Der Astronaut und der liebe Gott
„And the eath was without from and void.“ (Genesis 1:1-2)
Wer war der erste Mensch auf dem Mond? Na gut, das wissen die meisten, auch wenn man den Vornamen mitunter verwechselt. Egal, letztlich zielt die Fragestellung auch eher darauf ab, dass man Zweitplatzierte in der Öffentlichkeit nicht mehr wertschätzt und deswegen wollen alle nur Erster sein. Bei der Mondlandung ist immerhin Buzz Aldrin als Zweiter noch populär, aber alle, die danach auf den Mond geschossen wurden, fanden in den Wohnzimmern der Welt keine große Beachtung mehr. Oder weiß jemand spontan, wie viele Apollo-Missionen es überhaupt gab? Die NASA war da auch etwas enttäuscht und stieg deshalb aus der Mondfahrerei früher aus als geplant.
Dabei ist eine Reise zum Mond literarisch wie wissenschaftlich ein fantastisches Szenario, und wenn man das so irre mit der biblischen Genesis untermalt, wie das die Apollo 8-Mission gemacht hat, dann ist das ergreifend. Mich hat das in meiner Kindheit tief beeindruckt, und bis heute hat es für mich nichts an Wirkung verloren.¹ Jetzt lese ich aber einen Artikel in der Süddeutschen, der mich regelrecht aus der Fassung bringt. Demnach hat der Astronaut Charlie Duke, der mit Apollo 16 als zehnter Mensch den Mond betrat, im hohen Alter einen seltsamen Sinneswandel vollzogen. Die Story ist zeittypisch evangelikalisch bis kreationistisch, lächerlich und zugleich entsetzlich.
Jetzt dämmert es mir langsam und ich frage mich, welche Knalltüten hat man da, angeblich im Dienst der Wissenschaft, auf Tour geschickt? Ich fühle mich von meinen Himmelsstürmern verraten. Okay, alles Soldaten der Air-Force, aber doch auch regelrechte Ingenieure. Dass also ein Mensch, den man für Unsummen an einer Mondmission hat teilnehmen lassen, dann nicht mehr an die Evolution glaubt, das zerstört mir komplett die Hoffnung auf den Weltfrieden. Aber der Reihe nach.
__________
¹ siehe Weihnachts-Blog 2017 Die Erreichbarkeit der Himmelskörper

Foto: NASA / Apollo 16, Lunar Landing Sequence (Bildquelle Wikipedia)
Tatsache ist: am 21. April 1972 landen Charlie Duke und John Young auf dem Mond (siehe Foto der Landesequenz oben), es läuft mal wieder nicht alles wie geplant und außerdem hat die NASA einen Fehler bei der Kalium-Dosierung des Astronautenfutters gemacht, demzufolge die Besatzung auf ihren Ausflügen von Flatulenzen geplagt wurde. Young zu Duke: “I have the farts, again. I have them again, Charlie.“ Und das vor offenem Mikrofon, so dass die ganze Welt was davon hatte. Ich habe mich immer schon gefragt, wie die Firma Haynes auf ihren bescheuerten Bohnen-Werbespot gekommen ist. Das wäre wohl die Auflösung. Soweit, so lustig.
Erfrischend primitiver Humor, aber rein wissenschaftlich betrachtet funktioniert der Gag nicht, weil der Mond keine Atmosphäre hat und damit keine direkte Schallübertragung. Ein Pups bringt hier niemanden in Verlegenheit.
Aber ernsthaft. Die wissenschaftliche Ausbeute: fast 100 kg Mondgestein. Und hiermit hat das Charlie Duke in jüngster Vergangenheit dann plötzlich ein Problem. Denn im hohen Alter begleitet Charlie Duke gerne seine Frau in den örtlichen Bibelkreis. Unsereins kennt solche Sachen noch aus den Romanen von Mark Twain, wo beispielsweise die Witwe Douglas den armen Huckleberry Finn zum Stubenhocken nötigt, bis dieser dann bei nächster Gelegenheit wieder in seine Freiheit ausbüxt. Der Mondfahrer Charlie Duke scheint da ein weniger selbstbewusstes Gemüt zu haben, denn er, der ja angeblich Milliarden Jahre altes Gestein aufgesammelt hat, muss sich nun sagen lassen, dass all das nicht sein kann, weil das von Gott geschaffene Universum schließlich nur 6000 Jahre alt ist, wie in der Genesis klar und deutlich nachzulesen.
„The lunatic is on the grass“
Irgendwann ist dann der Astronaut mit seinen Gedanken auf einer Autofahrt allein und weiß wirklich nicht, was er glauben soll. Wer hat denn nun Recht, die Wissenschaft mit ihren unfassbaren Berechnungen des geologischen Alters oder die Bibel. Er steigt aus und schaut in den Himmel. „Ich habe mich für Gott entschieden“, verkündet der bibeltreue Duke in einem Interview, und unsereins schlägt sich fassungslos die Hände vors Gesicht. Na ja, die Legende mit den 6000 Jahren kenne ich auch. Nachzulesen in meinem Eintrag vom Dezember 2022. Ich will ja nicht behaupten, dass unter uns Europäern nicht auch genügend verstrahlte Christen am Start sind. Von den Evangelikalen in Nordamerika geht jedoch eine handfeste Bedrohung für die Allgemeinheit aus. Gerade, weil deren Vertreter*innen einerseits ungeniert in der naturwissenschaftlichen Realität Karriere machen und Geld verdienen, andererseits aber eine fundamentale Himmel-und-Hölle-Paranoia feiern. Mit anderen Worten, unberechenbare Irre², denen man aus dem Weg gehen sollte.
__________
² Die englische Sprache verwendet dafür sehr bildhaft die Vokabel „lunatic“.
Stellt sich abschließend die Frage, wie gerade ein Astronaut im Alter so irrational werden kann? Ich nehme mal das Naheliegendste an. Mit über Neunzig kann man schon mal Schiss haben vorm Sterben. Kein Wissenschaftler würde nachtragend sein, wenn Charlie Duke an ihm zweifelt. Mit dem lieben Gott würde ich mich dagegen auch nicht anlegen.

Weihnacht-Blog 2022 Anfang und Ende der Welt
Weihnacht-Blog 2017 Die Erreichbarkeit der Himmelskörper