Jazz – A Love Supreme


Nur gut, dass ich beim Umzug ins neue Atelier meine alte Schallplattensammlung abgestaubt habe. So kann ich neben dem deprimierenden Anti-Amerika-Blues einen alternativen, positiven Soundtrack einspielen. Und da gibt's nur eins: Im guten alten Jazz steckt das wirklich großartige Amerika! Jazz ist Spiritualität und pure Lebensfreude, Schönheit und Lust, Ordnung und Chaos – Jazz ist 100 % made in USA, heiße Luft, reine Energie. Und natürlich zeigt sich auch hier die ganze Ambivalenz in einer eigenen Chronik des Rassismus. Denn schwarze Musikerinnen und Musiker werden nach wie vor diskriminiert. Unterm Strich steht aber, wie zum Trotz, ein monumentales Ergebnis von herausragend künstlerischer Qualität und multikultureller Kraft.

Und es besteht ein bemerkenswerter Zusammenhang mit den Qualitäten der Musik selbst, ihrer Aufnahmetechnik und ihrem Grafikdesign. Wer sich Jazzplatten der 50er Jahre anhört, ist baff, in welcher Klangqualität da gearbeitet wurde. Blue-Note-Ikone Rudy van Gelder war so der erste Toningenieur, der jemals auf einem Plattencover namentlich aufgeführt wurde. Rock'n'Roll-Aufnahmen aus derselben oder auch deutlich späteren Ära sind da im Vergleich ziemlich dürftig. Jazz klingt schon damals nach HiFi. Und wie der Ton, so auch das Design. Jeder Verlag mit eigenem Stil und ähnlicher Bildsprache, klarer (Schwarzweiß-)Fotografie oder Einfärbungen, von der Typo eher klassisch, vorsichtig, mitunter aber auch ambitioniert.

Ähnlich wie der Jazz selbst, folgt auch das Cover-Design diversen Grundlinien und spielt sich in Variationen. Grafikdesign und Jazzimprovisation sind überhaupt sehr ähnlich. Ein einfaches Thema ist der Ausgangspunkt, ein paar grundlegende Übereinkünfte, dazu Virtuosität, ein natürlicher Freiheitsdrang und – eine Portion Schlamperei. Auch die gehört dazu. Wer seine Ungeniertheit verliert, bremst seine Kreativität runter. Sich selbst Stress zu machen, wäre kontraproduktiv. Die handwerkliche Souveränität ergibt sich aus der Vertrautheit mit den Regeln, dann geht's mal drunter und drüber, oder „in and out“ wie der Jazzer sagt. Einfachheit in Perfektion ausgeführt, bewirkt dann von selbst die professionelle Ernsthaftigkeit.



John Coltrane steht für diesen ganz besonderen Tiefgang. A Love Supreme, der Titel seines berühmtesten Albums, formuliert das Prinzip der großen Gefühle und der Freiheit. Für mich zur Zeit das Versöhnlichste, das ein politisch verwahrlostes Amerika zu bieten hat.