Die Poesie der Zwischenräume

Kunst gilt als unverbindlich, Wissenschaft als berechenbar. Aber auch dort gilt, was nicht passt, wird passend gemacht. Beispielsweise braucht unsere Erde für eine vollständige Umdrehung tatsächlich ein kleines bisschen länger als 24 Stunden. Um diese Maßdifferenz zu kompensieren – so war zu hören und zu lesen – wird in diesem Sommer mal wieder eine sogenannte Schaltsekunde eingeschoben. Das merkt kein Mensch und die Statistik geht wieder sauber auf. Ein glattes Ergebnis ohne blöde Nachkommastellen. – Was auch immer die Welt im Innersten zusammenhält, es scheint jedenfalls, dass in den Fugen noch etwas Luft ist.

Kreative Gemüter erkennen darin die Poesie der Zwischenräume. So ähnlich formuliert das Heinrich Böll in seiner Nobelpreisrede und meint damit jenen Teil der Ingenieurskunst, außerhalb der berechenbaren Baustatik, wo Intuition und Erfahrung das ideale Spaltmaß im Brückenbau definieren. Dinge, für die es keine Formel gibt und die dennoch entschieden werden müssen. Mag sich geschwollen anhören, ist aber letztlich völlig simpel: bei aller Vernunft und Technik geht es nicht ohne Gefühl und das ist reine Vertrauenssache. Wer da Bauchschmerzen bekommt, lässt am besten seine Finger von Kunst und Design.


Es ist verständlich, dass uns vermeintliche Ungereimtheiten anfangs irritieren, wenn nicht sogar ärgern. Gerhard Richter hat beispielsweise bei der Neugestaltung des Südfensters im Kölner Dom die Abfolge der abstrakten Farbfelder nach einem Zufallsalgorithmus vom Computer entscheiden lassen. Die klare Botschaft eines Atheisten, möchte man meinen – das labile Prinzip Zufall im Spannungsverhältnis zu den festen Glaubenswerten der Kirche. Im Ergebnis hatte dem Künstler aber das Visuelle nicht gefallen, denn es ergaben sich ungewollte Muster, die er dann bewusst wieder auflöste. Dabei erschien uns endlich mal etwas logisch, schon wird wieder dran geschraubt. Künstlerische Freiheit sagt man dazu, gerne mit einem süffisanten Unterton.

Was eine Beleidigung der künstlerischen Natur ist, denn wir lassen uns zwar mehr oder weniger vom Zufall leiten, aber nicht davon beherrschen. Da gibt es Momente, in denen der Mensch in aller Bescheidenheit eingreift, mag er sich dabei als Schöpfer fühlen oder wieder nur als Werkzeug. Letztlich gehört uns immerhin die Schaltsekunde – in Ewigkeit Amen.


Das Südquerhausfenster im Kölner Dom – Vernunft, Gefühl und Zufall