Ende des Baushausjahres

Im Licht der Bauhauslampe macht mir das Unterschreiben unserer Weihnachtskarten besonders Laune. Cool ist sie, die etwas zu teure Leuchte von Wilhelm Wagenfeld. Schon zur damaligen Zeit erweist sie sich für eine Serienproduktion aufgrund der hochwertigen Materialien als unrentabel. Dabei ist das Bauhaus doch angetreten, den modernen Menschen mit bezahlbarer Ästhetik zu versorgen. Alles, was die industrielle Produktion, Innenarchitektur und Architektur betrifft, soll funktional, gut geformt und erschwinglich sein, durchaus in Masse gefertigt. Da es das Berufsbild des Industrie-Designers aber noch nicht gibt, bleibt vorerst das Dreiecksverhältnis zwischen Kunst, Technik und Ökonomie noch ungeklärt. Eigentliche Ironie: Bauhaus-Design wird letztendlich zum Synonym für Upper-Class-Ansprüche.

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„Schönheit wird die Welt retten“

Das berühmte Zitat über die Schönheit gibt es in mehreren Variationen, ursprünglich nachzulesen im Roman „Der Idiot“. Dort heißt es wie hier oben in der Headline, kommt dann noch modifiziert in anderen Dostojewskit-Texten vor und ist, da aus dem Russischen übersetzt, in seiner romantischen Gestalt etwas unzuverlässig – die Botschaft allerdings bleibt stets dieselbe. Mir begegnet der Satz zuerst in einem TV-Feature über eine russische Geigerin. Das alles ist mindestens zehn Jahre her, den Namen der jungen Künstlerin habe ich vergessen, an die Typografie des Beitrags aber kann ich mich fotografisch genau erinnern und deshalb bleibe ich bei meiner Fassung „Nur die Schönheit kann die Welt retten“, auch weil ich finde, dass es schöner klingt. Und darum geht’s ja schließlich.

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„Jede Zeichnung ein Blitzkrieg“

Heute ist Tomi Ungerer gestorben. Jüngster Spross eines Straßburger Uhrmachers und Turmuhrenfabrikanten, der noch dazu für die astronomische Uhr des Münsters zuständig war. Wenn ein Leben mit einer solchen Parabel beginnt, muss was draus werden. Tomi Ungerer wurde einer der berühmtesten Zeichner der westlichen Welt. Ein Schriftsteller, Illustrator und Werbegrafiker, der mir mit seinem Gesamtwerk immer hundertprozentig sympathisch war, ohne dass mir alles gefallen hätte.

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Schön ist die Jugend

Der Maler und Grafiker Heinrich Vogeler (1872-1942) ist eine tragische Person und irgendwie auch eine Symbolfigur des Jugendstils, von den rauen Winden des neuen Jahrhunderts verweht. Die Zeichnungen des Illustrators begegnen mir früh in den liebevoll aufgemachten Publikationen des Inselverlages. Im Gegensatz zu seiner etwas betulichen Malerei ist seine Grafik ganz im Sinne der britischen Arts and Crafts, locker und elegant, mit klarer, auch verschwenderischer Linienführung, dem jung verstorbenen Engländer Beardsley fast ebenbürtig. Vogeler führt als reicher, junger Mann und Familienvater im Worpsweder Künstlerdorf ein Leben wie im Bilderbuch. Gestaltet die aufwändigsten Bücher, Möbel, Dinge des kunstgewerblichen Alltags, Tapeten, Schnickschnack, alles was das Herz entzückt. Ein Leben für die schöne Form. Bis ihn Zweifel an seinem Talent und seiner elitären gesellschaftliche Stellung in die Lebenskrise driften lassen. Letztlich werden ihn der Erste Weltkrieg und die Trostlosigkeit der sozialen Frage zermürben. Der Sozialist stirbt in Armut und Elend in einer Kolchose in Kasachstan. Sein Grab ist unbekannt.

