„Das Ende des 20. Jahrhunderts“


Der Steinhaufen unten – von etwas anderer Dimension, wie man es vielleicht aus dem Film „Blair Witch Project“ kennt – hat bei meinen Schüler*innen für Irritationen gesorgt. Zweimal war ich mit einer Gruppe in den Sonderausstellungen zu Schrift und Typografie, und darum ließ ich die übrigen Werke auch unkommentiert. Man kann nicht alles in einem Satz erklären. Wie auch?

Auch mein Text zum verbundenen Blog „Die Ursache liegt in der Zukunft“ ist mir etwas aus den Fugen geraten, sorry, passiert mir in jüngster Zeit öfter. Dennoch: Nichts daran ist ja falsch, nur manches nicht ganz klar. Was wiederum an dem von Beuys so propagierten „erweiterten Kunstbegriff“ liegen kann. Laut Joseph Beuys wird unser Handeln nicht nur von der Vergangenheit bestimmt. Für ihn „zieht die Zukunft die Gegenwart an“. Und das ist nach dem Zweiten Weltkrieg die allgemein gültige Strategie. Die am Zweiten Weltkrieg beteiligte Generation – wie der Bruchpilot Beuys – konnte mit ihrer Vergangenheit nicht mehr viel anfangen, klar.




Joseph Beuys, Das Ende des 20. Jahrhunderts, 1983,
Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne München,
www.sammlung.pinakothek.de/de/artwork/Qm45RrXxNo

Über das Werk – Nachfolgend die Langfassung, der obigen Website entnommen:

„Das ist das Ende des 20. Jahrhunderts“, äußerte Joseph Beuys 1983 in München über seine gleichnamige Installation, „das ist die alte Welt, der ich den Stempel der neuen aufdrücke.“

„Die 44 naturbelassenen Basaltstelen, von Beuys zu einem spiralförmig kreisenden Steinfeld ausgelegt, versinnbildlichen keineswegs nur tote Materie und mithin ein apokalyptisches Jahrhundertende. Vielmehr hat der Künstler dieser über Jahrhunderte gewachsenen „alten Welt“ den Stempel der neuen aufgedrückt, indem er aus dem dichten und urtümlich wirkenden Stein am oberen Säulenende einen kegelförmigen Kern herauslösen ließ. In die entstandenen Löcher setzte er anschließend die abgeschliffenen Stöpsel wieder ein und erzeugte damit einen Kontrast zwischen gewachsener und bewusst hergestellter Form, zwischen Natur und Ratio, der zugleich als Dialog zwischen „alt“ und „neu“ gelesen werden kann. Darüber hinaus wurden unter jedem Kegel eine kleine, ursprünglich feuchte Tonkugel sowie ein Stück Filz eingebettet, sodass sich die Stöpsel, wie Beuys formulierte „nicht weh tun und es warm haben“. Alle Steine wirken so okuliert und mit teleskopartig aus dem Stein ragenden runden Augen wie archaische Urwesen, denen mittels Filz und Ton, den geläufigen Wärmeaggregaten im Beuysschen Materialkosmos, neues Leben eingepflanzt wurde. Dieser animistische Aspekt der Plastik wird durch die rätselhafte Herdenform der Anordnung der Steine noch verstärkt. – In der Umkehrung dieses belebenden Blicks auf die Steine bietet sich dem Betrachter der Eindruck eines ausgelegten Feldes naturgeformter Steine, die Gedanken an ein Gräberfeld wachrufen, an Steindenkmäler, an das Ruinenfeld einer Schlacht oder Erinnerungen an uralte Sippen, die längst von der Erde verschwunden sind. So behandeln Herstellungsweise und Gestalt der Arbeit offenbar ein vielschichtiges menschliches Dilemma: einerseits die respektvolle Einsicht in die Natur, andererseits ihre mit Verletzungen einhergehende Nutzung oder Ausbeutung. Um seine Arbeit verwirklichen zu können, griff Beuys in den Steinbruch ein und verletzte die gegebene Oberflächenstruktur der Steine. Mit dem anschließenden Arbeitsschritt bezeugte er jedoch sein Bedürfnis, die verursachten Verwundungen wieder zu heilen. Die aufeinander folgenden Handlungen lesen sich letztlich wie eine Beschreibung der alten und zugleich der neuen Conditio humana, denn nie zuvor wurden Berechtigung und Konsequenz der Aneignung der Natur so nachhaltig diskutiert wie am Ende des 20. Jahrhunderts.“



siehe auch Blog-Eintrag Joseph Beuys, Jahrgang '21