Die gebrochene Existenz

Apropos Fraktur – das Thema im vorigen Beitrag gibt ja einen kleinen Einblick in unser typografisches Erbe, das allerdings keiner mehr antreten will. Sie hat nämlich einen ordentlichen Knacks weg, unsere Schrift, die wir Jahrhunderte lang als äußere Gestalt der Muttersprache gehegt und gepflegt und letztlich dann einfach vergessen haben. Die Erklärung für Ihr allmähliches Verschwinden ist banal und wenig geheimnisvoll. Formen sind irgendwann nicht mehr gefragt, Stile kommen aus der Mode. Gebrochene Schriften wurden nicht verdrängt oder verraten, sondern schlicht immer weniger benutzt. Und weil es so schön ins Bild passt, sind sie allesamt durch die Nazidiktatur unter Generalverdacht geraten, wenngleich diese Größenwahnsinnigen sie rigoros abschaffen wollten. Die Gründe sind spekulativ, die medialen Konsequenzen waren aber bescheiden, denn im Zeitalter des Bleisatzes tauscht man nicht von heute auf morgen die Buchstaben aus.

Trotzdem bemerkenswert, was sich immer wieder an naiven Verschwörungstheorien generiert. Kunst- und Kulturgeschichte kann man zwar studieren, aber die Leute denken sich auch gerne selber was aus. Das nervt den Experten, vor allem, wenn schöne Dinge dabei verunglimpft werden. So hat sich die Fraktur, als Schönheit vergangener Tage, längst vornehm und ein wenig beleidigt zurückgezogen.

Ideologen haben am Fraktur-Antiqua-Streit ihre helle Freude. Antiquabefürworter hatten ohne Zweifel stets die besseren Argumente, die „offiziellen“ Frakturbefürworter verstiegen sich gerne in einen deutschtümelnden Ton. Und wenn schon die Brüder Grimm sich eindeutig für die Antiqua ausgesprochen haben, ist ja alles in Ordnung so wie es gekommen ist. Ist nicht ironisch gemeint. Als Student hatte ich ein Phase, in der ich mich begeistert mit der Fraktur beschäftigt habe, dann war ich's irgendwann leid. Wenn ich heute Kalligrafieunterricht gebe, bin ich trotzdem erstaunt, wie gerne junge Menschen mit der Fraktur schreiben. Und je nachdrücklicher man darauf hinweist, wie passé das alles ist, um so eifriger wird weitergeschnörkelt.

Mangels Kenntnis der Schriftgeschichte mag einer über die Fraktur die Nase rümpfen. Kreative mit Schreibqualifikation aber nicht. Wer weiß, wie prächtig sich diese Schrift kalligrafieren lässt, hat einen anderen Zugang, als Typografen, die ausschließlich vom Schriftsatz kommen. Die Fraktur der deutschen Renaissance ist nobel, formal perfekt und malerischer als jede Antiqua. Natürlich ist das Malerische ambivalent, aber von künstlerischem Interesse – siehe Jugendstil oder auch die Popkultur der letzten Jahrzehnte. Ausprägungen der gotischen Schriften, wie sie seit der Weimarer Republik entstehen, quasi als Pendant zur serifenlosen Linearantiqua, hatten tatsächlich dann im Dritten Reich Konjunktur. Die primitiven Typen dieser sogenannten „Schaftstiefelgrotesk“ haben formal rein gar nichts mit der kunstvollen Fraktur zu tun.

Wie auch immer, eine Kulturschöpfung, die man nicht mehr braucht, wird ausgemustert. So existiert die Fraktur, das historische „Kleid der deutschen Sprache“, nur noch als Theaterkostüm. Wem danach ist, kann sich auch heute noch eine Feder an den Hut stecken.


Der amerikanische Schriftdesigner und -historiker Paul Shaw dokumentiert in seinem Blog das Schriftensammelsurium im „Third Reich“: Fraktur, Gotisch, Antiqua, Egyptienne, Grotesk, … für jeden was dabei. Wer nun meint, in diesem Durcheinander ein Propagandasystem zu erkennen, erliegt allenfalls seinen diffusen Vorurteilen. Im Grunde könnte man jeder einzelnen dieser völlig unterschiedlichen Schriften ein faschistoides Image andichten, man muss sich nur entsprechend hineinsteigern. In solchem Lichte betrachtet, bekäme die römisch-imperiale Antiqua auf einmal eine ganz andere Aura. Nur als Beispiel – natürlich Blödsinn, aber möglich.

Paul Shaw Letterdesign – German printing trade magazines in the 1930s