtfertig den Verlust unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

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Wir Halbweisen aus dem Abendland

Vor langer Zeit – die Grundschule hieß noch Volksschule – fragte der Pastor im Religionsunterricht nach der Bedeutung des Kürzels C+M+B, das die Sternsinger Jahr für Jahr mit Kreide auf die Haustür schreiben. Das wusste ich, der Pastor aber lächelte nur milde über meine kindliche Antwort. Nein, natürlich bedeute das nicht einfach Caspar, Melchior und Balthasar. Wär' ja auch zu leicht gewesen. Daraufhin schrieb er selbst einen kryptischen Text an die Tafel, drehte sich wieder zu uns und wartete geduldig, dass einer ihn fragte, was das heißt. Hat dann aber keiner gemacht, weil's wohl keiner wirklich wissen wollte und drum hat er's sich einfach noch mal selbst erklärt: Christus mansionem benedicat, Christus segne dieses Haus!

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