welcome to the human race!


Die Ampelmännchen haben ihre Schuldigkeit getan, die Ampelmännchen können gehen. Sorry, noch ein zynischer Witz bei all dem chaotischen Gezänk jetzt. Aber Dreiecksbeziehungen entwickeln nun mal keine friedliche Gruppendynamik, das kann man sich einfach nicht schönreden. Das Foto oben ist übrigens vor langer Zeit im Deutschlandmuseum in Berlin auf einer Abgeordnetenfahrt entstanden. Damals waren wir alle noch fröhlich und unbeschwert und auch ein kleines bisschen stolz auf unsere politische Kultur – das ist jetzt 10 Jahre her und fällt sogar in die eher uninspirierte Merkel-Ära, aber das nervige Gejammer und die Dauerempörung der deutschen Volksseele waren noch nicht so penetrant wie heute. Tragische Erkenntnisfrage: Gerät eine Demokratie ins Wanken, wenn man sie ernst, sozusagen wörtlich nimmt? Die Herrschaft des gesamten Volkes senkt dann wohl gefährlich das an sich bereits labile Bildungsniveau. Klingt schon wieder zynisch, ist aber so.

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Tom Rücker, Senior AD

TR, mein Lieblingschef von 1985-87, Foto: Anne Rücker


Vor 10 Jahren ist mein erster Agenturchef Tom Rücker gestorben, ohne dass ich es mitbekommen habe – traurig. Das genaue Datum ist mir unbekannt. Am 19. August 2014 war in der Augsburger Allgemeinen davon zu lesen, im kurzen Nachruf leider nur ein paar Belanglosigkeiten. Man bemühte sich, das künstlerische Werk zu sortieren, dabei war Tom Rücker die meiste Zeit seines Lebens ein genialer Kommunikationsdesigner, ein virtuoser Cartoonist und Inhaber mehrerer Werbeagenturen. In drei davon, jeweils mit Unterbrechungen, war ich mit von der Partie.

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Keine Panik – willkommen im Chaos!


Alles nicht so einfach: das Universum, das Leben und der ganze Rest sind kompliziert. Auch wenn wir als Designer*innen stets bemüht sind, alles so einfach wie möglich zu halten oder darzustellen, damit jeder gut zurechtkommt und Gefallen findet an der kommerziellen Wirklichkeit. Tatsache ist, die Dinge werden immer verzwickter. Zudem wird die Welt nicht besser – auch das steht fest – und die Aussicht, dass diese Katastrophenwelt in Donald Trump im Jahr 2025 ein repräsentatives Oberhaupt findet, ist eine zynische Metapher, wie sie nur das gefühlskalte Leben selbst hervorbringen kann. Amerika, auf das man sich noch leidlich verlassen konnte, hat's wohl endgültig vermasselt.

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Liverbird – You'll Never Walk Alone

Illustration: Titus Dannhöfer


Ein letztes Fabeltier darf nicht fehlen: Der Liverbird! [ˈlaɪvər bɜrd] wird komischerweise „Laiverbörd“ ausgesprochen, also nicht wie im Stadtnamen Liverpool. Anfangs halte ich diesen mythischen Vogel noch für eine Art Phönix. Seit der Erfindung des Internets bin ich schlauer. Der Liverbird ist ein Mischwesen aus Kormoran und Adler, hat seine Wurzeln in der Seefahrtsgeschichte Liverpools und steht für Schutz und Wohlstand. Seit dem 13. Jahrhundert ziert er das Wappen der Stadt.

