„Blaupause“ – Vom Mythos der Moderne

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Kürzlich komme ich endlich dazu, ein Buch zu lesen, das mir eine Schülerin schon vor einigen Monaten ganz begeistert in die Hand gedrückt hat. Und obwohl sie mir in ihren wenigen einführenden Sätzen so einige erzählerische Pointen verraten hat, verdirbt mir das nicht die Lektüre – der Bauhaus-Roman gefällt mir. Es gibt erstaunlich viele Rezensionen zu diesem Debütroman, die meisten positiv. Lediglich die Süddeutsche kritisiert, die Story habe keine Sogwirkung, was aus meiner Sicht aber ein rein subjektives Gefühl darstellt. Solche Einwände finde ich banal. Weiß der Himmel, welcher Stoff oder welche Erzähltechnik ein potenzielles Publikum begeistert?

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avenidas sin mujeres

Foto-Illustration: HHE

Die wenigsten Menschen haben ein Faible für Lyrik. Dass nun ein Gedicht die öffentliche Meinung beschäftigt ist kurios – zumal es sich um ein ausgesprochen defensives, kryptisches Wortgebilde der „konkreten Poesie“ handelt. Der AStA einer Berliner Hochschule jedoch protestiert seit zwei Jahren gegen das Gedicht „avenidas“, das in plakativer Typografie auf der eigenen Hausfassade steht, weil er dem nebulösen Text eine sexistische Deutung gibt. Die wenigen spanischen Vokabeln sind leicht zu übersetzten, aber jeder versteht da was anderes. Trotz vieler Vermittlungsversuche aus der Kunst- und Literaturszene wird schließlich dem Protest stattgegeben und man geht mit puritanischer Konsequenz an die Wurzel. Die „Schrift an der Wand” wird ausgelöscht. Kunst lebt zwar von der Vieldeutigkeit, aber damit kommen offenbar nicht alle zurecht.

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Tollwood – Schauplatz der Demokratie

Am Ende eines Jahres, während dem man das Gefühl haben musste, dass einiges den Bach runtergeht und die Menschheit moralisch degeneriert, ist ein vorweihnachtlicher Bummel übers Münchner Tollwood ein versöhnlicher Ausklang. Das traditionsreiche Multikulti-Festival auf dem Wiesngelände bietet neben den stets unvermeidlichen Glühwein- und Fressbuden wirkliche Alternativen: Theater- und Musikveranstaltungen, Kunstobjekte über das gesamte Areal verstreut und politische Ausstellungskonzepte in den Zelten – so manches, das unseren Glauben an das Gute im Menschen aufrechterhält. Ein bunter Markt als Sinnbild der Einheit in Vielfalt.

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Die Welt ist schlecht, die Kunst ist gut

Zur Abwechslung mal was Schönes: die Street-Art-Ausstellung MAGIC CITY, derzeit in der kleinen Olympiahalle in München, sollte man sich nicht entgehen lassen. Weil es einfach gut tut, kraftvolle Bilder aufzusaugen, andere, als die im tagtäglichen Medienterror. Auch wenn es nur Visionen, Illusionen oder harmlose Täuschungen sind. Kunst mag ja wenig auf direktem Weg bewegen, aber sie hilft über vieles hinweg.

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Alles so schön bunt hier!

Frohe Ostern erst mal! Und damit zu der Sache mit den Buntstiften. Wobei ich zu meiner Schande gestehen muss, dass ich dieses Gesellschaftsphänomen, das ja unzweifelhaft unser Metier betrifft, überhaupt nicht auf dem Schirm hatte. Jetzt überrascht mich die SZ damit, dass der neue Trend „Malbücher für Erwachsene“ seit einiger Zeit die Hersteller von Buntstiften zu Überstunden zwingt. Ich mag zwar Buntstifte und deren Hersteller, aber leider ist die subtile Botschaft dahinter für mich mal wieder Anlass genug in einen sanften Kulturpessimismus abzudriften. Haben wir in unserer Erziehungsparanoia das Kinderzimmer mittlerweile so weit unter Kontrolle, dass wir uns als Doppelagenten vor lauter Langeweile selbst umdrehen?

