Die Kunst (von der Kunst) zu leben

Vermeer vs Banksy


„Bildende Kunst ist nicht wie andere Kultur, denn ihr Erfolg wird nicht vom Publikum gemacht. Das Publikum füllt jeden Tag Konzertsäle und Kinos, wir lesen millionenfach Romane und kaufen milliardenfach Tonträger. Wir Leute haben Einfluss auf die Entstehung und Qualität des größten Teils unserer Kultur, aber nicht auf unsere Kunst.

Die Kunst, die wir uns ansehen, wird nur von einigen wenigen gemacht. Eine kleine Gruppe schafft, fördert, kauft, stellt aus und entscheidet über den Erfolg der Kunst. Nur ein paar hundert Menschen auf der Welt haben ein wirkliches Mitspracherecht. Wenn Sie eine Kunstgalerie besuchen, sind Sie lediglich ein Tourist, der sich den Trophäenschrank einiger weniger Millionäre ansieht.“ – Banksy, 2005¹




Gemessen an der subtilen Ironie in Banksys künstlerischem Werk wirkt das Zitat recht direkt und zynisch. Dabei stellt sich die Frage, ob er als Künstlertypus seinen Vorwurf widerlegt oder nicht längst bestätigt hat, steht er doch selbst seit Jahren in den Trophäenschränken der Oberschicht – und das in geradezu monumentalem Ausmaß. Moderne Kunstgangster sind ihm auf der Spur wie Grabräuber, und verladen schon mal ein gesamtes Mauerwerk mit seinen Pieces, um sie dann an Hollywoodstars zu verhökern. Der Künstler ist unentwegt in Bewegung. Ob in der Ukraine oder im Westjordanland, überall hinterlässt Banksy seinen Beitrag zum Zeitgeschehen und kaum entdeckt, ist das Werk schon wieder weg – entweder an Ort und Stelle zerstört, bereinigt oder eben am Stück sorgsam demontiert und einkassiert. In der Tat wird dieser seltsame, neue Kunst-Schwarzmarkt von cleveren Profiteuren kontrolliert, die sich sehr smart und sportlich vorkommen. Und in dieser Sphäre ist Banksy ohne Zweifel ein gejagtes Phänomen – eines, das sich erklären muss.


1. Mai 2023, Banksys Graffiti auf zerstörtem Gebäude in Borodjanka, Ukraine. Ein junger Judokämpfer besiegt seinen riesigen Gegner. Dem ukrainischen Volk scheint das gefallen zu haben, das Motiv schafft es immerhin auf eine Briefmarke. Foto: AdobeStock


Banksy pflegt also durchaus auch seinen analytischen Mitteilungsdrang, ein Fundus regelrechter Aphorismen füllt seine Bücher. Sein plakatives Statement oben ist cool formuliert, aber die Diagnose an sich ist ein alter Hut und seit jeher das Dilemma der bildenden Kunst. Entweder ist die Kunst den Leuten schnuppe, oder man ergeht sich in devoter Bewunderung. Dazwischen gibt es nicht viel. Gehört es also zur Abgrenzung vom unbemittelten Pöbel, dass Kunst absurd teuer sein muss? Zwei Beispiele aus der Kunstgeschichte: Ein großes Tafelbild von Dürer kostet schon zu seinen Lebzeiten so viel wie ein Nürnberger Stadthaus. Malerfürst Gustav Klimt, der Künstler seiner Zeit, verlangt für ein großformatiges Gemälde die Hälfte des Preises einer Wiener Villa. Kein Wunder, dass sich der Kunstbetrieb im oberen Segment immer weiter von der Realität entfernt. Nun muss man Banksys Theorie entgegenhalten, dass es durchaus Galerien und andere Verkaufskanäle gibt, die Kunst zu akzeptablen Preisen anbieten, sonst hätte ich selbst kein einziges Exponat zu Hause. Aber im großen Stil und im öffentlichen Raum hat das Überkandidelte gesellschaftspolitisch durchaus System: Kunstbesitz dokumentiert mitunter Reichtum und Macht. Seit es Museen gibt, sind sie auch Tempel der Macht – bis heute. Die Architekt*innen der Gegenwart sind zwar herausgefordert, demokratisch, nach menschlichem Maß und ohne großspurige Ambitionen zu bauen, doch große Kunst muss sich behaupten und kostbar verkaufen, das geht oft nicht ohne raumgreifende Inszenierung.

