Nachtgedanken


Selbst als es noch ganz oldschool einen Sendeschluss gab, war TV-Glotzen bis Ultimo nicht gerade rühmlich. Irgendwann nach Mitternacht war Ende der Vorstellung und ein vor dem Testbild eingeschlafener Zuschauer machte eine eher erbärmliche Figur. Wer es rechtzeitig ins Bett schaffte, hatte reelle Chancen, in einen traumlosen Schlaf zu fallen, um am Morgen mit neutralem Gemüt wieder zur Besinnung zu kommen. Was dagegen die Dauerberieselung bei Tag und Nacht auf allen Kanälen und mit redundanten Talkshow-Formaten in unseren Köpfen so anrichtet, lässt sich immer mehr am Gesellschaftsbild ablesen. Zeit für ein Gedanken-Reset ist nicht mehr vorgesehen.

Heute wird rund um die Uhr palavert, auf Hunderten von Kanälen. Und damit sind nur die linearen Formate gemeint. Weil aber auch hier die Redaktionen mehr Sendezeit haben, als niveauvolles Material, wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk unfreiwillig zur Echokammer für Dumpfbacken, Verschwörungsidioten, Reichsbürger und Nazis. Meine Besorgnis hat sich inzwischen zur Gewissheit verdichtet, dass bei ARD und ZDF Leute am Werk sind, die vielleicht guten Willens, aber naiven Glaubens sind und die fatalen Nebenwirkungen von Kommunikation unterschätzen.

Zum Beispiel, wenn der Qualitätsjournalismus Gutes tun will, indem er das Böse thematisiert, dem Bösen aber sukzessive billigen Sendeplatz einräumt und es durch penetrante Ausführlichkeit salonfähig macht. Werbung lebt eben von der Wiederholung, im Guten wie im Bösen, und ein Service wie der oben beschriebene, erspart dem Gegner die eigene PR. Zweifellos haben ARD und ZDF einen demokratischen Auftrag, aber feiert man die eigene Tugendhaftigkeit, indem man mit dem Teufel tanzt? Hier könnte man vom diplomatischen Dienst lernen, der in seiner Verhandlungsstrategie sehr viel kontrollierter und zielorientierter vorgeht. Hier ist man auf der Hut, hält auch mal die Klappe, wenn's dienlich ist. „Diplomaten ärgern sich nie, sie machen sich Notizen“, sagt Talleyrand.

Wenn Maybrit Illner und Markus Lanz allabendlich die Aufmarschgebiete der Russen oder die Truppenstärke der Ukrainer anhand detaillierter Karten „diskutieren“, dann wird mir ganz seltsam zumute. Da kann man nur hoffen, dass die Geheimdienste funktionieren und den Redaktionen irgendein Fantasiematerial untergejubelt wird.



Heines Nachtgedanken in seiner Reinschrift für den Verlag. Im Heinemuseum zu Düsseldorf habe ich mir vor ewigen Zeiten eine schöne Mappe mit Faksimiles gekauft. Zum Entziffern benötigt man einige Grundlagenkenntnisse zur Deutsche Kurrentschrift. Heinrich Heine schrieb das Gedicht im Jahr 1843. Es erschien erstmals im Gedichtzyklus „Zeitgedichte“ im selben Jahr. Ab 1848 war er so stark gelähmt, dass er seine Texte diktieren musste.

Ja, und dann gibt es eben diese Scheißpartei, deren Namen nicht genannt werden soll, die aber viel zu oft mit ihren wachsenden Prozentzahlen wie ein Gift in die Nachrichtenwelt einsickert. Und wo ich mich frage, ob die verantwortlichen Redaktionen, die ja, gebührenfinanziert, im Sinne der Demokratie eine Interessenvertretung der Guten in der Gesellschaft sind, ob die nicht allzu oft einfach drauflos moderieren, ohne Instinkt dafür, wie heikel das fürs politische Klima ist?

Es profitiert ja nicht nur derjenige, der die Medien auf seiner Seite hat, auch wer die Medien gegen sich hat, generiert einen ähnlichen Aufmerksamkeitswert. Wie der schräge Onkel in der Familie, über den man hinter vorgehaltener Hand spricht – was das Ganze noch interessanter macht. Fatal wird es, wenn man einem gesellschaftspolitischen Gegner auch noch mit demonstrativer Fairness begegnet. Denn damit signalisiere ich nach außen: Ich finde den Kerl schrecklich, aber die Geschichte dazu macht einen doch irgendwie neugierig. Bei trotzigen Gemütern kippt die Botschaft dann in die Aufforderung: Schau dir den mal genauer an, vielleicht ist der ja was für dich! – Und dann hat man, Gott bewahre, irgendwann einen Faschisten zum Ministerpräsidenten gemacht …

Also lautet die Bilanz: Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.¹ Und aufgeschreckt von diesem Alptraum, stelle ich mir ein Testbild vor und ergebe mich dem weißen Rauschen ... schhhhhhhhhh.



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¹ Dazu gibt es eine bemerkenswerte Anekdote. Der Vorsitzende der oben bewusst nicht namentlich genannten Partei gab im September 2021 einem Kinderreporter ein Interview und beklagte den Verlust des deutschsprachigen Kulturgutes in den Schulen. Auf die Frage nach seinem Lieblingsdichter nannte er Heinrich Heine (!), konnte aber peinlicherweise kein einziges Gedicht nennen. Nur Tage später hatte er wohl dazugelernt. Bei Sandra Maischberger plapperte er munter drauf los: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, Dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ Die Moderatorin darauf: „Und wie geht’s weiter?“ Da war es auch schon vorbei mit der schnoddrigen Allgemeinbildung, mehr als diese dürre Zeile, die jeder Depp kennt, hatte der Rechtspopulist nicht drauf. Armes Deutschland, armer Heine, es gibt keine Partei im deutschen Parlament, die ihn mehr angewidert hätte.



Apropos: über deutsche Gefühlswelten (3 ältere Blog-Beiträge):



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