R H I N O C E R V S · 1 5 1 5


Ein Kollege an der Montessori-Oberschule hatte die schöne Idee, unsere Schüler*innen im Fach „Moderne Medien“ mal auf eine Medienfährte zu locken, die schon ein paar Jahrhunderte zurückliegt. So finde ich im Papierschrank Dürers Rhinocerus, eins meiner Lieblingsmotive und erkundige mich bei der Klasse. Leider ist aus den Befragten nicht viel herauszuholen, schnell ist man beim Aufreger über das gefangene Nashorn, das man auf hoher See angekettet absaufen lässt, obwohl so ein Tier ja doch schwimmen kann. Das kann so mancher Mensch auch und doch hilft‘s ihm nicht, wenn er im Sturm über Bord geht, denk‘ ich mir, sag’s aber nicht. In Gedanken lasse ich mich also bereits auf diesen nebensächlichen Diskurs ein und merke, dass hier kann nicht Sinn der eigentlichen Aufgabe gewesen sein. Solche Missverständnisse sind normal für ein vielschichtiges Kommunikationsangebot, das in der Realität scheitert, weil die maßgebliche Botschaft ihrer Bedeutung nach nicht richtig einsortiert wird. Nur die „Story behind“ bleibt diffus in Erinnerung. Nix Neues.

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Die Leichtigkeit des Designs

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„Um wirklich Meister des Bogenschießens zu sein, genügen technische Kenntnisse nicht. Die Technik muss überschritten werden, so dass das Können zu einer ‚nichtgekonnten Kunst’ wird, die aus dem Unbewussten erwächst.“ – Herrigel, Zen in der Kunst des Bogenschießens¹



Virtuosität hat sicher viel mit Perfektion zu tun, nicht zu verwechseln mit Pedanterie. Erfahrene Gestalter*innen arbeiten zwar mit zielführender Präzision, zeitgemäßes Design funktioniert aber idealerweise auf die denkbar einfachste Art. Das Meisterliche wirkt darum schlussendlich immer leicht und unbekümmert. Wer‘s drauf hat, kann sich locker machen.

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Work, Life, Balance

Fotovorlage¹ AdobeStock


Man kann sich durchaus fragen, was denn nun wirklich anstrengender ist, das Arbeiten oder die sogenannte Freizeit? Vor allem, wenn wir uns in den Lifestyle besonders engagiert eingliedern und jede freie Minute sinnvoll gestalten wollen. Freiberuf und Privatleben sind ohnehin regelrechte Parallelwelten. Sowohl die eine wie die andere ist mitunter sonderbar.

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Die Freiheit erhellt die Welt ;-)

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„Manchmal kommt mir in den Sinn / Nach Amerika zu segeln / Nach dem großen Freiheitsstall / Der bewohnt von Gleichheitsflegeln / Doch es ängstet mich ein Land / Wo die Menschen Tabak käuen / Wo sie ohne König kegeln / Wo sie ohne Spucknapf speien …“ – Heinrich Heine, 1851


Liberty Enlightening the World – so lautet der offizielle Titel der Freiheitsstatue auf Liberty Island. Kann man mit „erhellt die Welt“ übersetzen oder auch „erleuchtet“, das gibt im Deutschen nach meine Gefühl den schöneren Doppelsinn. Nicht zu vergessen, dass mit „enlightenment“ natürlich die Aufklärung gemeint ist. Alles passt gut, wenn man fürs neue Jahr seiner Hoffnung Ausdruck verleihen möchte, dass nach den überstandenen vier Jahren American Nightmare unsere Schutzmacht nun langsam wieder zur Besinnung kommt. Noch genau einen Monat Geduld, dann geht das Licht wieder an. So ist mir zum Jahresende nach einer nostalgischen Farbgebung, eine digital nachkolorierte Retrospektive sozusagen, in der die verklärte Vergangenheit ein wohliger Spaziergang ist durch die Bilderwelt einer glückseligen nordatlantischen Bruderschaft.

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Die Digitalisierung der Romantik


Ob's edler im Gemüt
die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden?
Oder sich waffnend gegen eine See von Plagen
durch Widerstand sie enden? …


Ja oder Nein, Sein oder Nichtsein, Like oder Dislike? Immer dieses binäre Muster. Da bringt die Digitalisierung nichts Neues in unser romantisches Wahrnehmungssystem. Und dennoch: Stünde einem zaudernden Hamlet statt seiner schwerfälligen Gefährten doch nur ein leistungsfähiger Algorithmus zur Seite, vielleicht ließe sich das Drama auf drei Minuten komprimieren? Wie auch immer, die theatralischen Zweifel behält man besser für sich, Skepsis verkauft sich schlecht. Der Medienprofi sieht dem digitalen Zeitalter gelassen entgegen und behält seine privaten Internet-Horror-Visionen still für sich, inmitten der Nebel von Positivismus und Selbstverleugnung.

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Propaganda – Teil 3: Die vertrauten Verführer


Kommunikationsexperten aus der Praxis werden in der Regel von ihren wissenschaftlichen Kollegen unterschätzt. Das ist sehr wahrscheinlich auch ein Grund dafür, dass so ein Edward Bernays jahrzehntelang nahezu unbehelligt arbeiten konnte. Werbe- und PR-Heinis nimmt man ja nicht wirklich ernst.

