Die Erreichbarkeit der Himmelskörper

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„We are now approaching the lunar sunrise and for all the people back on earth, the crew of Apollo 8 has a message that we would like to send to you …“ Astronaut Bill Anders, 1968


Wenige Tage bevor sich unsere amerikanischen Freunde am 22. Dezember 1968 auf den Weg zum nächsten Himmelskörper machen, ist ein Programmpunkt der minutiös geplanten Mission immer noch offen. Genau am Heiligabend würde Apollo 8 den Mond umkreisen und eine Liveübertragung soll die Welt „angemessen“ beeindrucken. „Do something appropriate“, so das lakonische Briefing der NASA an die verdutzten Astronauten. Die Crew reicht diese heikle Aufgabe vernünftigerweise gleich an einen Medienprofi weiter, der allerdings seinerseits schlaflose Nächte durchlebt. Bis dessen unbekümmerte Ehefrau die geniale Idee mit der Genesis aus dem Hut zaubert. Darauf muss man erst mal kommen: eine kurze Lesung der Schöpfungsgeschichte beim Umfliegen des Mondes – in der Tat originell zum freien Blick auf den Globus!

Oft sind es diese kleinen Geschichten hinter den großen Ereignissen, die uns begeistern für das methodische Durcheinander der Ideen und Sehnsüchte, der ehrgeizigen Pläne und spontanen Einfälle. Pioniergeist nennt sich diese leichtsinnige Gruppendynamik, die einige Menschen antreibt, das Glück zu suchen oder das Fürchten zu lernen. Dabei vertrauen die einen auf ihren Glauben, die anderen setzen auf den beherrschbaren Zufall.

Und dann lesen uns die braven Helden auch brav aus der Bibel vor und wünschen von ganz oben Fröhliche Weihnachten. Drei junge Amerikaner, die in diesem Moment wohl noch mehr als sonst an den lieben Gott glauben. Möglicherweise sogar, dass der Allmächtige diese blau leuchtende Welt in sieben Tagen erschaffen hat. Bei aller Liebe zu Wissenschaft und Technik, wer würde sich auch ohne dieses Gottvertrauen in einer Blechbüchse auf den Mond schießen lassen?

Plötzlich der Aufreger, als im Seitenfenster die Erde über der Mondoberfläche aufgeht. Wie das aufgekratzte Gespräch im Voice-Recorder belegt, ist man darauf nicht wirklich vorbereitet: „Oh, mein Gott! Seht euch das an!“ … „Hast du einen Farbfilm, Jim?“ – „Gib mir den.“ – „Oh man, das ist großartig!“ – „Beeil dich! Schnell.“ – „Hast du?“ – „Mach gleich mehrere! Hier, gib sie mir.“ – „Beruhige dich, Lovell.“ – „Gut, ich hab es – oh, das ist ein guter Schuss.“ – „Jetzt variiere, variiere die Belichtung ein bisschen!“ – „Hab ich. Ich hab zwei gemacht.“ – „Bist du sicher, dass wir es jetzt haben?“ – „Mach einfach noch eins, Bill!“ – Ein erstes Schwarzweißbild mit der Erdkugel hat man zwar schon im Kasten, doch dafür wird sich später niemand interessieren. Berühmt wird ausschließlich das epochale Farbfoto aus der Hasselblad, zum Jahresbeginn 1969 als Aufmacher auf allen Titelseiten zu sehen – zusammen mit einer neuen Wortschöpfung: Earthrise.


„We are stardust, we are golden …“

Was Joni Mitchell in ihrem Woodstock-Gemüt so feinfühlig gedichtet hat, ist mittlerweile eine objektive Tatsache: wir bestehen zu 92 Prozent aus Sternenstaub! Man kann also durchaus Poesie und Wissenschaft, Gefühl und Vernunft zusammenbringen. So gesehen ist die Apollomission keine simple, technologische Unternehmung mit einer plausiblen Kosten-Nutzen-Bilanz. Sie ist zuallererst die irrwitzige Vision des jugendlichen Präsidenten John F. Kennedy in Einheit mit Phoebus Apollon, dem Gott der schönen Künste. Ihr Opus ist eine monumentale Performance, ein mathematisch komponiertes und in seiner Ausformung neo-romantisches Kunstwerk.


„Die Erreichbarkeit der Himmelskörper“

Im Jahr 1925 erscheint ein bemerkenswertes Büchlein mit diesem literarisch anmutenden Titel. Der Inhalt besteht aus kompakten 80 Seiten mit spröden mathematischen Formeln, Parabeln und knappen Erläuterungen. Verfasser ist der Essener Ingenieur und Baurat Walter Hohmann, der mit seinen nebenberuflichen Berechnungen zuerst auf Befremden und Spott stößt, aber bald schon Aufmerksamkeit erregt und sich nachhaltig Respekt verschafft.

Seine Schrift beginnt mit dem Satz: „Die vorliegende Arbeit will durch nüchterne rechnerische Verfolgung aller scheinbar im Wege stehenden naturgesetzlichen und Vorstellungsschwierigkeiten zu der Erkenntnis beitragen, dass das Raumfahrtproblem durchaus ernst zu nehmen ist, und dass bei zielbewusster Vervollkommnung der bereits vorhandenen Möglichkeiten an seiner schließlichen erfolgreichen Lösung gar nicht mehr gezweifelt werden kann.“ – Unter anderem auf Grundlage seiner Theorie, in der Praxis aber vor allem auf der nach ihm benannten „Hohmannbahn“, finden sämtliche Apolloflüge zum Mond statt. Hohmann stirbt kurz vor seinem 65. Geburtstag, einen Monat bevor die Amerikaner das Ruhrgebiet befreien.


And from the crew of Apollo 8, we close with good night, good luck, a Merry Christmas
and God bless all of you – all of you on the good Earth.

Dem schließe ich mich bescheiden an. Ein glückliches und zufriedenes Neues Jahr 2018!



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