Seit der klassischen (!) Moderne ist es dennoch möglich, dass sich neue Kunstströmungen außerhalb der etablierten Museen und Salons einen neuen Platz suchen – jedenfalls fürs Erste. Wenn das verstörte, empörte Publikum sich dann an die Avantgarde gewöhnt hat, gehört die neue Kunst zum Bildungskanon und zieht zur Krönung mit Glanz und Gloria ins Museum ein. Das passiert mittlerweile auch mit der Streetart, was vom Namen her schon ziemlich verrückt klingt.

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¹ "Art is not like other culture because its success is not made by its audience. The public fill concert halls and cinemas every day, we read novels by the millions and buy records by the billions. We the people, affect the making and the quality of most of our culture, but not our art. The Art we look at is made by only a select few. A small group create, promote, purchase, exhibit and decide the success of Art. Only a few hundred people in the world have any real say. When you go to an Art gallery you are simply a tourist looking at the trophy cabinet of a few millionaires."


Streetart goes indoor – verkehrte Welt. Dazu noch dieses zweifelhafte Spektakel bei Sotheby's. Das Motiv „Girl with Balloon“ von 2002 wird, infolge der Schredderaktion von 2021, Teil der modernen Kunstgeschichte und sozusagen museumsreif. Angesichts der 19 Millionen Euro, die das Werk bei seiner zweiten Versteigerung bringt, sollte man nicht vergessen, dass es sich um eine simple Druckgrafik handelt. Was (vielleicht) als Protest gegen den perversen Kunstmarkt gedacht war, geht voll nach hinten los. Wen die Kulturschickeria einmal vereinnahmt hat, den hält sie auch fest am Wickel, allein schon aus Gründen der Werterhaltung. – Die Abbildung oben ist eine Nachstellung der Aktion anlässlich einer Banksy Ausstellung im Technikum Mülheim-Ruhr. Foto: AdobeStock


Zwischenfazit: Kunst im landläufigen Sinne ist kein massentaugliches Kommunikationsangebot, sondern richtet sich eher an eine kleine, finanzstarke Blase. Die subversive Streetart setzt inzwischen ganz andere Akzente als die zeitgenössische, hochdotierte Kunst in den versnobten Galerien und Museen. Da draußen wird ungehemmt gemalt, geklebt, gesprüht. Leidenschaft und Popkultur, eben das, was die Leute gerne sehen. Es ist figurativ, witzig, provokant, immer in einer Bildsprache, die man verstehen kann, wenn man Lust dazu hat. Kein abgehobener Pseudo-Code, der nur mit kunsttheoretischer Expertise entschlüsselt werden kann. Dabei vermittelt Streetart auch „klassische“ Museumskunst, weil sie sich ihrer bedient, sie zitiert, manchmal auch einfach klaut.

Und genau diese hemmungslose Anarchie ist der rote Faden. Erst mit Banksys spektakulärem Erfolg gelingt der Streetart der Durchbruch als Zeitströmung. Doch der große Anonymus wird in der Szene ebenso gefeiert wie gehasst, seine Schablonenkunst ist unter den Freihandsprayern eher verpönt. Zudem steht der Vorwurf des Plagiats im Raum, denn der französische Schablonenkünstler Blek Le Rat, der bereits zehn Jahre zuvor am Start war, ist unverkennbar das stilistische Vorbild für Banksys Bildsprache im Allgemeinen und für das Punk-Nagetier als Markenzeichen im Besonderen. Banksy steht dazu. Sein Motto: „Copyright is for losers“. Dafür ist diese Kunstform viel zu vergänglich. Und mal ehrlich, Schablonengrafik ist so alt wie die Menschheit, wer wann mit was zuerst dran war, ist in Kunst und Design irrelevant, die Niederungen der Urheberrechtsstreitigkeiten gehören zum Dirty Business der Patentanwälte und Abmahnagenturen. Insofern bin ich ganz bei Banksy.


Blek Le Rat, Bildquelle Wikimedia Commons

Lange Zeit gab es in der Kunst kein Äquivalent zur Popkultur der Musik, eine Kunstform, die sich an ein breites Publikum wendet und nicht nur die High Society bedient. Das scheint sich mit der Streetart geändert zu haben, doch sobald die Öffentlichkeit kommerzielles Interesse signalisiert, brummt das Getriebe des Kunsthandels auf Hochtouren. Die einen werden unverhofft mit Geld und Ruhm überschüttet, die anderen werden weiterhin vom Gesetz verfolgt, denn Streetart ist in weiten Teilen illegal und gilt schlicht als Vandalismus. Dass Banksy unter Pseudonym arbeitet, hat also genau darin seinen ursprünglichen Grund und wird zum unschlagbaren Marketing-Coup. Dennoch legt er Wert darauf, dass niemand unter seiner Flagge segelt und hat deshalb eine PR-Agentur mit dem lustigen Namen „Pest-Control“ beauftragt, quasi sein Werkverzeichnis zu führen. Auf der mageren Website werden in dürren Worten einige urheberrechtliche „Wünsche" geäußert, zum Beispiel: „Zu sagen, dass Banksy in seinem Buch geschrieben hat, dass das Urheberrecht etwas für Verlierer ist, gibt Ihnen nicht das Recht, den Künstler falsch darzustellen und Betrug zu begehen“. Einerseits ist das wohl richtig, aber es bleibt die Frage, ob eine anonyme, weil illegal schöpfende Person de jure Urheberrechte beanspruchen kann, ohne im Gegenzug die mit Sicherheit zu erwartenden Schadensersatzforderungen zu erfüllen. Da bleibt die professionell arbeitende und eingeschworene Truppe um Banksy lieber in Deckung.