Die meisten Leute sind überzeugt davon, selbst überwiegend rational veranlagt zu sein, abgesehen von etwas Laissez-faire im Urlaub oder am Wochenende. Kaum jemand teilt unsere Erfahrungen als Designer, dass eigentlich alle Entscheidungen eines Menschen im Ansatz emotional sind. Diese Einschätzung wird oft mit Stirnrunzeln quittiert. Aber plötzlich und unerwartet geht das kollektive Kalkül nicht mehr auf, es gibt unvernünftige Massenphänomene im Allgemeinen und beschämende Wahlergebnisse im Besonderen. Dann sind in Talk-Shows auf einmal alle schlauer und werfen sich Prozentwerte an den Kopf: 70 % Emotion zu 30 % Information – entscheidet so das Wahlvolk?

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Propaganda – Teil 2: Die Sicht der Dinge


Natürlich ist nichts wirklich in Ordnung, wenn die Wahrheit auf der Strecke bleibt. Und damit ist man schon gleich beim grundlegenden Unterschied zwischen Propaganda und seriöser PR. Pressearbeit stellt Dinge dar wie sie sind und je nach dem eben auch in einem günstigen Licht. Propaganda aber beugt die Wahrheit. Dieser Sachverhalt wird schnell klar, wenn man sich mit Bernays‘ Methoden auseinandersetzt.

Deren Grundlage ist stets die Erfindung einer neuen Realität – entweder als Schauermärchen oder als Sommernachtstraum, je nachdem. Bernays konstruiert eine vermeintlich plausible Wirklichkeit, in der das Produkt x, die Dienstleistung y oder die Überzeugung z eine ultimative Leitgröße darstellen. Ohne diese imposante Scheinwelt verlöre alles seine Bedeutung. Die Legendenbildung hat eine fatale Ähnlichkeit zu politischen Desinformationskampagnen.

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Propaganda – Teil 1: Die Ordnung des Chaos


Wie man’s auch nennt, Fake News oder alternative Fakten – das Spiel ist so alt wie die Menschheit oder, im neuzeitlichen Kontext, so alt wie Edward Bernays, berühmt-berüchtigter Spindoktor und PR-Berater und Neffe Sigmund Freuds.

Bernays ist als junger Mann Mitglied der Creel-Kommission, einem Team für Öffentlichkeitsinformation, das im Auftrag der US-Regierung die Bevölkerung psychologisch auf die Teilnahme der USA am Ersten Weltkrieg einstimmen soll. Die erfolgreichen Methoden aus Kriegszeiten überträgt Bernays danach ins zivile Leben, schreibt bereits 1928 das kompakte Standardwerk namens „Propaganda“ und hilft damit indirekt auch einem Joseph Goebbels auf die Sprünge. Im Nachhinein ein Grund für die Umbenennung des später unpopulären Begriffs „Propaganda“ in „Public Relations“. Bernays wird sagenhafte 103 Jahre alt und hat leider Gelegenheit genug, mit seiner PR und deren Folgen in die Zeitgeschichte einzugreifen.

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Propaganda – Die falsche Wahrheit


Propaganda¹ ist und bleibt ein negativ besetzter Begriff, schon weil er militärisch geprägt ist. Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit, heißt es. Edward Bernays‘ PR-Klassiker „Propaganda“ aus dem Jahr 1928 erscheint erstmals 2007 in deutscher Übersetzung. Ein kleines schwarzes giftiges Büchlein. Die darin zusammengefassten Theorien geistern mir ständig durch den Kopf und es will mir auch nicht gelingen, den Komplex in einem einzelnen Blogeintrag abzulegen. So werden es drei Teile. Ein langer Anlauf, aber angesichts der frustrierenden Déjà-vus in Politik und Gesellschaft tut es gut, gegenüber dem schleichenden Einfluss manipulativer Öffentlichkeitsarbeit seine Mustererkennung zu intensivieren. – Zum Foto oben: auf die rauchenden „Frauenrechtlerinnen“ komme ich noch im zweiten Teil zurück.

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Jazz – A Love Supreme


Nur gut, dass ich beim Umzug ins neue Atelier meine alte Schallplattensammlung abgestaubt habe. So kann ich neben dem deprimierenden Anti-Amerika-Blues einen alternativen, positiven Soundtrack einspielen. Und da gibt's nur eins: Im guten alten Jazz steckt das wirklich großartige Amerika! Jazz ist Spiritualität und pure Lebensfreude, Schönheit und Lust, Ordnung und Chaos – Jazz ist 100 % made in USA, heiße Luft, reine Energie. Und natürlich zeigt sich auch hier die ganze Ambivalenz in einer eigenen Chronik des Rassismus. Denn schwarze Musikerinnen und Musiker werden nach wie vor diskriminiert. Unterm Strich steht aber, wie zum Trotz, ein monumentales Ergebnis von herausragend künstlerischer Qualität und multikultureller Kraft.

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