Die Welt von oben gesehen

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„Wenn der liebe Gott sich im Himmel langweilt, dann öffnet er das Fenster und betrachtet die Boulevards von Paris.“ Heinrich Heine, 1832 – für die Augsburger Allgemeine


Der Blick aus dem Fenster auf die Geschäftigkeit der Anderen gehört den Neugierigen, den Tagträumern oder Tagedieben. Es ist die Perspektive des Künstlers, der schon wieder mal vier Stunden später aufgestanden ist als die übrigen Zeitgenossen. So stellt auch Louis Daguerre eines schönen Tages seinen Holzkasten auf die Fensterbank, macht den Objektivdeckel ab und lässt den Dingen seinen Lauf. Dass im Ergebnis, außer den Immobilien, nichts auf der Glasplatte übrig bleibt, ist die eigentliche Ironie der Zeit oder besser der Zeitkonstante. Weniger geheimnisvoll formuliert, es ist die Belichtungszeit, die das Wesentliche verschluckt und das Nebensächliche konserviert. Nur der stoisch vor sich hin werkelnde Schuhputzer und sein geduldiger Kunde werden im Kontinuum eingefangen, alle Anderen sind dem Fotokünstler davongehuscht.


Zehn Minuten für die Nachwelt

Daguerres Aufnahme gilt als erstes Dokument mit lebenden Personen. Die Reaktionsträgheit der unausgegorenen Technik ist für die Nachwelt reine Poesie, denn genau das was nicht zu sehen ist, beschäftigt unsere Vorstellung, macht das Alltagsbild zur Allegorie der Zeit. Im Jahr 1838, als diese berühmten zehn Minuten festgehalten werden, ist die Fotografie noch weit davon entfernt, sich als Kunst zu etablieren. Und später entspinnt sich in Konkurrenz zur Malerei erst einmal ein skurriler Streit. Für Baudelaire ist die Fotografie „die Zuflucht aller verkrachten Maler, deren Begabung oder deren Fleiß nicht hinreichen, ihr Studium zu Ende zu führen, …“. Emile Zola dagegen meint: „Nach meiner Ansicht kann man nicht behaupten etwas gesehen zu haben, bevor man es fotografiert hat.“ Das ist genauso übertrieben, weist aber in die konstruktive Richtung. Denn erst mit der Fotografie gibt es einen objektiven Beleg für die reale Welt. Wahr ist nur, was dokumentiert ist, was Spuren hinterlässt, was vom Licht reflektiert und eingefangen wird.

Schon Dürers Zeit verfügt über optische Hilfsmittel zur Messgenauigkeit wie Rastergitter oder Mattscheiben. Canalettos Gemälde von Venedig beispielsweise sind so präzise, dass sie zur städtebaulichen Forschung beitragen und Vermeers stille Ansicht von Delft ist komplett über die Camera Obscura erfasst. Doch erst die Fotografie bringt die mediale Zeitenwende. Licht und Chemie erzeugen hierbei ein Abbild ganz ohne manuelle Übertragung, ohne Beschönigung, ohne Übertreibung. Und mit dieser Wahrhaftigkeit wird die Fotografie ihre eigene Magie entwickeln: jene Poesie des isolierten Augenblicks, die eingefrorene Zeit.

Der Maler hegt anfangs einen natürlichen Groll gegenüber dem Fotografen, der ihm doch auf einen Schlag sein lukrativstes Geschäft versaut: die Porträtmalerei. Ein Konterfei mit einer einzigen Sitzung, unschlagbar billig, kleinformatig, handlich, passend auch fürs kleinbürgerliche Ambiente. Zwar Schwarzweiß, aber hundertprozentig authentisch. Letztlich wird die Fotografie zur eigenen Kunstform ohne jemals dabei die Malerei zu verdrängen. Beide ergänzen sich fortan sogar sehr praktisch – mitunter heimlich still und leise. Im Nachlass berühmter Maler tauchen dann unter den Vorstudien gelegentlich schubladenweise Fotografien auf.

In den Zeiten von Instagram & Co. kämpft nun die Fotografie mit einer selbstzerstörerischen Inflation. Im Fokus der Betrachtung steht immer weniger Kunst oder Dokumentation, als mehr die Banalität des Privatlebens. Da ist der Reflex, vor dem Verzehr das eigene Essen zu fotografieren, kaum zu unterdrücken. Emile Zolas vorlaute Behauptung ist heute eine Binsenweisheit und gilt beileiben nicht allein fürs Sehen, sondern fürs gesamte Erleben. Jeder Mensch ein Künstler, jeder sein eigener Influencer. Bis die Timeline endet und der Account gelöscht werden kann.


Die Welt von oben gesehen

Der Philosoph und Romanautor Jostein Gaarder erzählt in seinem „Weihnachtsgeheimnis“ die Kalendergeschichte einer Zeitreise. Darin wandert die kleine Elisabet mit einer wachsenden Gefolgschaft aus dem Hier und Jetzt quer durch Europa und erreicht schließlich im Jahr Null die Stadt Betlehem. Unterwegs begegnen sie immer wieder den Menschen die synchron mit ihrer Zeit in der anderen Richtung unterwegs sind und werden selbst damit zu unwirklichen Erscheinungen, die aus dem Nichts auftauchen, seltsame Dinge sagen und wieder in Raum und Zeit verschwinden. Eine sehr anschauliche Parabel über die Reflexion unserer eigenen Existenz in der Ewigkeit. Von oben gesehen ist in der gewaltigen Vorwärtsbewegung von uns selbst wohl lediglich ein unscharfer Schatten sichtbar. Und Luis Daguerre hat das passende Foto dazu gemacht.

Besinnliche Weihnacht und ein glückliches und zufriedenes Neues Jahr 2019!


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