Die Navigation der christlichen Seefahrt

„Große Zeit ist's immer nur, wenn's beinahe schiefgeht, wenn man jeden Augenblick fürchten muß: jetzt ist alles vorbei.“
Theodor Fontane, 1898 – Der Stechlin


Die Seefahrt mit allen ihren Requisiten ist in der Malerei schon immer eine prachtvolle Kulisse für das Abenteuer des Lebens, die Entdeckung und Eroberung der weiten Welt. Das Ganze im Kontext frommer Beständigkeit darzustellen, ist die Motivation des Pieter Brueghel dem Älteren bei einem seiner weniger bekannten Bilder, von dem man nicht mehr sicher ist, ob es sich um ein Original handelt oder eine Werkstattkopie. Was der Pinselführung nach wahrscheinlicher ist. Auch der Titel ist nur unverbindlich überliefert: Landschaft mit dem Sturz des Ikarus – mehr die wage Beschreibung dessen, was man ohnehin sieht. Sofern man genau hinsieht.


Große Zeit – Weite Welt

In manchen Geschichtsbüchern wird dieses eher verhaltene Bild als Aufmacher einer „Neuen Zeit“ verwendet. Sei es die Renaissance im Allgemeinen, die Entdeckung Amerikas oder der Beginn des modernen Überseehandels. Auch der flämische Maler Brueghel erlebt das Aufblühen seiner bis dato unbedeutenden Heimatstadt Antwerpen zur Handelsmetropole und die damit verbundene Unsicherheit im eigenen Gemüt. Im Gemälde verarbeitet er ein Kapitel aus Ovids Metamorphosen, die Sage vom übermütigen Ikarus, der im Höhenflug seiner Begeisterung der Sonne zu nahe kommt und seine Euphorie mit dem Leben bezahlen muss.

In der Antike gelten Vater Dädalus und Sohn Ikarus als Helden der Freiheit. Sie entfliehen über das letzte unbeherrschbare Element aus ihrer Gefangenschaft. Ovid dichtet: „Mag Länder er sperren und Wogen, der himmlische Raum ist frei. Dort wollen wir ziehen. Sei er von allem der Herr, nicht Herr der Lüfte ist Minos." – In Brueghels Bild jedoch macht Ikarus nicht nur eine unglückliche Figur, er findet überhaupt keine Beachtung. Ganz am Rande und in weiter Ferne, sinnbildlich synchron mit einer untergehenden Sonne, ertrinkt er hilflos im Meer.

Brueghels Figuren entstammen exakt Ovids Versen: „Mancher, indem er mit schwankendem Rohr nachtrachtet den Fischen, Oder ein Hirt auf den Stab, ein Pflüger gestützt auf die Sterze, Sieht sie und staunt und vermeint, die im Äther vermöchten zu schweben, Müssten Unsterbliche sein.“

Unsterblich sind sie nicht, in Brueghels Version schaut auch niemand bewundernd hin. Selbst der aufblickende Hirte geht nur seinen eigenen Gedanken nach. Alle stehen an ihrem Platz, jeder mit seiner Aufgabe befasst, keiner kümmert sich um den anderen und Dädalus kommt gar nicht vor. Brueghel malt ein Paradigma, die Moral der Zeit, die zu Demut und Mäßigung mahnt. Der Zeitgeist des 16. Jahrhunderts verlangt trotz aller Umbrüche ein gottgefälliges Leben und hegt keine Sympathie für Himmelsstürmer. Die Antwort auf die Frage, wie mit den Herausforderungen des Fortschritts, den Gefahren und Unwägbarkeiten umzugehen ist, beantwortet der Maler mit der Inszenierung eines vollkommen geordneten Raums, in dem Mensch, Stadt und Land in aller Stille funktionieren. Nur einer überspannt den Bogen und dient als mahnendes Exempel.

Eine amüsante Vorstellung, dass Menschen bereits damals das Gefühl haben, die Welt drehe sich für sie zu schnell. Wir sind also nicht die ersten, die glauben, das moderne Leben gliche einem Ritt auf der Rasierklinge. Was aber früher nur in der Vorstellung existierte, nimmt heute reale Formen an. Die Navigation der christlichen Seefahrt bleibt stur auf Expansionskurs, wir kommen der Sonne gefährlich nahe – jeden Augenblick könnte man fürchten, dass alles vorbei ist.


Whistleblowing

Gut, dass es Menschen gibt, die aufpassen was heutzutage alles durch den Äther rauscht. Wenn dann auf hoher See die Gefahr am größten ist, muss einer die anderen aus dem Schlaf wecken, mit schrillen Tönen. Edward Snowden hat in den langweiligen Dienstnächten bei der CIA reichlich Gelegenheit, über den Irrsinn seiner Arbeit und den Wert des eigenen Gewissens nachzudenken und zieht daraus eine Konsequenz, die sein geordnetes Leben komplett umwirft. Zumindest nimmt er aus seiner „Intelligence-Community“ ein paar Gewissheiten mit: es waren tatsächlich Menschen auf dem Mond und es gab noch keinen Kontakt zu Außerirdischen. Der Klimawandel ist Realität und es gibt keine Chemtrails. Ironie ist eine romantische Mentaltechnik ;-)

Mein Vertrauen in Wissenschaft und Fortschritt ist kaum zu erschüttern, der Sputnik am Himmel war sozusagen der Leitstern meines Jahrgangs. Doch begegne ich unserer Zukunft mit äußerster Vorsicht. Fest steht, dass für unsere Kinder die Bewahrung der Gedankenfreiheit zur größten Herausforderung wird. Snowdon beschreibt in „Permanent Record“ diese sogenannte Generation Y als die erste, deren Lebenslauf sich in den digitalen Erfassungssystemen von selbst aufzeichnet. Kein stilles, analoges Vorbild à la Brueghel, sondern heimliches Tracking wird sie zukünftig zu besseren Menschen machen. Und wie sieht’s mit mir und meiner Generation X aus? Wie der Zufall so spielt: Noch während ich das Buch lese, benötige ich für meine Lehrtätigkeit ein aktuelles Führungszeugnis. Erwartungsgemäß „keine Eintragung“. Drunter steht’s auf Englisch: „No Record“. – Wer’s glaubt, wird selig.


Beschließen wir das Fontane-Jahr mit seiner durchaus vernünftigen Empfehlung: „Man muß die Musik des Lebens hören. Die meisten hören nur die Dissonanzen.“

Besinnliche Weihnacht und ein glückliches und zufriedenes Neues Jahr 2020!