Banksys Friedenstaube in Bethlehem, ums Eck dann sein umstrittenes Hostel. Wenn aktuelle Ereignisse eine Situation radikal ändern, dann formuliert sich auch die Metabotschaft schlagartig um. Das Foto ist ziemlich genau ein Jahr alt, aufgenommen im Dezember 2022 in Bethlehem. Foto: Imago, Copyright: Jakub Porzyckix


Banksy, Girl with a Pierced Eardrum, 2014

Für einen kunst-erbaulichen Weihnachtsbeitrag kommt man in Zeiten wie diesen an der Streetart nicht vorbei. Sie ist die einzige Kunstform, die unsere Gegenwart politisch, ehrlich und authentisch reflektiert – ohne das übliche Getue.

Soweit ich das überblicke, sind Banksys Arbeiten gesellschaftsrelevant, pointiert – aber Gott sei Dank ohne moralischen Appell. Ich mag diesen Bildwitz, weil er mich in meiner kritisch-sentimentalen Weltsicht abholt, ohne zu frustrieren, sondern die Lust am Dranbleiben, am Mitmachen, am Dabeisein stärkt. Dass Banksy gelegentlich die Grenze zum Kitsch streift, ist immanent. Emotionen sind einfach individuell verschieden, eine Kunst, die mit ihnen arbeitet, entsprechend schwer zu dosieren. Banksys direkte, plakative Kunstbotschaften zielen vor allem auf das Gefühl. Als Straßenkünstler*in steht man in doppelter Hinsicht unter Zeitdruck: während der Ausführung und danach, denn viele Pieces werden nach ihrer Entdeckung sofort wieder entfernt. Mitunter konserviert sich das Flüchtige in den sozialen Medien, verlassen kann man sich darauf nicht.

Umso wichtiger ist die Klarheit des Werkes, seine Attraktivität und sein Timing. Es gibt nur wenige Arbeiten, die Banksy ohne Schablone geschaffen hat, fast ausnahmslos die frühen. In dieser vermeintlich geschützten Ecke in Bristol hat er wohl deutlich mehr Zeit als sonst und wagt sich nun an einen der größten Maler heran. Damit will er wohl einerseits seinen Respekt ausdrücken, andererseits schafft er wieder eine satirische Brechung, indem er dem zarten Geschöpf Vermeers statt eines Perlenohrrings eine Alarmsirene ins Ohr tackert. Das tut erst beim zweiten Hinsehen weh und dauert genau so lange, wie man braucht, um diesen klassischen Double-Gag aufzulösen.


Galerie unten: Girl with a Pierced Eardrum, 2014 Banksy explained by Pest Control Office.
Jan Vermeer, 1665 Das Mädchen mit dem Perlenohrring, 1673 Die Malkunst, 1661 Ansicht von Delft.

Jan Vermeer van Delft, Die Malkunst, 1673

Andere Zeiten, andere Requisiten. Während Banksy seine Kunst in die vorhandenen Gegebenheiten hineinschmuggelt, in dem er auf schmutzigem Mauerwerk ein Mädchenporträt um eine Alarmsirene herumsprüht, ist es Vermeer vergönnt, seine Idealwelt im wohltemperierten Atelier zu inszenieren. Vermeers Kunst steht für den Rückzug ins Private, Intime. Eine Welt voller kostbarer Details, aufgeräumt, alles an seinem richtigen Ort, mit metaphorischer Bedeutung.

