Jan Tschichold – Double Feature

Entweder so: Jan Tschichold, der frühreif-revolutionäre Typograf mit dem wertkonservativen Spätwerk, war mir immer etwas suspekt. Vor allem, weil in meinem orthodoxen Studium ausschließlich dessen klassisches Werk gepredigt wurde. Völlig unverständlich für einen jungen Menschen, was an diesem Buchstabengeschiebe so besonderes sein sollte. Des Rätsels Lösung: das Besondere lag einfach nicht mehr in der Absicht des alten Meisters. Tschicholds Publikationen boten den Studierenden ergo keine Lösungen, sondern waren Teil des Problems oder zumindest die größten Bremsklötze im Typografiestreit der Moderne.

Aus meiner Perspektive lag Tschicholds Zielsetzung darin, den Gebrauchsgrafiker zum zweckdienlichen Leisetreter zu erziehen. Design ist zwar die Kunst, die sich nützlich macht, aber diese biedere Gewissenhaftigkeit ging mir etwas auf den Nerv. Im zeitlichen Kontext wirkten Tschicholds Arbeiten anachronistisch und geschmacksneutral. Das war eher Grundlagenforschung als Kommunikationsdesign.

Am Anfang bläst der kleine Iwan kraftvoll ins Horn und kündigt wortgewaltig den Siegeszug der „Neuen Typografie“ an und dann verwaltet der große Jan aus der warmen Studierstube heraus die Konterrevolution. Man fragt sich, was einen erfolgreichen Gestalter dazu bewegt, so die Richtung zu ändern. Es ist unzweifelhaft dieser bemüht akademische Drang zur reinen Lehre, wenn alles recht und nach dem Formgesetz billig sein soll. Fast zwanghaft führt dieses Motiv raus aus dem Leben und hinunter ins Archiv. Tschicholds Nachkriegsarbeiten sind so irritierend altmodisch, dass man sich fragt, ob das vielleicht psychische Ursachen hat. Ein ruhebedürftiger Heimkehrer, der bewusst keine Bäume mehr ausreißen will? Sicher nicht, denn Tschichold war im schweizer Exil weit weg vom Schuss. Welche Ironie, dass er den größten Teil seines Lebens ausgerechnet weiter dort verbringt, ohne das Geringste von der innovativen Schweizer Typografie anzunehmen und stattdessen seine Arbeitswelt buchstäblich in ein Antiquariat einbettet. Die sterile Schweizer Typo war vielleicht allein nicht fortpflanzungsfähig, ist aber im Kern das System unserer Zeit. An diesem System hätte Tschichold konstruktiv und kritisch mitarbeiten können. Hat er aber leider nicht gemacht, der Stubenhocker – keine Visionen, keine Ambitionen.


Oder so: Der typografisch-mediale Overload, den junge Designstudierende heutzutage verarbeiten müssen, verlangt nach Filtertechniken mit denen man sich professionell ins nächste Semester lavieren kann. Damit stellt sich die Frage, was ist denn von dem alten Schriftkram überhaupt noch relevant und was kann ich, sollte ich, weglassen. Die schlechte Nachricht: eigentlich gar nichts, denn Schrift und Typografie sind in der Grundstruktur so konventionell, dass man ohne die vollständige Kenntnis dieser Kulturgeschichte letztlich keinen Gestalterinstinkt entwickeln kann. Die gute Nachricht: es gab einen, der das super erklären konnte und wirklich lesenswerte Aufsätze verfasst hat: Johannes Iwan Jan Tschichold.


Meine Ansichten über den älteren Tschichold sind von Launen abhängig. Fazit: man kann von ihm vieles lernen, sich aber nichts abgucken. Bei anderen Hexenmeistern ist es umgekehrt.