Dem deutschen Volke

Tanderadei – wir sind das Volk! Ein recht wohlhabendes, innenpolitisch sehr verwöhntes und in der Außenwirkung nicht immer sympathisches Volk, was an unserer unterschwellig schlechten Laune liegen mag. Die schlechte Laune ist föderal aber ungleichmäßig verteilt und wenn man besonders grummelige Volksgenoss*innen fragt, welches andere Land der Erde sich für einen durchschnittlich ambitionierten Lebensentwurf denn besser eignet, blickt man in verdutzte Gesichter. Manch einer beansprucht allein aufgrund seiner Staatsangehörigkeit einen gehobenen Lebensstandard. Eine moderne Solidargemeinschaft erlaubt ja erstaunlich viele Ungeniertheiten und so findet sich immer ein Reklamationsgrund – dem deutschen Volke geht's vielleicht zu gut.

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Alles neu!

Jeder hat ja die letzten Monate so seine eigene Methode um die Zeit totzuschlagen, klösterlich abgeschieden vor sich hin zu werkeln, im real-existierenden Home-Office oder mutterseelenallein im vertrauten Büro. Ohne nennenswerten Umsatz, aber mit stoisch verhaltenem Optimismus. Wer sich den Verzicht leisten kann, sortiert penibel seine Siebensachen, räumt wahlweise die Garage auf.

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Ikarus

In der siebten Klasse kommt eine neue Kunstlehrerin an unsere Schule und weil die ganz cool ist, melden sich viele zur freiwilligen Kunst-AG am Nachmittag. Einmal gibt es als Vorgabe ein klassisches Thema: die Sage von Dädalus und Ikarus. Keine Ahnung, was wir da pinseln sollen, überall großes Rätselraten. Auf Nachfrage bekommen wir dann eine kleine Einführung, was sich anfangs ganz gemütlich anhört. Aber Frau Tuschinsky, die wirklich so heißt, kann gelegentlich mit ihren großen Augen recht streng über ihre Hippie-Brille hinwegblicken. Sie geht durch die Reihen und echauffiert sich etwas zu doll über den leichtfertigen Sohn, den halbstarken Rotzlöffel, der den genialen Fluchtplan so elend scheitern lässt und so den armen Vater in die Depression treibt. Das kommt fast vorwurfsvoll rüber, so von oben herab, als hätten wir was verbockt. Dass dieser Vater in seiner Vorgeschichte ein Mörder aus niedrigen Beweggründen ist, erzählt sie nicht.

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Citizenfour – Permanent Record

Die absolut wahnwitzigste Nachwirkung auf die Katastrophe des 11. September 2001 ist die digitale Aufrüstung der US-Geheimdienste. Schon Tage später beginnt die Arbeit an einer Anti-Terror-Strategie, die zur Totalüberwachung der gesamten Menschheit führen könnte. Ein Konzept, das alle Hightech Register zieht. Naheliegend, dass sich die Amerikaner auf ihre IT-Infrastruktur verlegen, denn auch wenn längst andere Mächte die Zukunft der Welt mitbestimmen, das Internet gehört von Anfang an und weiterhin den Amerikanern. Man achte nur einmal in Google-Analytics auf die seltsam umfassenden Zugriffe aus der Kleinstadt Ashburn, Virginia.

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Totentanz in modernen Zeiten

Apropos Sensenmann. Es gibt in Thomas Manns Zauberberg eine Stelle, wo der Romanheld seinen Arzt bittet, kurz die eigene Hand hinter dem Röntgenschirm betrachten zu dürfen. Das war noch vor dem ersten Weltkrieg und ist darum für den feinnervigen Patienten unfassbar spektakulär:

„Und Hans Castorp sah, was zu sehen er hatte erwarten müssen, was aber eigentlich dem Menschen zu sehen nicht bestimmt ist, und wovon auch er niemals gedacht hatte, dass ihm bestimmt sein könne, es zu sehen: er sah in sein eigenes Grab.“ – Den Satz muss man sich selbst vorlesen und würdig, mit herabsinkender Stimme ausklingen lassen. Wer das Morbide mag, genießt diesen wohligem Grusel. Frei von Angst, allein aus schwermütiger Neugier heraus einmal kurz seine potentiellen Überreste anstarren und ins Grübeln verfallen. Mir gefällt sowas.

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Deutschland ohne Sommermärchen

In der Nacht an Deutschland zu denken, bringt einen ja bekanntlich um den Schlaf. Wie tröstlich, Freunde zu haben, die einen frühmorgens erheitern, noch dazu, wenn sie zwei Karten fürs Stadion haben. Weltmeister Frankreich trifft auf Looser Germany. Kein Freundschaftsspiel – das gab’s vielleicht früher mal. Die neueste Erfindung heißt Nations-League. Nun gut, nicht gleich wieder negativ werden!

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Zefixhalleluja!

O Zeit der Zeichen und Symbole und leeren Verheißungen! Wenn es kein Geld gibt, werden blecherne Orden verliehen und wenn der Feind an den Grenzen lauert, gibt das Volk sein Gold für Eisen. Nun sammelt sich das bayerische Kabinett zum kleinen Kreuzzug für die absolute Mehrheit und zeigt allen Ungläubigen die Werkzeuge. Zur Kreuzigung? Bitte ins nächste öffentliche Gebäude – jeder nur ein Kreuz!

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Ein merkwürdiges Gerücht

In wissenschaftlichen Kreisen hält sich das Gerücht, der Mensch sei mit vernünftigen Argumenten zu überzeugen. Wir aber wissen, dass alles, tatsächlich ALLES, immer nur von subjektiven Gefühlen abhängt.

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Flitcraft und der blinde Zufall

„Er, der gute Bürger, Ehemann und Vater konnte rein zufällig so zwischen Büro und Restaurant von einem herabstürzenden Balken ausgelöscht werden! Da ging ihm auf, dass Menschen durch Zufälle wie diesen starben und nur lebten, solange sie der blinde Zufall verschonte.“

Diese mulmige Erkenntnis entstammt Dashiell Hammetts Detektivklassiker „Der Malteser Falke“. In regelmäßigen Abständen, wenn mal wieder in persönlicher oder räumlicher Nähe ein Beinahe-Crash passiert ist, meldet sich diese kleine Parabel in meinem Oberstübchen zurück. Dann schreibt die Realität ähnliche Geschichten wie sie in der Literatur vorkommen und macht mir wieder deutlich, dass es genauso gut umgekehrt funktioniert: Das wahre Leben mit seinen tödlichen Späßen findet Eingang in die Fiktion und dann eben auch irgendwann wieder heraus. – Ein geniales Beispiel für dieses künstlerische In-And-Out ist jener Fall des Mr. Flitcraft, der dem Schriftsteller Hammett in seinem Vorleben als Detektiv genauso widerfahren ist.

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Erinnerung an Jochen Schlemmermeyer

Mein Kollege Schlemmermeyer ist ein sehr angenehmer, positiver Mensch, belesen, mit vielen Interessen und Qualitäten und einem beneidenswert breiten Freundeskreis. Der Schlemmermeyer ist ein großer, drahtiger Kerl, ein Bergfex, Skilehrer und Segler, Gitarren- und Zitherspieler. Einer, der das Dasein auf unspektakuläre Weise, aber souverän in vielen Facetten genießt – fast ein Lebenskünstler.

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