Erinnerung an Jochen Schlemmermeyer

Mein Kollege Schlemmermeyer ist ein sehr angenehmer, positiver Mensch, belesen, mit vielen Interessen und Qualitäten und einem beneidenswert breiten Freundeskreis. Der Schlemmermeyer ist ein großer, drahtiger Kerl, ein Bergfex, Skilehrer und Segler, Gitarren- und Zitherspieler. Einer, der das Dasein auf unspektakuläre Weise, aber souverän in vielen Facetten genießt – fast ein Lebenskünstler.


Doch den größten Teil des Tages ist er Grafikdesigner – so lernen wir uns kennen. Als ich neben der Agenturszene nach einer kreativeren Form der Zusammenarbeit suche, ist die freundliche Ateliergemeinschaft in Neuhausen gerade recht. Im Team gibt es den ein oder anderen Wechsel, aber im Kern bleibt es unzertrennlich: die Eheleute Schlemmermeyer und ich. Jochen und Frau Ingrid sind ein seltener Glücksfall von trauter Zweisamkeit. Meine Frau verweist mich immer auf dieses Vorbild, weil „die Beiden so respektvoll miteinander umgehen“.

Unsere heile Welt wird das abgeschirmte Hinterhofatelier der Nymphenburger Straße, mit Vogelgezwitscher am offenen Fenster. Wenn Kundschaft zu Besuch ist, zieht sich das immer etwas länger hin, man kommt ins Quatschen, hat Zeit, nimmt sich Zeit. Wenn der Schlemmermeyer in seiner Ecke telefoniert und mit ruhiger Stimme das Einmaleins der Werbung und Kommunikation zum x-ten mal vorträgt, dann spürt man förmlich, wie sich die Kundschaft am anderen Ende der Leitung in schwebender Aufmerksamkeit entspannt und überzeugen lässt.

Der Schlemmermeyer ist auch selbst ein guter Zuhörer. Meine gelegentlichen Monologe nimmt er milde zur Kenntnis wie ein geduldiger großer Bruder – bayrische und rheinische Weltanschauungen sind erstaunlich kompatibel. Die schönste Zeit haben wir in der gemeinsamen Arbeit für den Feinpapierhersteller Fedrigoni. Das bedeutet Geschäftsreisen nach Italien und Vortrags-Events mit internationalen Designgrößen. Und das sind über zehn Jahre künstlerisch ambitionierte Konzepte, entwickelt in ruhiger Manier, ohne Brimborium, aber mit durchschlagendem Erfolg. So schnurrt das Tagewerk vor sich hin. Wer kann sich rühmen, es 30 Jahre miteinander ausgehalten zu haben? Genau 29 mal gratuliert man sich zum Geburtstag und über die Zeit hat jeder vom anderen eine kleine Bibliothek und CD-Sammlung zu Hause.

Und wenn dann plötzlich die Sinnfrage im Raum steht – wie und ab wann sollte man über den nahen Tod reden? Der Alltag zieht so merkwürdig banal an uns vorüber, dass der Zeitpunkt für ein ernstes Gespräch, der stille Moment, sich nicht von selbst anbietet. Man schwatzt kleinmütig von einer Belanglosigkeit zur nächsten – und bereut es später.


Im November 2016 lösen wir planmäßig das Atelier auf. Die Räume sind besenrein, die Wände kahl, ein paar Tischplatten stehen auseinandergeschraubt zur Abholung bereit und der Schlemmi sitzt schwerkrank mitten im Raum auf einem übrig gebliebenen Stuhl. An der soeben noch leeren Wand klebt provisorisch mit Tesafilm ein einsames, vom ihm kürzlich noch gestaltetes Plakat. „Sagen Sie mal“, frage ich, „haben Sie das jetzt extra wieder da hingehängt?“ „Soll ich mir etwa die leeren Wände anschauen?“ fragt er zurück.

Jochen Schlemmermeyer ist letztes Jahr am 19. Januar gestorben.