Camille – Sternbild Schütze*

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„Ich hätte lieber einen attraktiveren Beruf. Wenn ich noch einmal meine Karriere wechseln könnte, würde ich das vorziehen. Diese unglückliche Kunst ist eher für lange Bärte und hässliche Gesichter als für eine relativ gut ausgestattete Frau gemacht.“ – Camille Claudel




Anfang der Achtzigerjahre bin ich auf meiner Parisreise sichtlich überfordert vom Format der Metropole. An einem Nachmittag findet sich dann unverhofft eine Oase der Ruhe in der Anlage des Musée Rodin, mit seiner wundervollen Gartenarchitektur und all seinen erlesenen Skulpturen und Plastiken. Hier hat man nur Augen für die „Bürger von Calais“, den „Denker“ oder die wuchtige Figur des „Balzac“. Obwohl die kleinen Tonmodelle und Vorstudien ebenso wunderbar sind. Allerdings ordne ich das gesamte Œuvre dem Meister allein zu, obwohl sich im Musentempel an der Rue de Varenne sicher auch zahlreiche Arbeiten von Camille Claudel befinden. Für diese außergewöhnliche Künstlerin bin ich zu diesem Zeitpunkt noch völlig blind – Asche auf mein Haupt. Jahre später sitzen wir mit Freunden andächtig im ARRI-Kino und lassen uns von Isabelle Adjani becircen.

Man kann mit Genie und Trotz gegen alle Widerstände sehr weit kommen und am Ende wieder alles verlieren. Die Kunstgeschichte ist voll von Schicksalen, die ein tragisches Ende nehmen, was sich fürs Publikum ungemein interessant ausnimmt, und manchmal stehen jene, die im Leben und in der Kunst gescheitert sind, sogar unter Verdacht, dass sie hauptsächlich ihrer illustren Tragik wegen berühmt geworden sind – posthum. Das ist doppelt ungerecht: Die Sensation überlagert das Werk, und die gönnerhafte Seligsprechung durch die Nachwelt verkitscht den Zugang zur Kunst.

Camille Claudel ist eine der außergewöhnlichsten Künstlerinnen ihrer Zeit. Als Rodins Schülerin steht sie lange in seinem Schatten. Erst Jahrzehnte nach ihrem Tod beginnt die Kunstwelt, ihr Werk in seiner Eigenständigkeit zu würdigen. Ihr Leben ist exemplarisch für den schwierigen Weg einer Frau, die im männlich dominierten Kunstbetrieb des 19. Jahrhunderts um Anerkennung kämpft.


„Die Flehende“, Bronze, 1905 – aus der Ausstellung in der Alten Nationalgalerie, Berlin 2025 · Foto: shutterstock


Camille Claudel ist in dieser Hinsicht aber auch ein warnendes Exempel für alle, die romantische Hoffnungen in das Leben im Allgemeinen und den Kunstmarkt im Besonderen setzen. Wer sich mit seinen Gefühlen in der Öffentlichkeit so schonungslos ehrlich macht, spielt mit hohem Einsatz. In unserer heutigen Popkultur ist das Intime und Emotionale akzeptiert, in Camilles Kunst war die Zurschaustellung in flehender Pose, speziell für ihre Familie, eine peinliche Angelegenheit. Wer bettelt, verspielt seine Reputation. Die Künstlerin rechnet mit der Gunst des Publikums, stößt jedoch oft auf Dünkel und Befremden. Mit diesem Vertrauensbruch muss man umgehen können. Dabei ist Camille ja durchaus selbstbewusst, nicht gerade selbstlos und versteht sich zu wehren. Sie ist sehr fordernd, bekommt am Ende aber trotzdem deutlich weniger, als sie verdient.

Als Tochter eines Beamten und einer streng religiösen Mutter zeigt Camille Claudel schon früh ein starkes künstlerisches Talent, das insbesondere ihr Vater fördert, während die Mutter diesem Weg mit Skepsis und unverhohlener Missgunst begegnet. Im Jahr 1881 zieht die Familie dennoch nach Paris, damit Camille eine professionelle Ausbildung in der Bildhauerei beginnen kann. Da die École des Beaux-Arts zu jener Zeit keine Frauen aufnimmt, besucht sie die Académie Colarossi, eine der wenigen Kunstschulen, die weibliche Studierende zulässt. 1883 tritt Camille Claudel in das Atelier von Auguste Rodin ein, damals bereits einer der bedeutendsten Bildhauer Frankreichs. Zwischen den beiden entwickelt sich rasch eine intensive künstlerische und emotionale Beziehung. Camille wird nicht nur seine Schülerin, sondern auch seine engste Mitarbeiterin und Geliebte. Sie arbeitet an wichtigen Projekten mit, unter anderem an den „Bürgern von Calais“.