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Die binomische Kunstformel

Fotovorlage: AdobeStock

Warum macht der Mensch Kunst? Die halbe Wahrheit lautet: weil er es kann. Weil er es sich leisten kann und weil er es will, nicht weil er muss oder soll. Ein archaischer Antrieb eben, lustvoll und spontan, aus sich selbst heraus und nur für sich selbst. Selbstvergessen, nennt man das irreführenderweise, aber eigentlich vergisst man bei seinem Tun die Anderen. Wer einen Anfang gefunden hat, vergisst auch das Warum und zieht sein Ding durch. Ohne Kalkül, ohne Spekulation, ohne Strategie, zur Not ohne Geld. Kunst macht ja den Erzeuger nur selten reich und darum haben Kreative in ihrer Beziehung zum Kaufmann grundsätzlich das Nachsehen. Der Geschäftsmann wird sich beim Erwerb einer künstlerischen Dienstleistung die Hände reiben, der Seiltänzer hingegen lebt vom Applaus und ist froh, wenn er wenigstens nicht abstürzt.

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Die Wirklichkeit der Bilder (1457)

Bildquelle Wikimedia Commons

In der Kunstbetrachtung und -bewertung verliert sich die tatsächliche Werkentstehung oft im Anekdotischen. Wie Kunst konkret beauftragt und vertragsgerecht ausgeführt wird ist aber eigentlich viel aufschlussreicher, als die Deutung von mutmaßlich virtuosen Kompositionen. Kaum jemand hat so detailgenau diese Wirklichkeit recherchiert wie der britische Kunsthistoriker Michael Baxandell. Sein Standardwerk ist für jeden künstlerisch Berufstätigen erbaulich und tröstlich zugleich, zeigt es doch anhand vieler Originalquellen, Briefwechsel, Verträge oder Materiallisten, wie ähnlich zur Gegenwart, das Verhältnis zwischen Dienstleister und Auftraggeber in der Kunstszene der frühen italienischen Renaissance war.

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Goyas Geister im Künstlerhaus

Goya hat uns vier Radierzyklen hinterlassen, die allein vom Umfang schon eine rauschhafte Größenordnung darstellen: „Los Caprichos“ mit 80 Blättern, „Desastres de la Guerra“ mit ebenfalls 80 Blättern, „Tauromaquia“ mit 40 Blättern und schließlich „Disparates“ mit 22 Blättern. Eine Ausstellung in dieser Vollständigkeit ist natürlich ein absolutes Muss.

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Die Poesie der Zwischenräume


Kunst gilt als unverbindlich, Wissenschaft als berechenbar. Aber auch dort gilt, was nicht passt, wird passend gemacht. Beispielsweise braucht unsere Erde für eine vollständige Umdrehung tatsächlich ein kleines bisschen länger als 24 Stunden. Um diese Maßdifferenz zu kompensieren – so war zu hören und zu lesen – wird in diesem Sommer mal wieder eine sogenannte Schaltsekunde eingeschoben. Das merkt kein Mensch und die Statistik geht wieder sauber auf. Ein glattes Ergebnis ohne blöde Nachkommastellen. – Was auch immer die Welt im Innersten zusammenhält, es scheint jedenfalls, dass in den Fugen noch etwas Luft ist.

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Aerial Views von Bernhard Lang

Foto Bernhard Lang

Als Bernhard Lang vor Jahren neben seiner kommerziellen Arbeit die Welt von oben entdeckte, nahm er sich damit als Fotograf die Freiheit, die einem die Kunst nur dann gewährt, wenn man das Spekulative völlig außer Acht lässt.

Seit er nun immer mehr Erfolg damit hat, wird er nach Erklärungen und Botschaften befragt. Verständlich, aber überflüssig, denn seine Fotografien sind keine Werke, die über eine Legende auflöst werden müssten. Der Zauber liegt wieder ganz im Auge des Betrachters. Langs Motive beeindrucken durch ihre Klarheit und immer wieder neue Strukturen.

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