Citizenfour – Permanent Record

Die absolut wahnwitzigste Nachwirkung auf die Katastrophe des 11. September 2001 ist die digitale Aufrüstung der US-Geheimdienste. Schon Tage später beginnt die Arbeit an einer Anti-Terror-Strategie, die zur Totalüberwachung der gesamten Menschheit führen könnte. Ein Konzept, das alle Hightech Register zieht. Naheliegend, dass sich die Amerikaner auf ihre IT-Infrastruktur verlegen, denn auch wenn längst andere Mächte die Zukunft der Welt mitbestimmen, das Internet gehört von Anfang an und weiterhin den Amerikanern. Man achte nur einmal in Google-Analytics auf die seltsam umfassenden Zugriffe aus der Kleinstadt Ashburn, Virginia.

Vor sechs Jahren hat uns Edward Snowden über die abstruse Praxis von PRISM, XKeyscore und Vorratsdatenspeicherung aufgeklärt. Zwei Jahre später gewinnt die Regisseurin Laura Poitras mit ihrem Dokumentarfilm „Citizenfour“ einen Oscar und man könnte glauben, die freie Presse hat uns mal wieder den Arsch gerettet. In meinem Wohlstandsreflex gehe ich danach prompt wieder zur Tagesordnung über. Die DVD zum Film, die mir unser Jüngster gleich nach Erscheinen geschenkt hat, lasse ich viel zu lange liegen, bis ich sie eher beiläufig während der Arbeit in den Computer schiebe. Im Rückblick der Ereignisse wird mir klar, wie nachlässig ich die Dramatik der Sache bis dato verdrängt habe. Als Snowden im Juni 2013 in der Presse auftaucht, denke ich, da sitzt du aber ganz schön in der Tinte junger Freund! Erst jetzt, auch nach den politisch so unerfreulichen letzten Jahren, merke ich verdutzt, dass wir ja alle mit drin sitzen.

Am 17. September, dem Jahrestag der US-Verfassung, wird Ed Snowdens „Permanent Record“ veröffentlicht. Nachdem ich das Buch gelesen habe, finde ich es einmal mehr geboten, dem Internet zu misstrauen. Diffuse Paranoia hilft zwar wenig, aber kritikloser Konsum aller Sozialen Medien ist einfach heikel. Snowden empfiehlt kategorisch eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Leichter gesagt als getan und für unsereins nicht leicht zu verstehen oder konsequent anwendbar. Erstaunlich ist dennoch die geringe Bereitschaft der Zeitgenossen, egal welchen Alters, sich überhaupt für den Schutz der Privatsphäre zu interessieren.

Im Zukunftsprojekt Digitalisierung haben IT-Leute die Nase vorn, sind der Unternehmensführung oder politischen Administration vorgeschaltet. Das halte ich für einen Konstruktionsfehler. Auch Snowden fragt sich, wie es sein kann, dass ein Nerd wie er in so kurzer Zeit derart tief in Top Secret Levels eindringen darf? Antwort: Weil die Analog-Zombies seinem Herrschaftswissen blind vertrauen müssen, wenn sie den Verkehr nicht aufhalten wollen. Die arglose Perspektive aber ist das Kernproblem: die vermeintlich „braven“ Mitglieder der Gesellschaft glauben stets, dass sie unverwundbar bleiben, weil sie nicht gemeint sind. Wie oft hört man diesen naiven Doppelsatz: man habe ja schließlich nichts zu verbergen und diesen irrwitzigen Datensalat könne ja ohnehin kein Mensch jemals auswerten. – Von Menschen ist ja auch nicht die Rede.


„Zu argumentieren, dass Sie keine Privatsphäre brauchen, weil Sie nichts zu verbergen haben, ist so, als würden Sie sagen, dass Sie keine Freiheit der Meinungsäußerung brauchen, weil Sie nichts
zu sagen haben.“ – Edward Snowden in „Permanent Record“