„La Valse“ – Sinnesrausch und Absturz

Ende der 1880er Jahre beginnt Camille, sich von Rodin zu lösen und eigene Werke zu schaffen. Skulpturen wie „Der Walzer“ – dessen erste Entwürfe bereits 1889 entstehen – zeugen von einer tiefen Emotionalität und einem neuartigen Verständnis von Bewegung. Das impressionistische Werk mit seiner extremen Diagonalstellung verweist schon deutlich auf den Jugendstil. Vor einigen Jahren habe ich diese kleine Kostbarkeit in der Alten Pinakothek „en passant“ fotografiert. Die Künstlerin hat ursprünglich drei Versionen von der Bronze hergestellt. Der Abguss in München ist 25 cm hoch und stammt aus dem Jahr 1905. Das erste bei öffentlichen Stellen eingereichte Tonmodell wurde wegen zu offensiver Nacktheit als zu erotisch abgelehnt. Aber auch die letztlich akzeptierte Fassung galt immer noch als frivole Angelegenheit. Es sind schließlich keine allegorischen oder biblischen Figuren, keine Götter, sondern echte Menschen im Rausch ihrer Sinne. Gerne mit einer Überdosis Pathos.

Leider steht die Vitrine nicht im Raum, sondern an der Wand – eine Vollplastik, die man nicht von allen Seiten betrachten kann, schade drum. Die weibliche Figur ist inspiriert von der damals populären Tänzerin Loïe Fuller, einer Pariser Modern-Dance-Berühmtheit, die uns auch aus der Plakatkunst vertraut ist. Die Skulptur hat einen ganz provokanten Schwerpunkt. Formales Prinzip ist die instabile Dynamik in der Bewegung, der quasi einkalkulierte Sturz des Tanzpaars ist ganz bewusst inszeniert. Man sieht es auf dem Foto nicht so sehr, aber die Figur steht schon gefährlich schräg! Dabei kann ich mir bildhaft vorstellen, wie Camille das Statik-Problem als Allererstes löst, indem sie einen riesigen Tonklumpen für das Kontergewicht wuchtig zurechtknetet. Die Ausdeutung ist schnell erledigt: Dreiviertelgetakteter Liebestaumel mit einkalkuliertem tiefen Fall.


„Der Walzer“, Bronze, 1905 – ihr berühmtestes Werk, derzeit in der Alten Pinakothek. · Foto: HHE


Mir war „Die Welle“ von 1898, mit den drei weiblichen Akten immer besonders sympathisch. Ein charmanter Querverweis an den Weihnachts-Beitrag vom letzten Jahr. Camilles Hommage an die Kunst Japans ist sehr jugendstilig in der Materialkombination mit Onyx-Marmor und in seiner Aussage ähnlich ambivalent. Was bei Hokusai für die Unerbittlichkeit des Lebens steht, zeigt sich hier auf den ersten Blick unbeschwert. Man kann selbst entscheiden, ob damit wagemutige Badefreuden unter Naturgewalten oder ein letzter Tanz unter der alles verschlingenden Woge gemeint ist.


„Die Welle“, Bronze und Onyx, 1898 – Eine Hommage an Hokusai · Bildquelle Wikipedia


Mittlerweile ist Camille von der Assistentin zur eigenständigen Künstlerin geworden, mit einem unverwechselbaren Stil. Ihre Werke zeigen eine tiefgehende Sensibilität, verbunden mit technischer Virtuosität. Während Rodins Figuren oft von massiver Körperlichkeit geprägt sind, zeichnen sich Claudels Skulpturen durch eine feinere, poetische Ausdruckskraft aus. Man wird diese teilweise schutzlose Offenheit ihres Seelenlebens als Zerbrechlichkeit oder gar als Labilität deuten. Spontan sucht das Publikum nach dem anekdotischen Hintergrund, was gerade Künstlerinnen, insbesondere im bürgerlichen Milieu jener Zeit, zum Verhängnis werden kann.

