Das Eismeer

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In der späten Kindheit des Malers Friedrich gibt es jene tragische Episode, die als Schlüsselereignis gilt: Als der 13-jährige Caspar David im Winter beim Schlittschuhlaufen ins Eis einbricht, rettet ihn sein jüngerer Bruder, zieht ihn aus dem eisigen Wasser, rutscht dabei selbst hinein und ertrinkt. Der Überlebende wird die Bilder dieses schicksalhaften Wechselspiels nie wieder los.


Die große Kunst in der Verarbeitung des eigenen Leids besteht wohl darin, seine Mitmenschen nicht mit Klagen zu behelligen, aber eine Methode zu finden, um den eigenen Schmerz zu verarbeiten, möglichst weit in einen fernen Raum zu verschieben. Es scheint vermessen, einer Katastrophe noch etwas künstlerisch Sublimes abzugewinnen, aber wenn darin irgendein Trost zu finden ist? Was macht die moderne Psychotherapie anderes, als den Traumatisierten die Kraft zur Konfrontation zu geben und letztlich mit heilenden Mantras und starken Bildern zu überschreiben?

Wer sich die besonders wehmütigen Motive des Malers zu Gemüte führt, infiziert sich wohl kaum an dessen Depressionen. Aber man wird vielleicht etwas stiller in der eigenen Wahrnehmung, defensiver, demütiger. Das Gute daran: Caspar Davids ästhetischer Stil baut immer eine goldene Brücke zur Schönheit des Lebens. Es gibt durchaus andere Künstler*innen, die uns gnadenlos ihr ganzes Elend spüren lassen. Als junger Mensch mag uns das noch faszinieren, später haben wir mit unseren eigenen Nöten genug zu tun. Das Unaufdringliche in Friedrichs Bildern kommt mir da gerade recht. Seine Bildsprache macht melancholisch, aber sie verstört mich nicht. Ganz im Gegenteil, sie hilft mir über Vieles hinweg. Sie dämpft die Erwartungen, aber sie nährt die Hoffnung. Sie hält die Fantasie wach und bewahrt uns vor dem Nichts. – Allein das wuchtige „Eismeer“, mit diesem ganz untypischen Gewaltpotenzial, ist da wohl anders gemeint: ein Sarkophag der Gefühle.


Ob man sich dem Schicksal nun auf religiösem oder atheistisch-spirituellem Wege stellt, tödliche Tatsachen treffen uns alle mit derselben Wucht, womöglich umso mehr, wenn der blinde Zufall einen zwar selbst noch verschont, aber dafür einen geliebten Menschen aus unserem Leben reißt.