Die binomische Kunstformel

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Warum macht der Mensch Kunst? Die halbe Wahrheit lautet: weil er es kann. Weil er es sich leisten kann und weil er es will, nicht weil er muss oder soll. Ein archaischer Antrieb eben, lustvoll und spontan, aus sich selbst heraus und nur für sich selbst. Selbstvergessen, nennt man das irreführenderweise, aber eigentlich vergisst man bei seinem Tun die Anderen. Wer einen Anfang gefunden hat, vergisst auch das Warum und zieht sein Ding durch. Ohne Kalkül, ohne Spekulation, ohne Strategie, zur Not ohne Geld. Kunst macht ja den Erzeuger nur selten reich und darum haben Kreative in ihrer Beziehung zum Kaufmann grundsätzlich das Nachsehen. Der Geschäftsmann wird sich beim Erwerb einer künstlerischen Dienstleistung die Hände reiben, der Seiltänzer hingegen lebt vom Applaus und ist froh, wenn er wenigstens nicht abstürzt.

Nun bedeutet Kunst nicht nur Zirkus und Zerstreuung, sondern auch Strategie, List und Kampf. Die ganze Wahrheit: am Ende des Tagtraums zählen immer nur handfeste Ergebnisse. Dazu ein gutbürgerliches Beispiel. Neulich erlebe ich In der S-Bahn zwei Väter beim Diskurs zum Thema „Mein Kind ist unmusikalisch, soll aber sicherheitshalber ein Instrument lernen“. Warum das jetzt? Der Intellektuelle mag das Handwerkliche vernachlässigen, wenn nicht gar verachten, aber jetzt kommt die Hirnforschung und belegt die Bedeutung von Tastsinn und körperlicher Koordination für die geistige Entwicklung und am Ende steht das Zauberwort Leistungssteigerung. Im Klartext: Klavierunterricht, möglichst zweimal die Woche und täglich geübt, dann lässt so eine potenzielle Hochbegabung die Konkurrenz in der Klasse gnadenlos hinter sich. Nette Kleinfamilien sind das, mit dem spröden Charme einer Unternehmensberatung.

So war das eigentlich nicht gedacht. Aber wenn aus diesem eifrigen Missverständnis heraus das Künstlerische in der Gunst des Publikums steigt, soll es uns auch recht sein. Nun freut mich, dass bayrische Musiklehrer wieder regen Zulauf für ihre Instrumentenklassen und Big Bands haben, weil Eltern glauben, dass man mit Pauken und Trompeten gleichzeitig besser rechnen lernt. Genau mit dieser binomischen Kunstformel wird an den Schulen dafür geworben, da lassen engagierte Eltern garantiert nichts unversucht. Eigentlich macht man Musik, um sich selbst und andere zu bespaßen oder gar zu berauschen. Die Zielvorgabe für den Neohumanismus lautet eher: Edel sei der Mensch, hilfreich und jeden Tag ein kleines bisschen besser als der Andere.


Jeder muss sehen wo er bleibt und über allem thront der Gott des Gemetzels ;-)