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Bauhaus 1919 – Gedanken zum Jubiläum

Engagierte Kunstschulen, vor allem solche, die das gesamte Spektrum des Designs, das Kunstgewerbe und die Architektur mit einbeziehen, haben für mich etwas sehr Friedvolles und Glückverheißendes. Eine goldene Zukunft erwartet die Gesellschaft, die sich ein solches Experimentierfeld leistet und vermeintlich nichtsnutzigen Menschen das Vertrauen schenkt, sich um die Vernetzung von Volkswirtschaft und Kultur zu kümmern. Eine Zukunft der gegenseitigen Wertschätzung und Besinnung auf die Schönheit des Lebens, meist als Rück-Besinnung auf die zuvor selbst und leichtfertig zerstörte eigene Hochkultur. Nicht selten, dass solche „Musentempel“ nach überlebten Kriegstraumata gegründet werden, wie das Bauhaus in Weimar nach dem Ersten Weltkrieg oder die Ulmer Hochschule für Gestaltung nach dem Zweiten Weltkrieg.

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„Blaupause“ – Vom Mythos der Moderne

Kürzlich komme ich endlich dazu, ein Buch zu lesen, das mir eine Schülerin schon vor einigen Monaten ganz begeistert in die Hand gedrückt hat. Und obwohl sie mir in ihren wenigen einführenden Sätzen so einige erzählerische Pointen verraten hat, verdirbt mir das nicht die Lektüre – der Bauhaus-Roman gefällt mir. Es gibt erstaunlich viele Rezensionen zu diesem Debütroman, die meisten positiv. Lediglich die Süddeutsche kritisiert, die Story habe keine Sogwirkung, was aus meiner Sicht aber ein rein subjektives Gefühl darstellt. Solche Einwände finde ich banal. Weiß der Himmel, welcher Stoff oder welche Erzähltechnik ein potenzielles Publikum begeistert?

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avenidas sin mujeres

Die wenigsten Menschen haben ein Faible für Lyrik. Dass nun ein Gedicht die öffentliche Meinung beschäftigt ist kurios – zumal es sich um ein ausgesprochen defensives, kryptisches Wortgebilde der „konkreten Poesie“ handelt. Der AStA einer Berliner Hochschule jedoch protestiert seit zwei Jahren gegen das Gedicht „avenidas“, das in plakativer Typografie auf der eigenen Hausfassade steht, weil er dem nebulösen Text eine sexistische Deutung gibt. Die wenigen spanischen Vokabeln sind leicht zu übersetzten, aber jeder versteht da was anderes. Trotz vieler Vermittlungsversuche aus der Kunst- und Literaturszene wird schließlich dem Protest stattgegeben und man geht mit puritanischer Konsequenz an die Wurzel. Die „Schrift an der Wand” wird ausgelöscht. Kunst lebt zwar von der Vieldeutigkeit, aber damit kommen offenbar nicht alle zurecht.

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(Con)temporary items – Calligraffiti

Was ich noch nachtragen muss: Das Münchner „Museum of Urban and Contemporary Art“, kurz MUCA, hatte letztlich eine feine Ausstellung mit internationaler Kalligrafie, die sich, durch ihre zeitgemäße Verbindung zur Streetart, jetzt den Begriff Calligraffiti gegeben hat. Mit dem Satz habe ich hoffentlich meine kryptische Headline aufgelöst ;-)

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Tollwood – Schauplatz der Demokratie

Am Ende eines Jahres, während dem man das Gefühl haben musste, dass einiges den Bach runtergeht und die Menschheit moralisch degeneriert, ist ein vorweihnachtlicher Bummel übers Münchner Tollwood ein versöhnlicher Ausklang. Das traditionsreiche Multikulti-Festival auf dem Wiesngelände bietet neben den stets unvermeidlichen Glühwein- und Fressbuden wirkliche Alternativen: Theater- und Musikveranstaltungen, Kunstobjekte über das gesamte Areal verstreut und politische Ausstellungskonzepte in den Zelten – so manches, das unseren Glauben an das Gute im Menschen aufrechterhält. Ein bunter Markt als Sinnbild der Einheit in Vielfalt.

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Die Welt ist schlecht, die Kunst ist gut

Zur Abwechslung mal was Schönes: die Street-Art-Ausstellung MAGIC CITY, derzeit in der kleinen Olympiahalle in München, sollte man sich nicht entgehen lassen. Weil es einfach gut tut, kraftvolle Bilder aufzusaugen, andere, als die im tagtäglichen Medienterror. Auch wenn es nur Visionen, Illusionen oder harmlose Täuschungen sind. Kunst mag ja wenig auf direktem Weg bewegen, aber sie hilft über vieles hinweg.

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