Ikarus

In der siebten Klasse kommt eine neue Kunstlehrerin an unsere Schule und weil die ganz cool ist, melden sich viele zur freiwilligen Kunst-AG am Nachmittag. Einmal gibt es als Vorgabe ein klassisches Thema: die Sage von Dädalus und Ikarus. Keine Ahnung, was wir da pinseln sollen, überall großes Rätselraten. Auf Nachfrage bekommen wir dann eine kleine Einführung, was sich anfangs ganz gemütlich anhört. Aber Frau Tuschinsky, die wirklich so heißt, kann gelegentlich mit ihren großen Augen recht streng über ihre Hippie-Brille hinwegblicken. Sie geht durch die Reihen und echauffiert sich etwas zu doll über den leichtfertigen Sohn, den halbstarken Rotzlöffel, der den genialen Fluchtplan so elend scheitern lässt und so den armen Vater in die Depression treibt. Das kommt fast vorwurfsvoll rüber, so von oben herab, als hätten wir was verbockt. Dass dieser Vater in seiner Vorgeschichte ein Mörder aus niedrigen Beweggründen ist, erzählt sie nicht.

Dass Dädalus nämlich einen hochbegabten Schüler aus Neid einfach mal vom Dach gestoßen hat und genau deshalb von den Göttern bestraft wird, muss man selbst herausfinden. Doch auch ohne dass wir den Sachverhalt kennen, sagt uns der Instinkt fürs Gerechte: irgendwas ist faul an der Moralstory. Empörung wirkt aufs Publikum eher unsympathisch und macht skeptisch. Wer ist mehr zu bedauern, der Hinterbliebene oder das Opfer? Als heranwachsender Mensch fühlt man sich sehr getroffen, wenn Gleichaltrigen was passiert. Es gibt so Momente, da entdeckt man spontan eine Art Generationen-Trotz, spürt gleichzeitig den Stolz und die Verletzlichkeit der eigenen Jugend. Eben dann wird so ein Ikarus stellvertretend zum tragischen Helden. Bei mir hat sich an dieser Einstellung bis heute nichts geändert und so bleibt der freifliegende Ikarus meine mythologische Lieblingsfigur.


„ … Doch dem Ertrinkenden das Mitleid zu entziehen, ist ein gefährlicher Zivilisationsverlust. Es hat genug Ideologien gegeben, die das Mitleid beschränken wollten auf die eigene Gruppe, die eigene Klasse, die eigene Nation – sie alle endeten in der Unmenschlichkeit und im Untergang. Mit jedem Menschen mitleiden zu können, auch mit dem, der seine Unschuld verloren zu haben scheint, ist keine Schwäche, sondern eine wahre Stärke des Abendlands.“

Matthias Drobinski, Süddeutsche Zeitung vom 9. Juli 2018