Bauhaus 1919 – Gedanken zum Jubiläum

Engagierte Kunstschulen, vor allem solche, die das gesamte Spektrum des Designs, das Kunstgewerbe und die Architektur mit einbeziehen, haben für mich etwas sehr Friedvolles und Glückverheißendes. Eine goldene Zukunft erwartet die Gesellschaft, die sich ein solches Experimentierfeld leistet und vermeintlich nichtsnutzigen Menschen das Vertrauen schenkt, sich um die Vernetzung von Volkswirtschaft und Kultur zu kümmern. Eine Zukunft der gegenseitigen Wertschätzung und Besinnung auf die Schönheit des Lebens, meist als Rück-Besinnung auf die zuvor selbst und leichtfertig zerstörte eigene Hochkultur. Nicht selten, dass solche „Musentempel“ nach überlebten Kriegstraumata gegründet werden, wie das Bauhaus in Weimar nach dem Ersten Weltkrieg oder die Ulmer Hochschule für Gestaltung nach dem Zweiten Weltkrieg.


Kultur ist zerbrechlich. Im Grunde kennt jeder diesen Gedanken, wenn er, ob im Urlaub oder auf irgendeiner netten Veranstaltung die Mitmenschen im Einklang mit sich selbst erlebt und sich nicht erklären kann, wie daraus eine Horde von Barbaren werden kann, die sich gegenseitig die Rübe einschlagen. Das Bauhaus Weimar, Dessau, Berlin hat gerade einmal 14 Jahre Zeit um berühmt zu werden, bevor mit der Machtergreifung wieder alles platt gemacht wird.

Das Bauhaus mit seinem progressiv-esoterischen Programm ist schon etwas ganz Besonderes, vielleicht sogar Elitäres, mit seiner ambivalenten Methodik, seinen prominenten Lehrkräften: kosmopolitische Persönlichkeiten wie Architekt Gropius, Kunstgrößen wie Kandinsky und Klee oder auch ein Guru wie Johannes Itten. Die HfG in Ulm hat sich explizit nie in der Nachfolge gesehen, wollte mit diesem Zauber nichts zu tun haben. Wie auch das Bauhaus sich programmatisch aus seiner zeitgenössischen Kultur ausklinkt. Wer sich bewusst macht, wie grausam der Absturz aus dem Elysium des Jugendstils gewesen sein muss, versteht vielleicht, weshalb man Schwärmerei fortan verachtet, dem Ornament zutiefst misstraut und nach einfacher, „ehrlicher“ Formgebung sucht. Die lebensreformerischen Motive um 1900 hätten die Basis für eine wunderbare Zukunft sein müssen – der Erste Weltkrieg setzt allen Traumtänzern ein Ende.

Eine rückwärtige Verklärung hilft uns da genauso wenig, auch wenn uns der Positivismus des 19. Jahrhunderts in der heutigen Zeit etwas helfen würde. Damals schaut Europas Gesellschaftselite selbstbewusst in die Zukunft und erfreut sich technischer Errungenschaften ganz ohne Reue. Das kulturelle Leben gehört aber lediglich einer kleinen abgehobenen Society, das Proletariat hat davon gar nichts. Kultur macht nicht satt und reicht nicht aus die Miete zu zahlen. Kultur bleibt aber stets ein Indikator für eine psychisch gesunde Gesellschaft und ihr Vertrauen in die Zukunft.

Das 20. Jahrhundert war trotz allem Kultur-Input die bislang schlimmste Epoche der Neuzeit. Kultur bewahrt also nicht vor Barbarei. Schon Max Frisch war entsetzt darüber, dass Menschen, die denselben Musikgeschmack hatten wie er selbst und genauso ergriffen einer klassischen Sinfonie lauschten, andererseits kaltherzig die größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte begehen konnten. Wir bewahren uns unsere Kultur nur, indem wir unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung verteidigen. Das geht gelegentlich vielleicht sogar im Theater oder im Museum. In der Hauptsache aber im alltäglichen Dialog und lautstark auf der Straße.


Bauhaus 2019 – Wehret den Anfängen!

Die Vorbereitung auf das Bauhaus-Jubiläum war schon in diesem Jahr ein Pressethema, als sich Nazipöbel zu einem Konzert im fein renovierten Bauhaus Dessau ankündigte. Aus Sorge um die kostbare Architektur hatte man die Veranstaltung abgeblasen – eine schwache Nummer. Wer Angst hat, dass ihm im Streit die Verzierung abbricht, darf sich nicht wundern, wenn der rechte Mob wieder ins Rollen kommt. Womit wir wieder beim verdächtigen Ornament wären.