Die Freiheit erhellt die Welt ;-)

„Manchmal kommt mir in den Sinn / Nach Amerika zu segeln / Nach dem großen Freiheitsstall / Der bewohnt von Gleichheitsflegeln / Doch es ängstet mich ein Land / Wo die Menschen Tabak käuen / Wo sie ohne König kegeln / Wo sie ohne Spucknapf speien …“ – Heinrich Heine, 1851


Liberty Enlightening the World – so lautet der offizielle Titel der Freiheitsstatue auf Liberty Island. Kann man mit „erhellt die Welt“ übersetzen oder auch „erleuchtet“, das gibt im Deutschen nach meine Gefühl den schöneren Doppelsinn. Beides passt gut, wenn man fürs neue Jahr seiner Hoffnung Ausdruck verleihen möchte, dass nach den überstandenen vier Jahren American Nightmare unsere Schutzmacht nun langsam wieder zur Besinnung kommt. Noch genau einen Monat Geduld, dann geht das Licht wieder an. So ist mir zum Jahresende nach einer nostalgischen Farbgebung, nach einer digital nachkolorierten Retrospektive sozusagen, in der die verklärte Vergangenheit ein wohliger Spaziergang ist durch die Bilderwelt einer glückseligen nordatlantischen Bruderschaft.

Mit ähnlich melancholischer Ironie sollte man die einleitenden Verse lesen. Der liberale Poet ist zuweilen wertkonservativ, aber beileibe kein Monarchist und ob mit oder ohne König, zum Kegeln ist er ohnehin nicht mehr in der Lage. Als Heine seinen letzten Gedichtband veröffentlicht, liegt er bereits gelähmt in seiner Pariser „Matratzengruft“, die Revolution in seiner deutschen Heimat ist vor drei Jahren mal wieder gescheitert. Paris bleibt also immer noch die Kampfzone der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die moderne Demokratie aber entsteht gerade in Amerika. Alexis de Tocqueville schreibt darüber seinen berühmten Reisebericht und Henri Heine ist berauscht:

Dieses ist Amerika! / Dieses ist die Neue Welt!
Nicht die heutige, die schon / Europäisieret abwelkt. –
Dieses ist die Neue Welt, / Wie sie Christoval Kolumbus
Aus dem Ozean hervorzog. / Glänzet noch in Flutenfrische,
Träufelt noch von Wasserperlen, / Die zerstieben, farbensprühend,
Wenn sie küsst das Licht der Sonne. / Wie gesund ist diese Welt!


Die Freiheit segelt nach Amerika

Die „Liberté“ wird in Paris entworfen und gebaut, in über 200 riesige Kisten verpackt und in die Vereinigten Staaten verschifft, wo der Bausatz für eine geraume Zeit auf die Seite geräumt wird – weil der Sockel noch fehlt. Wieder eine wundersame Metapher, vom Leben selbst geschrieben: die Göttin ist ein Geschenk der enthusiastischen Franzosen, den Sockel müssen die geschäftstüchtigen Amis selbst zahlen und Geiz gehört nun mal zum Puritanismus. Schon seit dem Jahr 1875 verfolgen Pariser Intellektuelle die Idee, der Neuen Welt anlässlich der Abschaffung der Sklaverei ein symbolhaftes Geschenk zu machen. Die zerbrochenen Ketten, die man so schlecht sieht, sind dennoch eine klare Reminiszenz. Frédéric-Auguste Bartholdi wird mit dem Entwurf beauftragt, das Monument mit vielen Unterbrechungen dann 1884 fertiggestellt und ausgeliefert. Auch ein Statement französischer Ingenieurskunst, inklusive Gustave Eiffel, der die innere Tragkonstruktion entwickelt. Im Jahr 1886, also noch vier Jahre vor dem neuen Pariser Wahrzeichen, erfolgt die Einweihung der New Yorker Freiheitsstatue. Nun steht sie da in ihrer heroischen Pracht und ist nicht mehr wegzudenken.

Kleiner Rundflug: „Above New York – Statue of Liberty and Liberty Island“ © Viewing NYC


Ob man sie nun schön findet, zeitgemäß oder zeitlos, im Jahr der Denkmalstürmerei darf man sich fragen, wer als nächstes den Drang verspürt, die Freiheitsgöttin vom Sockel zu stoßen. Den oben noch umschwärmten Kolumbus wirft man mancherorts schon wieder ins Meer zurück. In früheren Zeiten hat man ja aus derartiger Kunst auch gerne mal Kanonenkugeln gemacht. Ich finde die „Libby“ schon immer cool, überhaupt ist das Klassisch-Figürliche für mein Empfinden formal meist verträglicher im öffentlichen Raum, als beispielsweise Karl-Marx-Gedärme. Und wenn der Neoklassizismus erst mal auf T-Shirts angekommen ist, wirkt er doch regelrecht zivil, oder? Immer von Ausnahmen abgesehen – mit dem Herrmanns-Denkmal auf der Brust würde ich jedenfalls nicht spazieren gehen, auch wenn sich der Bildhauer Bartholdi angeblich daran inspiriert haben soll.


