Europa, Stier und Sterne

Foto: AdobeStock
Ich rege mich noch einmal ganz kurz auf über das evangelikale Bibeldesaster des letzten Beitrags, suche Zuflucht in der europäischen Mythologie und werfe mich der schönen Europa an den Hals – jener, von Zeus gestalkten, phönizischen Prinzessin. Und wo wir uns gerade im Sternzeichen Stier befinden, passt das Bild wunderbar zum Morbus Metamorphosis des Götteroberhauptes. Hier also meine mythologische Lieblingsfigur Nummer Vier: die betörende Königstochter Europa.¹
Allein der Name, den es wohl seit über 3000 Jahren gibt, hat mir immer schon gut gefallen. Klingt gut finde ich. Schade, dass wir jetzt für unsere jahrhundertelange Großspurigkeit und gradenlose Ausbeutung der restlichen Welt büßen müssen. Sieht jedenfalls so aus. Jetzt macht man sich selbst gerne klein und hofft, dass die Rache der Welt ohne großen Schaden über uns hinwegzieht.
Insbesondere das calvinistische Amerika rächt sich auf perfide Art, indem es die letzten Jahrhunderte unser eigenes Erbgut recycelt hat und uns nun mit apokalyptischer Macht heimsucht, mit all seiner Dummheit und Bosheit. Ist nun die katholische Fascho-Signora Meloni auch noch so etwas wie eine Hoffnungsträgerin? Wenn man die kleine, blondgefärbte Italienerin neben dem aufgeblasenen, amerikanischen Riesenbaby sieht, entspricht das recht gut der Proportionalität Europa-Amerika. Und wie schön, dass sich beide jetzt in die Haare geraten. Leider ist es nicht so, dass sich der Dritte freuen kann, wenn sich zwei streiten, denn die Vernünftigen führen immer mehr ein Schattendasein.
Dennoch geistert der römische Geist des Ovid mit Glanz und Gloria durch meinen Blog, weil seine gestaltwandelnden Figuren so fruchtbringend in der Kulturgeschichte unterwegs sind. Da sind sie wieder: die wirkmächtigen Bilder! Europa und seine zwölf Sterne, die wohl nie dem Ideal der Vollkommenheit gerecht werden können, aber klein beigeben ist keine Option. Und wenn schon die leidige Frage nach der Identität im Raum steht, dann ist sie europäisch, im Sinne der Aufklärung.
Wandgemälde in Pompeji – Bildquelle Wikipedia
Gestaltwandlung und Selbstverständnis
Ganz privat stellt sich mir oft die Frage, ob ich als Vater meinen Söhnen gegenüber nicht anders hätte handeln sollen, beispielsweise in manchen Situationen hätte strenger sein müssen, oder aber umgekehrt: aufmerksamer, nachsichtiger, je nachdem. Darüber spreche ich am liebsten mit einem klugen Freund und Vater von zwei Töchtern, der analysiert das immer sehr ordentlich. Und hat dann, als Kontrastmittel zu meiner eigenen Mentalität, die eine oder andere Vaterfigur aus dem Bekanntenkreis parat: Der Soundso zum Beispiel, der hätte mit seinem Filius … Und dann kommt ein methodischer Vorschlag, der mir nicht wirklich gefällt. Kurz, stets komme ich dann zu dem Ergebnis, dass ich selbst nicht so bin, wie der Soundso, und auch gar nicht so sein will. Und weiß Gott nicht, weil ich mich selbst grundsätzlich besonders toll, sondern das Verhalten von anderen im Einzelfall unsympathisch finde und darum nicht nachahmenswert.
Die Frage ist also im Kern immer: Will man selbst so sein, nur weil andere mit ihrer Art „erfolgreicher“ sind? Wenn man das überhaupt schlussendlich so klar erkennen kann. Da stehen nun zwei unversöhnliche Prinzipien gegenüber. Einerseits kann man nicht aus seiner Haut (und will es meist auch gar nicht), andererseits ist es schon auch eine Kunst, über seinen Schatten springen zu lernen. Letztlich durfte Habeck mal wieder in einer Talkshow etwas sagen und stellte die rhetorische Frage: „Keiner möchte doch sein wie Putin oder Trump, also, warum fragt man ständig nach deren Erfolg?“
Wüsste ich auch gern.
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¹ Das Ranking noch mal: Platz 1: Ikarus, 2: Circe, 3. Psyche




