Mr. Turner – Meister des Lichts

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Mike Leigh hat die letzten Jahre im Leben des Joseph Mallord William Turner verfilmt. Ein überlanger, eindrucksvoller Kinofilm mit großartiger Fotografie, beschaulich und anekdotisch, authentisch und ein wenig trostlos – Turners Leben war wohl so.

Der Film beginnt mit tiefgründiger Szenerie: morgendlicher Dunst über flämischer Flusslandschaft mit Mühle. Zwei Mägde nähern sich schwatzend. Als sie durch Bild gehen, kommt am anderen Ufer im Gegenlicht die Schattenfigur eines korpulenten Zeichners mit Zylinder ins Blickfeld. Sie gehen vorbei, ohne ihn wahrzunehmen. Turner, in die Arbeit vertieft, einsam auf weiter Flur.


Mike Leigh erzählt in meisterlich komponierten Bildern, zitiert viele von Turners Hauptwerken. Timothy Spall überzeugt dabei als urwüchsiger und leidenschaftlicher Maler, dem es mitunter schwerfällt, verbal seinen Gefühlen auf ähnlichem Niveau Ausdruck zu verleihen, als Privatmensch manchmal unbeholfen wirkt und leider seine Kunst immer weniger erklären will. Sollte er aber. Denn der berühmte und hoch angesehene Akademiemaler wird zunehmend spleeniger und stößt mit seinem Alterswerk das Publikum vor den Kopf, allen voran die Königin. Man wertet sein Farbgeschmier als gescheitertes Experiment oder Wahrnehmungsstörung. Das erbittert ihn zwar, erschüttert jedoch keinesfalls seine Überzeugung.

Der Romantiker Turner beobachtet seine Zeit mit einem lachenden und einem weinenden Auge: ihn berauscht die Dynamik des technischen Fortschritts, beispielsweise die beeindruckende Kraft einer rauchenden Dampflok. Anderseits beargwöhnt er den Wertewandel, wenn er durch die Erfindung der Fotografie eine feindliche Konkurrenz auf sich zu kommen spürt. Das Neue löst gnadenlos das Alte ab. Sein populärstes Gemälde „The Fighting Temeraire “ wird im Film damit zur Vorlage einer Schlüsselszene. Turner und zwei Gentlemen lassen sich aufs Meer hinaus rudern um einem historischen Manöver beizuwohnen. Das große, stolze Segelschiff wird von einem kleinen, rußenden Dampfer zum Abwracken an Land gezogen. „Mr. Turner, das gäbe ein schönes Motiv für Sie ab“. „Tatsächlich? Ich sollte mal einen Gedanken daran verschwenden“.


Womöglich macht er sich falsche Vorstellungen davon, inwieweit die Zeit reif ist für künstlerische Extravaganzen wie die Auflösung von Raum und Perspektive. Im viktorianischen England werden, aller Industrialisierung zum Trotz, vor allem die verkitschten Präraffaeliten nach oben gespült. Der smarte Kunstkritiker John Ruskin – im Film noch der schwafelnde Turnerversteher – verhilft auch ihnen zum Durchbruch. Turners Ein-Mann-Avantgarde bleibt ohne Publikum. Erst die übernächste Generation versteht seine Form von Sublimation.

Mr. Joseph Mallord William Turner führt in vielfacher Hinsicht ein Doppelleben. Mit Pseudonymen laviert er sich durch die prüde Gesellschaft. Nach seinem Tod sitzt seine hinfällige Hausmagd verlassen im Atelier, bricht weinend zusammen. Die Witwe Booth, Turners heimliche Gefährtin, mit der er seine letzte Zeit in Chelsea verlebt, trägt den Verlust mit Fassung. Sie putzt die Fenster blitzblank und schaut versonnen nach draußen. Der Meister des Lichts ruhe in Frieden.


In grandioser Charles-Dickens-Kulisse entwickelt sich eine Parabel auf die innere und äußere Welt des Individuums. Die äußere ist weit und überwältigend, die innere ist eng, drängt eruptiv nach außen und will darum mit aller Kraft beherrscht sein.

Trailer (dt.) Mr. Turner – Meister des Lichts
Documentation, Making of (engl.) Mr. Turner and his Queen Anne Street Gallery

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