Flitcraft und der blinde Zufall

„Er, der gute Bürger, Ehemann und Vater konnte rein zufällig so zwischen Büro und Restaurant von einem herabstürzenden Balken ausgelöscht werden! Da ging ihm auf, dass Menschen durch Zufälle wie diesen starben und nur lebten, solange sie der blinde Zufall verschonte.“

Diese mulmige Erkenntnis entstammt Dashiell Hammetts Detektivklassiker „Der Malteser Falke“. In regelmäßigen Abständen, wenn mal wieder in persönlicher oder räumlicher Nähe ein Beinahe-Crash passiert ist, meldet sich diese kleine Parabel in meinem Oberstübchen zurück. Dann schreibt die Realität ähnliche Geschichten wie sie in der Literatur vorkommen und macht mir wieder deutlich, dass es genauso gut umgekehrt funktioniert: Das wahre Leben mit seinen tödlichen Späßen findet Eingang in die Fiktion und dann eben auch irgendwann wieder heraus. – Ein geniales Beispiel für dieses künstlerische In-And-Out ist jener Fall des Mr. Flitcraft, der dem Schriftsteller Hammett in seinem Vorleben als Detektiv genauso widerfahren ist.


Das Storytelling-Telegramm: Charles Flitcraft, ein Geschäftsmann aus Tacoma, verheiratet, zwei Kinder, verschwindet plötzlich und spurlos während seiner Mittagspause. Nichts deutet auf ein Verbrechen oder Suizid hin, die finanziellen Verhältnisse sind bestens geordnet und die familiären Strukturen völlig intakt. Alle Nachforschungen, auch im Bezug auf ein Doppelleben, bleiben ohne Ergebnis. Flitcraft ist unauffindbar, erst nach fünf Jahren taucht er in Spokane wieder auf. Sam Spade, der Detektiv im Roman, stellt Flitcraft zur Rede und dieser liefert bereitwillig, ohne ein schlechtes Gewissen, die Erklärung zu den geheimnisvollen Vorgängen.

„Folgendes war mit ihm geschehen: als er an jenem Tage zum Lunch ging, kam er an einem Geschäftshaus vorbei, das sich gerade im Bau befand – erst die Wände standen. Ein Balken oder so was fiel vom achten oder zehnten Stock herunter und knallte neben ihm auf den Bürgersteig; er strich ganz dicht an ihm vorbei, berührte ihn jedoch nicht, schlug dafür aber ein Stück Stein vom Bürgersteig ab, das hochflog und ihn an der Wange traf. Es riss ihm nur ein Stück Haut ab, aber als ich ihm begegnete, hatte er noch die Narbe. … Ihm war, als hätte jemand den Deckel vom Leben abgehoben und ließe ihn einen Blick ins Getriebe werfen.“

Flitcraft kommt zu der eingangs zitierten Schlussfolgerung und beschließt einen radikal-spontanen Neuanfang. Der Rest der Story ist exemplarisch für die Ironie des Lebens. Schnell wird er wieder zum erfolgreichen Geschäftsmann, findet eine ähnliche Ehefrau, bekommt einen Sohn, kauft ein Haus und führt dasselbe Leben noch einmal von vorn – in nur 300 Meilen Entfernung von seinem alten Zuhause. Dashiell Hammett, alias Sam Spade schließt mit dem Satz:

„Ich glaube, ihm kam überhaupt nicht zum Bewusstsein, dass er wie selbstverständlich in dasselbe alte Geleise geraten war, das er in Tacoma so fluchtartig verlassen hatte. Doch das hat mir an der ganzen Sache immer besonders gut gefallen. Erst stellte er sich auf herabstürzende Balken ein, dann stürzten keine mehr herab, und prompt stellt er sich wieder darauf ein.“


So viel zur Absurdität im Umgang mit herabstürzenden Balken und einem unvermeidlichen Kopfkino – man lernt zwar nichts draus, aber vergisst es nie mehr.