Fin de Siècle

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Da ich das Jahr 2025 mit dem Jugendstil begonnen habe, kann ich jetzt am Ende den Sack getrost zumachen. Camille Claudel ist natürlich (noch) keine Jugendstilkünstlerin, aber die Zeit der Jahrhundertwende prägt ganz erheblich ihr Schaffen. So ist in Paris nicht nur der Impressionismus ihres Mentors Rodin allgegenwärtig, sondern auch die gusseisernen Fantasien eines Hector Guimard. Man möge mir verzeihen, wenn ich eine edle Bronze wie den „Walzer“ beispielsweise mit den Geländeausläufern der Pariser Métro vergleiche, aber eine gewisse Ähnlichkeit mit dem wallenden Kleid der Tänzerin ist unverkennbar. Was daran liegt, dass in jener Epoche, sowohl in der Kunst als auch im Design, das organische Prinzip der Natur nachempfunden wird. Was beim Ingenieur zum markanten Jugendstil wird, ist bei der Künstlerin formal noch völlig frei.



Bronze vs Gusseisen, Foto: HHE · Bildquelle Guimard WikimediaCommons

Die männliche Ingenieurskunst setzt sich ein Denkmal: Paris um 1900 · Foto: AdobeStock


Zu Camille Claudels Lebenszeit ist Paris ein explosives Gemisch aus rückständigen gesellschaftlichen Konventionen und progressiven Ideen. Die Skyline der Stadt verändert sich gewaltig, gekrönt von einem alles überragenden Eiffelturm. Summa summarum: Eine großspurige Machoszene – zum Leidwesen der weiblichen Kunstschaffenden. Und all die Maler der später als Klassisch bezeichneten Moderne betreten raumgreifend, nach und nach, die Szenerie, mit einer nie gekannten Dynamik: Gauguin, van Gogh, Cézanne etc. Vor allem aber Picasso, der bereits 1907 seinen radikal Kubismus entwickelt. Zu diesem reinen Männerzirkel sucht Camille keinen Zugang, die Bohème ist ihr sowieso suspekt. So bleibt die Avantgarde für sie in der letzten Phase ihres Schaffens bedeutungslos.

Belle Époque, Fin de Siècle oder Art Nouveau; für die Zeitspanne von 1871 bis 1914 hat man in Frankreich gleich drei wohlklingende Namen. Dazu empfehle ich den Woody-Allen-Film „Midnight in Paris“, der sich humorvoll, sentimental und ironisch mit surrealen Zeitreisen in diese kunstverliebte Epoche beschäftigt, mit dieser hochtourigen Kulturszene, die das Leben feiert. Alles drängt ja euphorisch in eine goldene Zukunft, doch eine psychisch labile Person könnte genauso gut im Trubel untergehen. Apropos, von der „Canary-in-a-Coal-Mine-Theorie“ hatte ich ja bereits erzählt. Ein außergewöhnlich sensibler Kanarienvogel wie Camille Claudel zählt dann zu den allerersten Opfern: Kurz nach der Jahrhundertwende treten ihre Symptome ganz offen zu Tage.

Als Camille 1913 der äußeren Welt entzogen wird, ist die europäische Gesellschaft (lt. Florian Illies)¹ eigentlich noch halbwegs in Ordnung. Ein Jahr später bricht der Erste Weltkrieg aus – Camille bleibt weggesperrt. Den Zweiten Weltkrieg unter deutscher Besatzung wird sie nicht mehr überleben.


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¹ in seinem bemerkenswerten Buch „1913“ widmet sich Florian Illies recht ausführlich der Pariser Kunstszene in diesem Jahr und natürlich erwähnt er auch Camilles Verbringung in die Anstalt (siehe Galeriebild unten).


53 Min. – Verfügbar bis zum 09/09/2026


Das ARTE-Video beleuchtet sehr schön das gesellschaftliche Momentum der Zeit, die Art und Weise, wie sich junge Frauen in Paris zusammenfinden, um eine künstlerische Karriere zu wagen. Da gibt es einerseits den Rückhalt, aber auch die Konkurrenz in den eigenen Reihen. Aus meiner Sicht die beste Dokumentation über die Künstlerin, mit authentischem, profund recherchiertem Material. Im Gegensatz zum Spielfilm von 1988, der haarscharf an der Kitschgrenze spazieren geht, ist hier das Leben und die Kunst Claudels professionell erklärt.

Zwei Relikte noch, die überhaupt der Auslöser für diesen Weihnachtsblog waren – Ein Plakatpaar, das Jahre lang in meiner Studentenbude die Wände zierte, hat die lange Zeit leidlich überstanden ;-)



Dass Camille an diesem einzigartigen Rodin-Monument ganz entscheidend mitgearbeitet hat, ist erst nach und nach für die Öffentlichkeit interessant geworden. Erst muss ein Mensch irgendwie berühmt werden, danach erst fragt man im Detail nach seiner Leistung. Zuerst waren es die Füße, dann die Hände der „Bourgeois de Calais“, die man Camille Claudel zuschrieb. Mittlerweile traut man ihr auch die ein oder andere komplette Figur zu. Nach meinem Verdacht ist es die Gestalt auf dem dunklen Plakat links. Deren Pose ist so ganz im Stil der Camille Claudel.

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