Das Leben von Camille Claudel lässt sich plakativ in zwei Hälften teilen: Zunächst die hochproduktive Sturm-und-Drang-Phase, dann der apathische Rest ihres Lebens – ohne jegliche Produktivität – im Irrenhaus. Im 19. Jahrhundert sind emotionale Ausraster besonders für Frauen gefährlich. Frauen, die offen ihre Verzweiflung zeigen, werden schnell als „hysterisch“ abgestempelt und im schlimmsten Fall weggesperrt. Bei Camille Claudel zeigt sich aber ganz offensichtlich schon früh ein Charakter mit paranoiden Tendenzen, was letztlich, im Alter von etwa 40 Jahren, in einer paranoiden Psychose endet. Gelegentlich wird diese Diagnose angezweifelt und als grausame Härte romantisch verklärt. Die Biografin Reine-Marie Paris¹, als Enkelin von Paul Claudel sicher nah dran an der Familiengeschichte, widmet der psychischen Krankheit ein umfassendes Kapitel. Darin konstatiert ein Facharzt: „Dass Camille Claudel psychisch tatsächlich gestört war, wird daraus deutlich, von Anfang bis Ende. Doch das Bild der beeindruckenden Frau wird dadurch keineswegs beeinträchtigt.“

Dass sie aufgrund ihrer Frustrationen und der Diskriminierung zudem an manisch-depressiven Störungen litt, ist nachvollziehbar. Camille war schon als Kind ein überaus anstrengender Charakter und seitdem in ihren Leidenschaften ungebremst. Man könnte es als flatterhaft, exzentrisch und hyperaktiv abtun, doch in ihrem Sozialverhalten war sie leider unberechenbar.

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¹ Reine-Marie Paris Camille Claudel, S. Fischer Verlag


„Das reife Alter“, Bonze, 1893-1899 – Die „Flehende“ ist Teil davon, siehe oben · Foto: shutterstock


Die Beziehung zwischen Claudel und Rodin zerbricht um 1892. Gründe dafür sind künstlerische Spannungen wie auch Rodins Weigerung, seine langjährige Lebensgefährtin Rose Beuret zu verlassen. Nach der Trennung zieht sich Camille zunehmend zurück. Sie arbeitete weiter, schafft bedeutende Werke wie „Das reife Alter“, 1899, in dem sie symbolisch die Trennung von Rodin und sich selbst darstellte: Eine ältere Frau zieht einen Mann von einer jüngeren, flehenden Frau fort: ein schmerzliches Selbstporträt in allegorischer Form.

Traum und Albtraum – diese unglückliche Kunst für lange Bärte

Mit 40 Jahren ist Camille auf der Höhe ihres Ruhms. Sie hat sich einen festen Platz in der Kunstszene erkämpft – eine Powerfrau, wenngleich keine Frauenrechtlerin, sondern zielstrebig auf das eigene Fortkommen fixiert. So scheint es seltsam, weshalb die bis dahin anerkannte Künstlerin psychisch komplett zusammenbricht. Sie isoliert sich immer mehr und verwahrlost regelrecht.

Hauptursache ist ihr zunehmender Verfolgungswahn, aber auch der hat seinen Nährboden, nämlich die allgemeine Missachtung gegenüber Frauen, die Misogynie, für die das 19. Jahrhundert besonders berüchtigt ist. Camille hat diese Niederträchtigkeit der Bourgeoisie nie akzeptiert, weshalb sie auch entsprechend heftig reagiert, wenn ihre Karriere auf zu niedrigem Niveau stagniert. Camille mag sehr weit gekommen sein – für eine Frau. Aber absolut nicht weit genug, gemessen an ihrer künstlerischen Qualität. Die Kritik lobt sie überschwänglich, ja zeigt sich regelrecht verwundert über das Phänomen der „weibliche Genialität“, doch öffentliche Aufträge bleiben aus, kommerziell wird sie als Frau nicht ernst genommen. Dass sie sich in ihrer Verzweiflung auf den langbärtigen Rodin als Hassfigur kapriziert, erscheint mir plausibel.



„Ich nahm alle meine Wachsstudien und warf sie in das Feuer, so ist es, wenn mir etwas Unangenehmes passiert. Ich nehme meinen Hammer und zerquetsche eine Figur.”



Diese mangelnde Anerkennung ihres eigenen Schaffens führt bei ihr zu zunehmender Verzweiflung. Sie entwickelt immer größere Wahnvorstellungen, glaubt, Rodin wolle sie vernichten und ihre Werke stehlen. Fortan zerstört sie viele ihrer eigenen Skulpturen. Im Jahr 1913, kurz nach dem Tod ihres Vaters, ihres einzigen Unterstützers, lässt ihre Mutter sie in eine psychiatrische Klinik einweisen. Die Formulierung „auf Wunsch“ bedeutet lediglich, dass die Einweisung nicht behördlich erzwungen ist, sondern auf Initiative der Familie erfolgt, die folglich über Camille entscheiden darf. Letztlich hat ihr das nichts genützt, denn die Familie bleibt hart und Camille bis zum Lebensende eingesperrt.