Wer sich etwas in der (Kunst-)Geschichte der Niederlande auskennt, der bekommt ein Gefühl für die Ausstattung in Vermeers Bildern. Der kommerzielle Hintergrund: Keine Nation im barocken Europa investiert so leidenschaftlich in seine Malerei wie die Niederlande, denn was es im 17. Jahrhundert, im sogenannten goldenen Zeitalter dieser weltweit aktiven See-Handelsnation ohne Frage gibt, ist Geld. Mangels Immobilien wird die Malerei zur Geldanlage. Vermeer kann sich einer mehr als stabilen Auftragslage sicher sein. So ist das lichtdurchflutete Atelier des Malers zwar in calvinistischer Ordnung eher einfach möbliert, aber mit kostbarsten Stoffen ausstaffiert und natürlich darf eine eindrucksvolle Landkarte an der Wand nicht fehlen. Man ist in der Welt zu Hause. In aller Stille widmen sich Künstler und Modell einer allegorischen Darstellung, höchstwahrscheinlich die der Poesie. Idylle in Delft, dem städtebaulichen Juwel – die Malerei Weltklasse, ästhetisch, für die Ewigkeit gedacht.


Bildquelle Wikimedia Commons


Zeitreise: zurück nach Bristol – Banksy muss die Welt akzeptieren, wie sie ist. Indem er das berühmte und anerkannte Schöne in den urbanen Kontext montiert, geschieht etwas Irritierendes. Vermeers heile Welt grüßt die verwahrloste Gegenwart. Was mag die Botschaft sein? – Es ist, wie es ist, und das eine ist so gut wie das andere.

Jimi Hendrix, The Wind Cries Mary, 1967

Wer nun hätte gedacht, dass die Schablonentechnik, die wir Anfang der Siebziger, da bin ich in der Mittelstufe bei Frau Tuschinsky im Kunstunterricht, dass diese angesagte Schwarz-Weiß-Grafik, in der wir unsere trivialen Jimi-Hendrix-Köpfe stolz bei ihr abliefern, dass diese Masche mal „state-of-the-art“ sein würde. Unsere Musikhelden von damals kriegen wir ja fotorealistisch nicht hin, man nimmt sich die gängigen Poster vor und malt die Konturen in harter Tontrennung ab, das geht. Ergo ist die grafisch-plakative Kunst der Streetart für mich nicht nur untrennbar verbunden mit der Rockmusik meiner Jugend, sie ist auch ihre kongeniale Entsprechung zur bildenden Kunst. So wie ich sozialisiert bin, quasi synchron zum Soundtrack, erscheint mir die heutige Streetart wie gemalte Popmusik. Ähnlich wie bei Massenmedien benötigt auch die urbane Streetart ein breites Publikum, statt sich auf einzelne zahlungskräftige Käufer*innen zu stützen. Verrückt, jetzt hängen die „Posterbilder“ von damals im Museum – ein grafisches Déjà-vu: Love and Peace and Rock’n’Roll.


Streetart in Amsterdam, Foto: Leon


Alles wird gut, manches ist eben erst beim x-ten Versuch erfolgreich, Kultur und Werbung leben von der Wiederholung und es macht uns überhaupt nichts aus, gelegentlich die alten Songs von früher zu hören. Die neuzeitlichen Renaissancen erhalten die Vorsilben Vintage- oder Retro-, und trotz aller Techno-Dominanz sieht eine E-Gitarre genauso aus wie vor 70 Jahren. In einer dieser persönlichen Retrospektiven – auch das schon eine Weile her und etwas unter Nostalgie-Verdacht – da nehme ich noch einmal eine Zeit lang Gitarrenstunden. Nach zwei Jahren gebe ich’s wieder auf, vielleicht jobmäßig überlastet, wohl eher zum Üben zu faul. Immerhin, eine Lieblingsballade schaffe ich mir dabei noch drauf: The Wind Cries Mary – heute mein Geburtstagsgruß in den Himmel.


Foto: AdobeStock


Wie nun vom künstlerischen Beruf leben? Banksy jedenfalls sieht von all dem Kitsch, der mit seinen Arbeiten getrieben wird – siehe Copyright – keinen Cent. Darum weise ich meinen Schutzbefohlenen auch lieber den lukrativen, nicht minder kreativen Ausweg zum Design. Banksy würde mich dafür hassen. Zitat: „The thing I hate the most about advertising is that it attracts all the bright, creative and ambitious young people, leaving us mainly with the slow and self-obsessed to become our artists."

Noch was: allen braven Menschen, die ins Kunstmuseum gezerrt werden, obwohl das nicht wirklich der Ort ihrer Sehnsüchte ist, sei die Cafeteria ans Herz gelegt und dann: Exit through the gift shop! Wer also noch eine Kleinigkeit sucht, findet hier sicher auf die Schnelle einen Van-Gogh-Regenschirm oder einen Dürerhasenradiergummi – den hätte ich übrigens selbst gerne.

Besinnliche Weihnacht und ein glückliches und zufriedenes Neues Jahr 2024!

Kleine Chronik Weihnachtskarten seit 2015