Das Lied von der Glocke

Deutschland hat es immer wieder geschafft, sein eigenes Demokratiepflänzchen eingehen oder zertrampeln zu lassen. Den US-Demokraten haben wir es zu verdanken, dass wir, etwas unverdient, seit über 70 Jahren in einem sehr aufgeblühten Land leben. Die USA sind andererseits auch das Mutterland der PR-Profis und in Sachen Symbolik mit allen Wassern gewaschen. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, denkt sich auch der amerikanische Geheimdienst und besorgt den West-Berlinern gleich nach dem Krieg eine Freiheitsglocke, sozusagen als „Spende“ an das Nachkriegs-Westdeutschland. Die Glocke ist der eigenen „Liberty Bell“ nachempfunden und trägt als Inschrift die Worte Abraham Lincolns: „That this world under God shall have a new birth of freedom.“

Seit 1950, jeden Tag um 12 Uhr erklingt sie vom Schöneberger Rathaus, also in Hörweite unserer Brüder und Schwestern im Osten. Nun denn, „Friede sei ihr erst Geläute!“ – Welches politische Kalkül dahinter steht, ist für alle transparent und nicht unsympathisch. Umso größer ist der Schock, wenn den reichen Onkel aus Amerika im hohen Alter der Cäsarenwahn beschleicht. Jetzt hat sich Uncle Sam wieder etwas berappelt, aber vor allzu hohen Erwartungen muss sich Europa hüten, schließlich wissen wir nun, dass gut die Hälfte aller Amis einen gehörigen Dachschaden hat und die anderen auch keine Heiligen sind – in einer pandemischen Weihnachtszeit verfliegt der sonst übliche Weltfriedenszauber und man sieht doch alles etwas nüchterner.


Jahres-End-Figuren

Nüchtern betrachtet sind auch unsere Weihnachtskarten nur eine kleine, verspielte Collage zu Kunst, Wissenschaft und Technik, gelegentlich mit mythischen oder ethnografischen Verzierungen. Eine Welt, in der sich der gemeine Grafikdesigner in der Regel wohlfühlt, zumindest mal eine Ablenkung sucht. In Zeiten absurder Verschwörungsmythen und Querdenkereien verwende ich meinem Zeichenvorrat allerdings nur unter Vorbehalt. Dem allsehenden Auge ist alles ja so vieldeutig wie missverständlich. Sei’s drum, etwas Zauber gehört zu Weihnachten: das Freimauererzeichen, die Zahl Pi und das Steinbocksymbol jedoch haben keine Bedeutung und sind reines Ornament ;-)


Benjamin Ferencz, geb. 1920

Jahrelang haben wir in den Nachrichtensendungen so viele amerikanische Flegel ertragen müssen, eine Wohltat dann, als der 100-jährige Benjamin Ferencz, letzter noch lebender Chefankläger der Nürnberger Prozesse, in den Tagesthemen ein bemerkenswertes Schalt-Interview gibt. Schließlich fragt Ingo Zamperoni ihn nach dem Grund für seinen Optimismus angesichts aller Grausamkeiten und politischen Desaster. Ferencz: „Ich bin nicht optimistisch, ich bin realistisch. Und eins ist mir klar, wir müssen damit aufhören unsere Konflikte mit Waffen auszutragen. Wir müssen mit den Kriegsspielen aufhören, auch wenn es über Jahrhunderte glorifiziert wurde. Deshalb werde ich mich bis zu meinem letzten Atemzug für eine menschliche, friedliche Welt einsetzen. Ich kann nicht anders.“ Zamperoni: „Und was wäre Ihre Botschaft für künftige Generationen?“ Ferencz: „Meine Botschaft lautet, lasst die Waffen schweigen und verschafft dem Recht Gehör! – Und dazu noch drei weitere Botschaften: Erstens: Gebt niemals auf! Zweitens: Gebt niemals auf! Drittens: Gebt niemals auf!“


Besinnliche Weihnacht und ein glückliches, friedvolles und gesundes Neues Jahr 2021!

Kleine Chronik Weihnachtskarten 2015-2020