Die Digitalisierung der Romantik

Ob's edler im Gemüt
die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden?
Oder sich waffnend gegen eine See von Plagen
durch Widerstand sie enden? …


Ja oder Nein, Sein oder Nichtsein, Like oder Dislike? Immer dieses binäre Muster. Da bringt die Digitalisierung nichts Neues in unser romantisches Wahrnehmungssystem. Und dennoch: Stünde einem zaudernden Hamlet statt seiner schwerfälligen Gefährten doch nur ein leistungsfähiger Algorithmus zur Seite, vielleicht ließe sich das Drama auf drei Minuten komprimieren? Wie auch immer, die theatralischen Zweifel behält man besser für sich, Skepsis verkauft sich schlecht. Der Medienprofi sieht dem digitalen Zeitalter gelassen entgegen und behält seine privaten Internet-Horror-Visionen still für sich. Im Schwebezustand zwischen Positivismus und Selbstverleugnung.

Besser, man wartet geduldig, bis irgendein anderer die Nerven verliert und über die vermeintlich asozialen Medien lamentiert – und ergreift dann scheinheilig die Opposition. Mit einer weisen Formulierung, man selbst sehe das nicht so angstvoll, sondern fände es „unerhört spannend, was da gerade passiert“, kann man im Diskurs billig Punkte machen und später trotzdem noch ein paar Takte mitlästern. Wer die medialen Strömungen der Zeitgeschichte spannend findet, demonstriert damit, dass er etwas Komplexes zu beobachten versteht und ein Potenzial erkennt, das sich schlichten Gemütern nicht erschließt. Im Gegensatz zum Hinterwäldler fürchtet der progressiv Intellektuelle ja weder Blitz noch Donner. Pfeifen im Walde ist unprofessionell.


Genau nach diesem Muster verläuft so mancher Medienplausch in Radio und Fernsehen. Eine ähnliche Diskussion, inklusive der ich-finde-das-ungemein-spannend-Phrase, höre ich kürzlich im hochgeschätzten Deutschlandfunk. Thema ist „Lineares Fernsehen“, was dem Vernehmen nach gleichzusetzen ist mit Programmfernsehen-gucken, was junge Menschen nicht mehr tun, weil sie im Internet selektieren und streamen oder sonst wie digitalsozial rund um die Uhr beansprucht sind. Zwischendrin rufen Radiohörer an, um zu sagen, dass sie aber auch sehr gerne Radio hören. Das ist stimmig und skurril zugleich. Überhaupt schwirren Statements und Analysen durch den Äther, die unsere Vernunft auf surreal-alberne Art herausfordern. Schon In der Vorstellungsrunde versuchen sich die Gäste im Studio dadurch zu übertrumpfen, dass einer noch weniger „linear“ konsumiert als der andere. Warum sind sie dann als Experten eingeladen? Weil das nicht wirklich stimmen kann, wird da wohl auch heftig geflunkert. Und damit am Ende der Diskussion auch keiner heult, einigt man sich positiv auf ein gespanntes Sein in der Gegenwart, weil apathisches Nichtsein schon immer eine perspektivlose Option ist.

Das romantische Verlangen nach Fortschritt meldet sich ganz spontan. Längst haben wir diesen analogen Antrieb digitalisiert und in die Systemwelt hineinkopiert. Denn gerade der moderne Mensch braucht in seiner Zeit die Schwärmerei für eine bessere Zukunft und die stete Hoffnung auf neue Wunder. Glück auf! beim Einfahren in den dunklen Schacht.


Heute Nacht, am Todestag des Exil-Romantikers Henri Heiné, da lese ich mir noch leise seine profane Gebetsformel vor und falle in einen wundervollen, traumlosen Schlaf …

„Ich glaube an den Fortschritt.
Ich glaube, die Menschheit ist zur Glückseligkeit bestimmt.“