Liverbird – You'll Never Walk Alone

Illustration: Titus Dannhöfer


Ein letztes Fabeltier darf nicht fehlen: Der Liverbird! [ˈlaɪvər bɜrd] wird komischerweise „Laiverbörd“ ausgesprochen, also nicht wie im Stadtnamen Liverpool. Anfangs halte ich diesen mythischen Vogel noch für eine Art Phönix. Seit der Erfindung des Internets bin ich schlauer. Der Liverbird ist ein Mischwesen aus Kormoran und Adler, hat seine Wurzeln in der Seefahrtsgeschichte Liverpools und steht für Schutz und Wohlstand. Seit dem 13. Jahrhundert ziert er das Wappen der Stadt.

Die Beatles und der Mersey-Beat haben meine Kindheit und Jugend sehr geprägt. Klar, dass ich beim Liverpool FC hängen bleibe, mit seinem speziellen Wappentier. Es steht für die Verbundenheit des Clubs mit der Stadt. Und die Fans zelebrieren da schon ein ziemlich intensives Beziehungsverhältnis, für ein deutsches Gemüt kaum nachzuempfinden. Vielleicht stünde uns aber etwas mehr sportlicher Zusammenhalt auch nicht so schlecht. Eine Gefolgschaft, die im Fairplay auch immer Respekt und Anerkennung für die andere Seite aufbringt.

Zum Liverbird gehört seit den 1960er Jahren ein kultiger Claim: „You'll Never Walk Alone“ ist tief in der Vereinskultur verankert. Die Legende, wie dieser Song an der Anfield Road zur berühmtesten Fußball-Hymne der Welt wurde, wird schon genug heruntergeleiert, muss man nicht vertiefen: Tatsache ist, jeder kennt diesen Fangesang.



Liverbuilding, gebaut 1911, ehemaliger Sitz der Liver-Insurance, zeigt auf seinen zwei Türmen je einen Liverbird. Die 1850 gegründete Arbeiter-Versicherung wurde nach dem Wappentier benannt. (Fotovorlage: AdobeStock)

You'll Never Walk Alone – Stadtparkkickers (1998-2005)

Man kann geteilter Meinung sein, ob es nun für andere Fußballfans legitim ist, diese Hymne für den eigenen Club zu vereinnahmen, weil sie eben wie keine andere auf der Welt so zu Herzen geht. Ich selbst würde sie eher nicht in einem deutschen Stadion singen. Aber als privates Motto innerhalb der Familie oder auch im Amateursport fand ich das ganz wunderbar. Wir haben zum Beispiel viele Jahre lang mit Freunden einen alternativen „Club“ für unsere Jungs organisiert, die „Stadtparkkickers“ – tolle Zeit! Natürlich präsentierten wir uns ausgiebig auf einer Website und führten das Stadiontor von Liverpool im Header. Ich hatte dabei die Worte von Fabio Cannavaro, dem Kapitän der „Squadra Azzurra“, im Ohr, der wohl feuchte Augen bekommen hatte, als er zum ersten Mal durch das Tor mit dem berühmten Spruch ging. – Also denn, hinein in die sentimentale Rückbesinnung …


Link zur alten Site und zum Album (passwortgeschützt)


Unsere Kick-im-Park-Millennials sind längst erwachsen, das „You’ll Never Walk Alone“ ist in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen und damit etwas verblasst. Immerhin hat die Idee der Stadtparkkickers sieben märchenhaft unbeschwerte Jahre lang funktioniert. Beim „Nachwuchs“ ließ das Interesse dann zuerst nach. Irgendwann standen wir mit einer Hand voll kleiner Kicker allein auf weiter Flur. Man fragte sich, wo sind die denn alle geblieben? Einer der Väter hatte eine Erklärung parat, die seien jetzt wohl alle in einem richtigen Verein, weil, die Kids wären jetzt in einem Alter, wo man sich messen wolle. Okay, genau das war wirklich nie unsere Absicht. Bei uns waren alle gleich. Ich schätze mal, die Anweisung zum Messen kam eher von der Seitenlinie.

