„Die Ursache liegt in der Zukunft“

Joseph Beuys – Das Ende des 20. Jahrhunderts¹


„Die Ursache liegt in der Zukunft“ ist eines der seltsamen Zitate unseres berühmtesten Schamanen, Joseph Beuys. Sein Kalenderspruch ist dennoch ein witziger, wenn auch etwas umständlicher Hinweis darauf, dass Visionen unbedingt die Frage einschließen sollten, wohin sie führen – materiell wie spirituell und generationsübergreifend. Und dass, so ist zumindest meine Ausdeutung, die Zukunft dann zeigen wird, was Kulturschaffende angetrieben hat in ihrem Reflex auf eine subjektiv empfundene Gegenwart. Denn zuweilen wissen sie es wohl selbst nicht und reden sich in der Erklärung des eigenen Werks um Kopf und Kragen. (siehe Beuys von A bis Z)

Die Frage ist auch, ob diese Verhaltensoriginalität sich lediglich auf die freien Künste beschränkt, oder ob die Herrschaften in Wissenschaft und Technik, in Wirtschafts- und Finanzwelt nicht genauso „halluzinieren“ wie unsere neuen Freunde, die KI-Chatbots, die rund um die Uhr ein offenes Ohr für unser Gelaber haben, und dann gnadenlos in Sekundenschnelle zurücklabern. Man meint dann am Ende noch, es ginge um den fruchtbaren Austausch und das Vermehren von Wissen, dabei erleben wir nur ein Dauerpalaver, wo die Netzwerke heißlaufen, aber kaum Zeit bleibt, die Meinung des anderen zu verdauen. So ein menschliches Miteinander wäre mal ganz erholsam.

Von sozialromantischen Idealen wie Solidarität fange ich gar nicht erst an. Lieber heuchelt man sich eine Regelkonformität vor, neudeutsch „Compliance“ genannt, mit billigem Ablass und schmerzloser Buße. Das war in früheren Gesellschaftsformen etwas rigoroser. Das Mittelalter hatte da eine fantasievollere Lösung: das Fegefeuer. Eine Strafrunde für die eigene Seelenwanderung, aus der uns nur die Gebete der Nachkommen erlösen können. Im säkularen Staat verzichten wir auf Pech und Schwefel. Stattdessen vertrauen wir auf die liturgischen Zauberformeln „Nachhaltigkeit“ und „Achtsamkeit“, die in Sonntagsreden ungefähr dieselbe Funktion erfüllen wie früher das Weihwasser: Sie vermitteln ein angenehm reines Gefühl, ohne zwingend praktische Folgen zu haben.

Und weil diese esoterische Begriffswelt so wunderbar abstrakt bleibt, fällt es uns leicht, den Erhalt unserer Lebensgrundlagen feierlich zu beschwören und mit bewährter Coolness alles weitere den kommenden Generationen zu überlassen.

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¹ München, Pinakothek der Moderne, Foto: HHE (Link zu weiteren Information)


„Me, myself and I“

Nichts ist egozentrischer als die Kunst. Seit mindestens hundert Jahren ist das Publikum dazu aufgefordert, sich ganz und gar auf die dargebotene Kunst „einzulassen“ und sich mit der Entschlüsselung rätselhaften Gebarens herumzuschlagen. Meistens macht‘s Spaß, mitunter kriegt man die Motten. So ist der in der Münchner Pinakothek der Moderne raumfüllend präsentierte Steinhaufen (oben im Bild) allein seiner Masse wegen recht imposant, die auf der Website dazu hinterlegte Metainformation allerdings klingt ziemlich verschwurbelt. Bei mir schlägt die Bewunderung für Künstler*innen schnell um, wenn ich den Personenkult wittere ;-)

Aber auch in der Popkultur zelebriert man die Selbstbespiegelung wie in den Königshäusern des Absolutismus. Die obige Headline ist der Titel eines Songs von Beyoncé. Okay, darauf sind schon andere gekommen, das Spiel mit den Pronomen ist nicht wirklich originell, wohl aber typisch für ein Leben in operettenhafter Dauerselbstdarstellung. Ich, ich, ich. Und das betrifft die gesamte Gesellschaft, ob männlich, weiblich oder divers. Möglicherweise wäre es gerade für Künstler*innen auch zu viel verlangt, diesen hochdynamischen Antrieb zu unterdrücken.²

