Ende des Baushausjahres

Im Licht der Bauhauslampe macht mir das Unterschreiben unserer Weihnachtskarten besonders Laune. Cool ist sie, die etwas zu teure Leuchte von Wilhelm Wagenfeld. Schon zur damaligen Zeit erweist sie sich für eine Serienproduktion aufgrund der hochwertigen Materialien als unrentabel. Dabei ist das Bauhaus doch angetreten, den modernen Menschen mit bezahlbarer Ästhetik zu versorgen. Alles, was die industrielle Produktion, Innenarchitektur und Architektur betrifft, soll funktional, gut geformt und erschwinglich sein, durchaus in Masse gefertigt. Da es das Berufsbild des Industrie-Designers aber noch nicht gibt, bleibt vorerst das Dreiecksverhältnis zwischen Kunst, Technik und Ökonomie noch ungeklärt. Eigentliche Ironie: Bauhaus-Design wird letztendlich zum Synonym für Upper-Class-Ansprüche.


Dokumentation und Legende

Bereits 2018 haben viele Buchläden einen separaten Bauhaustisch, mit bekannten Dokumentationen wie das Standardwerk „bauhaus“ von Magdalena Droste oder „Bauhausfrauen“ von Ulrike Müller. Im Windschatten des Jubiläums sind aber auch belletristische Sachen entstanden. „Gläserne Zeit“ nennt Andreas Hilger seinen Bauhaus-Roman, der neben Theresia Enzensbergers „Blaupause“ herausragt. Auch eine Reihe von guten und später prämierten TV-Produktionen geben zum ersten Mal nach fast hundert Jahren einen plakativen Einblick in die berühmteste deutsche Kunstschule und ihre Rolle bei der Entstehung des modernen Grafik- und Produktdesigns.

Allen Produktionen ist anzumerken, dass insbesondere die Gleichstellung von Frau und Mann kritisch gewürdigt wird. Schließlich ist den Frauen mit der Einführung des Wahlrechts im Gründungsjahr des Bauhauses ein deutliches Signal gesetzt. Aber auch die progressive Schule muss daran scheitern, die Gesellschaft von jetzt auf gleich ändern zu können, schließlich ist sie im spießbürgerlichen Weimarer Milieu gerade mal so geduldet und heftig unter reaktionärem Beschuss. Da mag die pauschale Empörung aus heutiger Sicht zwar im Grundsatz nachvollziehbar erscheinen, ist aber zur Beurteilung der Menschen in ihrer Zeit nicht gerecht. Vor allem, da wir heute genau wissen, welche Verbrecher sich zu jener Zeit parallel auf die Machtübernahme vorbereiten.

Da ich Enzensbergers Roman von 2017 zuerst in die Finger bekomme (siehe Blog 2018), bin ich verblüfft, wie sich alle anderen Bücher und Drehbücher am selben Narrativ ausrichten. Die ARD-Produktion „Lotte am Bauhaus“ von 2018 halte ich irrtümlich sogar für eine freie Verfilmung der „Blaupause“. Immer die junge Frau, meist aus gutem Hause, die sich ihren Studienplatz am Bauhaus ertrotzt, engagiert ihren Weg geht, aber letztlich ihre Träume mehr oder weniger begraben muss. So auch in „Die Neue Zeit“ (arte/ZDF 2019), wo es in sechs Teilen hauptsächlich um Dörte Helm und ihre fiktive Beziehung zu Walter Gropius geht. Letzte Einstellung in Folge 6: Zoom auf das „streitende Paar“ an der Wand, Dörtes Holzschnitt aus Folge 3. Aufbruch und Scheitern, Geschlechterkonflikt, unglückliche Romanze, also für jeden was dabei.

Kreis, Quadrat und Dreieck

Eigentlich bin ich mit dem Thema schon fast durch, als ich „Gläserne Zeit“ noch hinterher lese und eben auf dasselbe Muster stoße. Das Impressum weist da leider ein sehr irreführendes Datum aus, denn mit 2019 ist das Jahr der Neuveröffentlichung gemeint. Drum glaube ich fast an ein Plagiat, tatsächlich ist der Roman bereits 2013 erschienen und jetzt wird umgekehrt ein Schuh draus. Zudem hat der in Dessau geborene Hillger eine wirklich originelle Erzählidee entwickelt, in dem er seinen drei Hauptfiguren, zwei Männer und die Frau dazwischen, den berühmten Bauhaus-„Elementarteilchen“ zuordnet: Kreis, Quadrat und Dreieck. So gibt es keine Kapitelüberschriften, sondern nur geometrische Kennzeichen, ein intelligenter Bauhaus-Symbolismus, der in seiner Abstraktion hervorragend funktioniert. Die Konstruktion der Story wie auch die drei Charaktere sind klar, ohne steril zu wirken. Der Autor verkneift sich das Moralisieren, strickt nicht weiter an einer Legende, will auch keinen vom Sockel stoßen. Das Lakonische täuscht nicht über die Tragik hinweg und leicht erwischt man sich beim Vergleich mit unserer eigenen fragilen Gegenwart.

Punkt und Linie zu Fläche?

Apropos Bauhaus-Geometrie. In der zweiten Jahreshälfte unternehme ich einen letzten Versuch aus Kandinskys theoretischen Werken schlau zu werden. Max Bill hat sich da zusammen mit dem Verlag reichlich Mühe gegeben, an die Theorien des Russen zu erinnern, dessen beiden Standardwerke in feiner Typografie neu aufzulegen und für die Nachwelt zu erhalten. „Über das Geistige in der Kunst“ und „Punkt und Line zu Fläche“, sollten der Theorieschlüssel einer neuen Kunst sein. Möglich, dass es den Studierenden Bill nachhaltig mit Stolz erfüllt hat unter einer Ikone der klassischen Moderne studiert zu haben. Wer sich aber mit der Entstehung des Designs und modernen Architektur gerade in jener Zeit beschäftigt und gewohnt ist, dass der Komplex Gestaltung prinzipiell anschaulich erklärbar ist, dem kommen Kandinskys Gedanken doch sehr verkopft und belanglos vor. Die Texte sind neu ins Deutsche übersetzt, inhaltlich bleibt's für mich eine Fremdsprache.

Sorry, aber mir als Designer ist Kandinsky dann doch zu langweilig, ganz im Gegensatz zu seinem Bauhauskollegen Paul Klee, den ich als Vertreter der freien Künste fürs Design überaus inspirierend finde. Klees Fantasie macht sich in fast allen Bauhaus Werkstätten positiv bemerkbar.

Also demnächst vielleicht mal eine Weihnachtskarte mit dem Goldfisch?