Die Handschrift als Backup im Kopf

Gelernt ist gelernt, aber gelesen ist nicht begriffen! – Die Neurowissenschaft belegt, dass manuelles Schreiben sehr viel intensiver die gelernte Schrift im Gehirn verankert, als eine Eingabe über die Tastatur oder das Lesen allein.

Der britische Neurologe Oliver Sacks schildert den Fall eines Mannes, der am Morgen wie üblich die Zeitung aufschlägt und feststellt, dass der Text völlig unverständlich ist. Es sind die vertrauten Buchstaben, doch ergeben sie keinen Sinn. Zuerst glaubt er an einen Jux seiner Freunde, doch wer sollte eine Zeitung derart aufwändig gefälscht haben? Obwohl er sich völlig normal fühlt, wird ihm schnell klar, dass es nur eine Erklärung für das Buchstabenchaos gibt: er muss in der Nacht einen Schlaganfall erlitten und infolge dessen das Lesevermögen verloren haben. So weit, so tragisch, aber jetzt kommt das eigentlich Verblüffende. Er nimmt sich einen Kugelschreiber und schreibt, so wie immer. Er kann das Geschriebene selbst nicht mehr lesen, aber er kann sich nach wie vor schriftlich mitteilen. Wie ist das zu erklären?

Das Phänomen der Alexie, der Buchstabenblindheit, erklärt die Neurowissenschaft damit, dass ein klar lokalisierbares Hirnareal geschädigt wird, das so genannte VWFA (visuelles Wortform-Areal), welches abstrakte, grafische Elemente, wie beispielsweise unser Alphabet und dessen Wortkombinationen abspeichert. Die motorische Fähigkeit zu schreiben lokalisiert man jedoch an anderen Stellen im Gehirn. Sie ist außerdem wesentlich weiträumiger vernetzt. Es wäre also falsch, Lesen und Schreiben als Funktionseinheit zu betrachten. Wir beobachten vielmehr ein Zusammenspiel von Denkleistung und Motorik, abstrakter Wahrnehmung und körperlichem Nachempfinden. So vermag der Mann in Oliver Sacks’ Beispiel, dessen Lesespeicher quasi völlig gelöscht ist, im Verlauf seiner Behandlung diese Information teilweise zu rekonstruieren indem er Buchstaben oder Wörter mit dem Finger in die Luft zeichnet und so, wenn auch äußerst langsam, auf versteckte Reserven zurückgreift. Seine Hände haben nicht nur die Formen verinnerlicht, sondern auch – möglicherweise „in Kopie“ – die Inhalte. Schreiben mit der Tastatur bleibt dagegen eine unüberwindbare Barriere, da hier das Alphabet als abstrakte Form abgefragt wird. Die ersten Erfolge beim Lesen stellen sich immer zuerst bei handgeschriebenen Texten ein, denn unsere Handschrift folgt einem feinnervig vernetzten Bewegungsablauf. Wir können diese vertraute Bewegung mental reproduzieren und auf diese Weise unsere Erinnerung erfolgreich reanimieren. Eine Technik, die für Leistungssportler zum Trainingsalltag gehört.

Es geht hier nicht um die Vorbereitung auf einen medizinischen Notfall, sondern um die Erkenntnis, wie möglicherweise visuelle Kommunikation tatsächlich funktioniert. Gibt es einen besseren Beweis für die Wirksamkeit des Handwerklichen? Das Motorische ist zweifellos sehr viel langsamer als das Denken, aber das physisch Erlernte ist dafür einfach tiefer in unsere biologische Festplatte eingebrannt.

Motorik und Intellekt ergänzen sich: Das Beispiel zeigt nicht nur, wie bei einer mentalen Behinderung körperliche Kompensationspotenziale aktiviert werden können, sondern, dass im Umkehrschluss die Qualität der Bildung davon abhängt, wie weit vernetzt Sinnesreize und Gelerntes abgespeichert sind.


Nachtrag 12.01.2015, Süddeutsche Zeitung Tastatur schlägt Stift oder umgekehrt?