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² „Ich, ich, ich …“ sagt auch der Professor der Dresdner Kunstakademie zu DDR-Zeiten, während er vor seinen Studierenden die Egomanie und Charakterlosigkeit der westlichen Kunst anprangert. Zitiert im Kinofilm „Werk ohne Autor“: Da sitzt der Student Gerhard Richter noch andächtig im Hörsaal, bevor er später in den Westen ausbüxt, um in Düsseldorf (unter Beuys!) noch einmal von vorn zu studieren. Ein Kommilitone fragt ihn, warum er das riskiere. Seine Antwort: „Ich, ich, ich.“


Beyoncé auf der Met Gala 2026 – seelenverwandt mit dem europäischen Hochadel? – Erst auf den zweiten Blick ist unter dem ausufernden Kleid mit gigantischer Schleppe die glitzernde Totentanzfigur erkennbar, eine famose Vanitassymbolik mit Sinn für Ironie. Foto: John Angelillo/UPI Alamy · Bildquelle des Gemäldes von Elisabeth Vigée Lebrun, Porträt der Marie Antoinette mit Rose Wikimedia Commons



Egal, was man sich auch von dem Celebrity-Gehabe abschaut, hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen, gibt es immer wieder ein Schneewittchen mit noch mehr Followern. Die hohe Frequenz der Selbstdarstellung und Content-Generierung erweckt einen letztlich übersteigerten Wunsch nach Aufmerksamkeit. Wenn immer mehr Menschen mit ihren Posts auf sich aufmerksam machen wollen, wird allmählich das Publikum knapp, der Tag zu kurz. So ist man aus dem linearen Modell ausgebrochen, produziert auf Vorrat und legt alles in monströse Mediatheken ab.

In diesem Pyramidensystem der Eitelkeiten ist es unmöglich, dass wir uns gegenseitig so bewundern, wie es zum Erhalt des exponentiell gesteigerten Bedarfs an Glücksgefühlen notwendig wäre. Da ist der Frust schon vorprogrammiert. Als Rheinländer mache ich dann lieber mal einen Bogen um diese Ernsthaftigkeit. Wohl dem, der es schafft, die Absurdität zeitgenössischer Geltungsbedürfnisse ins Satirische zu übertragen und herzhaft darüber lachen kann.


Ein „versöhnlicher“ Abend im Lustspielhaus

Also, auf nach Schwabing und rein ins Lustspielhaus! Christian Ehring mal live und solo (außerhalb von Extra 3) zu erleben, ist absolut das Geld wert. Auch er stellt sich die Frage, ob der äußere Druck, über alles ständig hin und her zu kommunizieren, alles zur Sprache zu bringen, auszudiskutieren, zu hinterfragen und sich mit Dauerfeedback zu behelligen – ob das ohne Pause wirklich so gesund ist für unser Gesellschaftsleben. Und ob es nicht auch mal eine Idee wäre, gelegentlich die Klappe zu halten? Einfach mal Stille? – Ein ambivalenter Vorschlag, um ein Soloprogramm einzuleiten.


„Versöhnung„ – so heißt das neue Programm von Christian Ehring³


Wenn nun einer seine Klappe auf keinen Fall halten kann, dann steht er meistens auf der Bühne und hat viel zu erzählen: Christian Ehring scheint ähnliche Leute zu kennen wie unsereins. Beispielsweise alte Freunde, die ein weiteres Mal heiraten, um jetzt dann aber richtig auf die Kacke zu hauen, in einem mondänen Château der Provence, außerhalb eines noch gänzlich unbekannten Kaffs namens Dingsbums „sur la merde“. Also genau mein Thema: Wer's geschafft hat, heiratet in aristokratischem Ambiente und nicht „im SPD Ortsverein“. Schließlich haben wir alle eine Schraube locker, jeder nach seinem Plaisir. Keine Ahnung, wie lange das noch gut geht.

Mit Prognosen bin ich vorsichtig, schließlich liegt die Ursache in der Zukunft.


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³ PS: Ehring war schon immer konziliant. Bereits in seinem früheren Soloprogramm „Keine weiteren Fragen“ bat er sein Publikum zu Beginn ausdrücklich darum, die Smartphones nicht auszuschalten und ab und zu drauf zu schauen, da er nicht mehr gewöhnt sei, unentwegt von Gesprächspartnern angestarrt zu werden. Er fühle sich einfach wohler, wenn die Menschen gelegentlich die Blicke von ihm lösen und auf ihr Display schauen.