Und nun ist da ein wenig beachteter Aspekt: Die unberechenbare Person bleibt psychisch unauffällig, sobald man sie radikal ihrer Kunst entzieht. Sie erhält keinerlei Therapie, Medikamente gibt es noch nicht. Man überlässt sie ihrer Resignation. In Folge wird an ihr eine normale geistige Gesundheit beobachtet, sie schreibt Briefe, aber sie rührt nie wieder einen Klumpen Tonerde an. Das ist sehr tragisch, im Ergebnis aber auch sehr merkwürdig: Als die Kunst ausgeschaltet wird, hört Camille zumindest auf zu toben, wenngleich sie an ihren Verschwörungserzählungen festhält. Waren es demnach die unrealisierbaren Ansprüche an sich selbst, die sie „verrückt“ gemacht haben? Kunst macht nur im Erfolgsfall glücklich, ansonsten bedrückt sie die Psyche ganz gewaltig.

Im letzten Blog-Beitrag hatte ich über die Freuden des Homo ludens geschrieben, wenn er über das Spiel der Realität entrückt und sich in einen „Zauberkreis“ begibt. Umso härter dann die Erfahrung, festzustellen, dass letztlich alles kein Spiel ist.


Verpasste Ausstellung in Berlin – Drum muss ich mir Archivbilder kaufen, Foto: AdobeStock


Camille Claudel verbringt die letzten dreißig Jahre ihres Lebens in verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen, vor allem in Montdevergues bei Avignon. Trotz ständiger Bitten um Entlassung bleibt ihre Familie hart. Ihre Mutter besucht sie kein einziges Mal, ihr berühmter Bruder Paul, der Literat, in der gesamten Zeitspanne gerade neun Mal. Während der deutschen Besatzung lässt das Vichy-Regime psychisch kranke Patienten systematisch hungern. Camille stirbt am 19. Oktober 1943 an einem durch Unterernährung ausgelösten Schlaganfall und wird in einem anonymen Grab beerdigt. Im Vergleich zu ihrer Psyche muss Camille eine unglaubliche Physis gehabt haben, um unter den Umständen fast achtzig Jahre alt zu werden – begabt und zäh wie ein Michelangelo.



Erst Jahrzehnte nach ihrem Tod beginnt die Kunstwelt, Camille Claudel als eigenständige Künstlerin zu würdigen. In den 1980er Jahren werden zahlreiche ihrer Werke wiederentdeckt und ausgestellt, unter anderem im Musée Rodin in Paris. Was meine Zweifel an der eigenen Beobachtungsgabe etwas mildert, denn höchst wahrscheinlich waren bei meinem Besuch 1982 vor Ort die wunderschönen Exponate der „unbekannten“ Bildhauerin aus der Versenkung noch gar nicht hervorgeholt.

1988 erscheint der eingangs erwähnte Film „Camille Claudel“ mit Isabelle Adjani und Gérard Depardieu, der die Künstlerin einem breiten Publikum bekannt macht. Erst im Jahr 2017 wird in Nogent-sur-Seine, wo sie als junge Frau gearbeitet hatte, ein eigenes „Musée Camille Claudel“ eröffnet, das ausschließlich ihrem Werk gewidmet ist. Heute gilt sie als eine der bedeutendsten Bildhauerinnen des 19. Jahrhunderts.

Fin de Siècle

Kurz ist das Leben, lang die Kunst, oder wie? Diese humanistische Spruchweisheit, kann man sich gerne hinter den Spiegel stecken, ist mir aber zu trostlos. Was bitte, habe ich davon? Dass die Kunst vielleicht alles überdauert, ist doch keine soziale Perspektive!



Über das Werk Camille Claudels im zeitgeschichtlichen Kontext benötige ich einen Nachtrag, schon deswegen, weil mir dieser Haupttext doch etwas zu persönlich geraten ist. Erreichbar per Klick auf den Metroeingang. Im Übrigen halte ich eine Charakterdeutung vermittels Sternbilder für groben Unfug, nichtsdestoweniger bleibt es eine romantische Kategorie ;-)

Besinnliche Weihnacht und ein glückliches und zufriedenes Neues Jahr 2026!



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