Warum der Mensch immer gleich ein Maßband braucht? Der von mir hoch geschätzte Schriftdesigner Paul Renner¹ sagte dazu: „Der Glaube an das Zählen und Messen verführt in allen Künsten zu den gröbsten Fehlern.“ Upps, Fußball also als Kunst? Warum nicht? Wer sich drauf einlässt, erlebt Sport im Allgemeinen und Fußball im Besonderen als Performance, Kulturereignis oder Kult, meinetwegen als Ausdruckstanz und somit durchaus als eine Kunst, mit allem typografischen und symbolhaften Beiwerk, das dazu gehört.

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¹ Paul Renner, Die Kunst der Typographie, Berlin 1939




Vor 20 Jahren! – Der Sommerturnier-Clip der Stadtparkkickers vom 27. juni 2004, plus zwei Mannschaftsfotos vom letzten Turnier am 2. Juli 2005 – veranstaltet von „Artist for Kids“ in der Sportanlage München-West.

Fußball als Realitätsmodell²

Der Soziologe und Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit, selbst ein begeisterter Freizeitkicker, hat 2004 ein Buch² verfasst, dass ich schon mehrfach gelesen habe, weil es mich wirklich begeistert. Theweleit untersucht darin Fußball als Spiegel der Gesellschaft und als Modell, um soziale und kulturelle Dynamiken zu verstehen. Er analysiert, wie Fußball Identitäten formt, Gemeinschaften schafft und politische sowie ökonomische Strukturen widerspiegelt. Er schildert das sehr anschaulich am Beispiel seiner eigenen Sozialisation, die stets begleitet wird vom Erlebnis Fußball, ob selbst auf der Straße spielend, als Zuhörer vor dem Radio oder als „Statistiker“ beim Verfolgen von Spielplänen und Tabellenplätzen. Summa summarum: Viele Parallelen zu meinem eigenen Leben und im Ergebnis bleibt die feste Überzeugung, dass man als junger Mensch charakterlich sehr profitiert vom Mannschaftssport, vor allem, wenn er ohne Leistungsdruck angeboten wird, auf Freundschaft und gegenseitige Wertschätzung aufbaut. Ich denke, die kurze Ära der Stadtparkkickers war ein erfolgreiches Realitätsmodell – die empirische Auswertung läuft noch ;-)


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² Klaus Theweleit, Tor zur Welt – Fußball als Realitätsmodell
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2004, ISBN 9783462033939
Taschenbuch, 233 Seiten, 8,90 EUR

Noch immer haben wir einen Koffer voller Trikots, ein Sammelsurium aller Ligen Europas und der Welt. Seit einem London Aufenthalt, bei dem unser Ältester sich mit Chelsea- und Liverpool-Requisiten ausstattet, ist auch bei mir dann wieder der Liverbird aus dem Schlaf erwacht, vor allem mit Gewinn der Champions‘ League 2005 musste ich im Fan-Store zuschlagen und zum runden Geburtstag hatte ich dann meine eigene Rückennummer.

Von der Heraldik einer fußballverrückten Kleinfamilie, die sich dann auf eine einzige Grundfarbe beschränkt, sind wir aber immer weit entfernt geblieben. Wäre auch tragisch. Und das Mantra mit dem „You‘ll never Walk Alone“ funktioniert auch nicht in allen Lebenslagen.



Mai 2007: Mein kostbares Geburtstags-Home-Shirt!

Vor vielen Jahren, also lange noch vor der Googlemania, nutzte ich das Gespräch mit einem sehr netten Engländer vom Typ Nick Hornsby, um mir alle Fußballbegriffe sozusagen ins Original zurück übersetzen zu lassen. Der Mann kannte sich aus, seltsam nur, als sich herausstellte, dass er, angeblich, keinen speziellen Club der Premiere League supported. Vielleicht weil er meine Vorliebe für den Liverpool FC herausgehört hatte? Und obwohl er schon gelegentlich live ein Spiel an der Anfield Road erlebt hatte, befand er die Singerei – well okay, not my cup of tea – als sentimentalen Kokolores. Das war mir dann doch zu hartherzig.


Apropos: über Fußball, Kommunikationsdesign und Zauberei (3 ältere Blog-Beiträge):



Die englische „Daily Mail“ kürt das hässlichste Vereinslogo der Welt, zufällig eins meiner liebsten!
Und Lucky Games: Die positive Kraft des Fußballs – eine illustre Chronik von Titus Dannhöfer
Das Loch im Netz von Hoffenheim Wahrnehmungstest im Feldversuch



Trilogie der Fabelwesen – Teil 1 Rinocerus – Teil 2 Pegasus – Teil 3 Liverbird