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Palaverpause


Neulich sitzen wir mit ein paar Leuten im Café¹ und unterhalten uns. Ich sage was, dazu fällt meinem Gegenüber P auch was ein und der übernimmt meinen Gesprächsfaden. Das heißt, er reißt den Faden eher beiläufig ab, wie man das halt so macht, entschuldigt sich höflich dafür, mich unterbrochen zu haben. Ich bedeute ihm, weiterzureden, was er kurz versucht, woraufhin ihm F, der neben mir sitzt, ebenso ins Wort fällt. P überlässt nun F das Thema, weist aber noch sanft darauf hin, dass er selbst mich bereits unterbrochen habe, doch jetzt ist F am Drücker und ich habe nun tatsächlich die zweite Hälfte meines Satzes längst vergessen. Wird nicht so wichtig gewesen sein, denkt man dann.

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Winterstille '24

Marienkapelle bei Auing


Leicht ist's, folgen dem Wagen,
Den Fortuna führt,
Wie der gemächliche Tross
Auf gebesserten Wegen
Hinter des Fürsten Einzug.

Aber abseits wer ist's?
Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad,
Hinter ihm schlagen
Die Sträuche zusammen,
Das Gras steht wieder auf,
Die Öde verschlingt ihn.

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aus Goethes „Harzreise im Winter“

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Äquinoktium


„Indessen nahte der September heran. Die Felder waren leer, das Laub begann abzufallen, und mancher Hektische fühlte die Schere an seinem Lebensfaden. Auch Johannes erschien unter dem Einflusse des nahen Äquinoktiums zu leiden; die ihn in diesen Tagen sahen, sagten, er habe auffallend verstört ausgesehen und unaufhörlich leise mit sich selber geredet, was er auch sonst mitunter tat, aber selten. Endlich kam er eines Tages nicht nach Hause.“



Diese düster-romantische Textstelle findet sich in Annette von Droste-Hülshoffs Judenbuche, im Moment als Vorlesepodcast zu haben. So kann ich mich des Nachts, aus dem Schlaf aufgeschreckt, gleich wieder literarisch einlullen lassen, was am besten funktioniert, wenn man die Story schon kennt, nicht unbedingt zuhören muss.

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swer dirre wunne volget, …

Foto: AdobeStock


Dann und wann im Kalligrafie-Unterricht, beim Improvisieren, also wenn man zufällige Wortschnipsel aus dem Hinterkopf verarbeitet, geraten mir schon mal ein paar mittelhochdeutsche Vokabeln aufs Papier. Passiert jetzt häufiger, was daran liegen kann, dass ich nun ein angebliches „beklagenswertes“ Alter erreicht habe – wenn man dem von mir so geschätzten Walther von der Vogelweide glauben mag. Nun ja, eigentlich hält sich der philosophische Frust bei mir in Grenzen, aber einen Grund wird es schon haben, weshalb dessen Verse aus der Erinnerung aufblitzen.

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Die Winterlinde

… auf dem Rückweg vom Westfriedhof.


Münchens ältester Baum steht unmittelbar vor dem Westfriedhof. Die weitausladende Linde ist nach dem Landschaftsmaler Röth benannt, der sich in vorimpressionistischen Zeiten ausgiebig mit ihr beschäftigt. Meine ersten Jahre in München wohne ich in unmittelbarer Nähe und fahre jeden Tag zweimal an ihr vorbei, ohne sie zu beachten. Besser spät, als nie …

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imagine


Weßlinger See, August 2023


Mit entspanntem Gemüt am See hocken und in einen Sonnenuntergang mit Wölkchen zu blicken, ist das Meditationsklischee schlechthin. Wenn sich der Gedankenstrom mit dem Treiben am Himmel synchronisiert, zerstreut sich das Gewohnte und macht, mit etwas Glück, Platz für eine neue Idee. Dann schnurrt die Imagination¹, unsere eigentliche Kreativkraft, die stets anregendes – sentimentales oder visuelles – Material sucht, egal aus welcher Sphäre es kommt, ob es uns nun erfreut, verblüfft oder verwirrt. Beispielsweise diese Herzen am Himmel, die man im Moment der Aufnahme gar nicht bemerkt, sondern erst, wenn man sich später in Ruhe das Foto anschaut.

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