Design bestimmt das Bewusstsein

Man sieht sich im Kommunikationsdesign manchmal dem Vorwurf ausgesetzt, die Dinge nicht in ihrer vollen Komplexität und schon deshalb nicht wahrheitsgemäß wiederzugeben. Abgesehen davon, dass man auf einem DIN A-Blatt kaum die Welt erklären kann, stecken hinter plakativen Vereinfachungen und struktureller Kompaktheit durchaus ehrenwerte Motive. Man will einfach, dass beim Gegenüber was hängen bleibt.

Ein erfreuliches Beispiel gibt die Bayerische Staatsbibliothek mit ihrer neuesten Gratis-App: der komfortable Zugang zu einigen erlesenen Erstausgaben deutscher Klassiker. Zu Recht freut sich der BR, wenn er gut gelaunt berichten kann, wie modern auch altehrwürdige Institutionen sind, im Lande von Laptop und Lederhosen. Am Schluss kommt dann allerdings noch als Spaßbremse ein junger Dozent ins Bild. Auf die Frage, was er von der App halte, lautet die kühle Antwort: „Nichts, und meinen Studenten habe ich so was verboten.“ Ein Oberlehrer muss wohl immer mit dabei sein, der dann Kraft seines Amtes auch gleich den Umgang mit schlechter Gesellschaft verbietet. Für solche Menschen braucht man sich im Kommunikationsdesign tatsächlich nicht bemühen. Die wollen unter sich bleiben oder gleich ganz allein sein.

Die Erstausgaben-App der Staatsbibliothek weist einladend den anderen, allgemein zugänglichen Weg. So muss man nicht mehr zum Kreis der Auserwählten zählen, sondern kann nach Belieben in bibliophilen Kostbarkeiten herumwischen, ungeniert und unbeobachtet, ohne weiße Handschuhe und womöglich mit einer Wurstsemmel in der anderen Hand. Eine Vorstellung, die den orthodoxen Humanisten natürlich auf die Palme bringt. Was mich jetzt wieder freut.

Es kann nie schaden, in einer Bibliothek Fenster und Türen aufzumachen und ordentlich zu lüften. Dass einem dabei diese Grundlagenzombies ständig im Weg stehen muss man akzeptieren. Aus meiner Sicht ist das E-Book ein wirklich nützliches Instrument zur Recherche und Auswertung. Alles, was Hürden aus dem Weg räumt, ist Kommunikation. Alles, was die Latte unnötig höher legt, bleibt eher Selbstdarstellung.


Zurück zum Ausgangsmotiv und der Frage, wie Botschaften tatsächlich im Bewusstsein ankommen und das Wesentliche positiv erinnert wird. Information muss dafür zwingend vereinfacht werden und als Werkzeug braucht man dazu kein Mikroskop, sondern einen Dosenöffner. Die Klassiker-App kann ganz geschmeidig die originalen Frakturtexte in „lesbare“ Antiqua überblenden. Aus eigener Praxis weiß ich aber, dass man Leuten, die sich mit gebrochenen Schriften schwer tun, lediglich erklären muss, dass ein Lang-s kein f ist. Das war's. Ohne akademischen Tiefgang, gleich rein ins Vergnügen! So in etwa funktioniert Kommunikationsdesign.


Die Bayerische Staatsbibliothek im App Store: „Deutsche Klassiker in Erstausgaben“