Out of the Box

J. W. Waterhouse – Psyche opening the golden box
Wenn man in der griechischen Mythologie ein Behältnis öffnet, noch dazu, wenn das explizit nicht erlaubt ist, dann verheißt das meistens nichts Erfreuliches. So hofft die anfangs noch sterbliche Psyche (oben im Bild) in der goldenen Box die reine Schönheit vorzufinden und wird stattdessen von einer todbringenden schwarzen Wolke eingeschläfert.¹ In der Kunst ist das ein beliebtes Sinnbild für die Gefahren, die von leidenschaftlichem Wunschdenken und liebestrunkenen Sehnsüchten ausgehen. Für unsereins spielt das keine Rolle mehr, meine Fürsorge gilt hier ausschließlich den mir Schutzbefohlenen jungen Menschen, die ihr Leben noch vor sich haben.
Auf ein künstlerisch motiviertes Berufsleben übertragen, ergeben sich da einige diffuse Ängste, die sich nur beherrschen lassen, wenn man locker bleibt, sich nicht ständig selbst unter Druck setzt, indem man sich zur absoluten Erfüllung im Job antreibt und dabei die halbe Welt als Konkurrenz fürchtet. Den faulen Instagram-Zauber hatte ich ja schon in einem früheren Eintrag kritisiert. Meine Empfehlung: Diese seltsame Wundertüte sollte man besser ungeöffnet lassen. Was ohnehin stets hartnäckig im jugendlichen Hirn herumgeistert, ist der schwer erfüllbare Anspruch nach einer geschmeidigen Work-Life-Balance.
Für eine Work-Life-Balance braucht man erst einmal: Arbeit. Ohne Arbeit keine ausgewogene Persönlichkeit – so jedenfalls bei Normalsterblichen. Zwar gibt es Menschen, die als Besonderheit auf die Welt kommen, zum Beispiel in herrschaftlicher Erbfolge oder eingebettet in besonders beständige Vermögensverhältnisse. Der normale Mensch muss erst einmal aus sich selbst etwas machen. Das funktioniert auf legale Weise nur mit Arbeit. Der uninspirierte Sozialdarwinismus unseres derzeitigen Kanzlers ist damit natürlich nicht gemeint. Aber es ist mir wichtig, einem jungen Menschen klarzumachen, dass er einen soliden Beruf braucht, der ihm im Idealfall Spaß macht, aber in der Hauptsache verlässlich ernährt. Nur das bewahrt ihn vor dem Unglück.
Bildquellen: Psyche WikimediaCommons, Pandora WikimediaCommons
So, jetzt mal weg vom mehrdeutigen Symbolismus, hin zum Klartext – Lassen wir uns von einem herausragenden Künstler und seiner Geschäftstüchtigkeit überzeugen! Das folgende Zitat stammt aus einem Brief von Henri de Toulouse-Lautrec an seinen Kunsthändler Maurice Joyant:
„Ich überlasse Ihnen 12 Exemplare zu je 30 Francs. Schicken Sie mir die Rechnung des Rahmenmachers und senden Sie mir die Probedrucke der nummerierten Auflage zurück. Die Drucke ,La Goulue‘ und ,Der Engländer im Moulin Rouge‘ erhalten Sie bei Goupil, der Alleinvertretung meiner Originale. Für Sie 30 Franc für alle anderen 50. Entschuldigen Sie all die Zahlen, aber Geschäft ist Geschäft.“
Geschäft ist Geschäft – notabene. Ein charmantes Beispiel, das beweist: Selbst im Hochadel ist Geld zur Absicherung des eigenen Niveaus nicht unwichtig. Der von mir sehr geschätzte Maler und Grafiker hätte es nämlich auf Grund seiner Herkunft nicht nötig gehabt, als Krämerseele aufzutreten. Seine hochwohlgeborene Familie war stinkreich, und Lohnarbeit weder notwendig noch standesgemäß. Das alles überlagernde Problem: Henri war ein erbkranker, von chronischen Schmerzen geplagter Alkoholiker. Seine äußere Erscheinung machte ihn eigentlich zu einem Außenseiter, doch er lebte am Puls der Zeit, mittendrin, in der Belle Époque, im Herzen von Paris. Hier wird er ganz nebenbei auch noch zu einem der gefragtesten Plakatkünstler und extrem gut bezahlt.
Schlüsselfrage: Hat er mit seinem kommerziellen Ehrgeiz seine künstlerische Karriere nur begleitet, oder hat er sein Selbstwertgefühl in harter Währung „umgemünzt“ und abgesichert. Seien wir ehrlich, es ist schon ein gutes Gefühl, wenn für eine künstlerische Dienstleistung nicht nur brav geklatscht wird, sondern infolgedessen auch der Kontostand einen Satz nach oben macht. Wie alle Arbeit macht auch Kunst nur glücklich, wenn sie anständig honoriert wird!
Bildquellen: Jane Avril WikimediaCommons, dto. Moulin Rouge
Lautrec hat nicht nur das Plakat revolutioniert, sondern auch gut daran verdient. Einerseits ist seine spontane Arbeitsweise höchst effizient, da er ohne Vorbereitung an das Sujet herangeht, also gleich die Bildidee aus dem Kopf auf den Stein zeichnet – andererseits schafft er dadurch eine neue Ästhetik. Diese wirkt zunächst befremdlich, wird dann aber zur neuen Mode. – Übrigens: Henri de Toulouse-Lautrec und William Waterhouse sind Zeitgenossen, die aber rein gar nichts miteinander zu tun hatten. In ihren Lebensentwürfen, wie auch rein künstlerisch, stehen sich der Franzose und der Engländer diametral gegenüber.
Einsicht und Zuversicht – Ausharren in der Black Box
Es hilft nichts, mit einem unerfüllbaren, langen Wunschzettel anzutreten, wenn man sonst nicht viel in der Hand hat. Wer in normalen Verhältnissen aufwächst, braucht eben mehr Ehrgeiz und einen stoischen Durchhaltewillen. Er muss Kompromisse eingehen, über die hohe Herrschaften vielleicht müde lächeln. Kein Thema – damit kann man arbeiten. Trotzdem jammert das Individuum.
Die Kümmernis, als Massenmensch wenig beachtet zu werden, ist der Preis für eine an sich luxuriöse Versorgung in der Systemwelt. Man kann seinen Individualismus trotz allem ja sehr frei ausleben, darf aber nicht erwarten, wie ein Thronfolger umgarnt zu werden. Und natürlich sind Neid und Missgunst allgegenwärtig, auch das gehört dazu. Je qualifizierter man selbst in dem einen oder anderen Bereich ist, desto deutlicher spürt man das. Erst, wenn man besser wird als die anderen, registriert man deren Unbehagen. Man merkt das an den seltsamen Momenten, wenn man mit naivem Stolz etwas von sich erzählt und danach das Gespräch verhungert. Fürs Selbstwertgefühl ist jeder allein zuständig. Wie Michelangelo schon sagte: „Der Glaube an sich selbst ist der beste und sicherste Weg.“
Positiv beachtet zu werden, ist schön, passiert aber selten. Umso mehr ist das Bezahltwerden ein abstrakter, cooler Ersatz für den warmherzigen, menschlichen Zuspruch. Und da man sich für warme Worte ohnehin nichts kaufen kann, gibt es aus meiner Erfahrung keinen plausiblen Grund, warum man in Künstlerkreisen einen Bogen um die Industriegesellschaft macht. Warum also sucht man immer nur die Nische? Warum sucht man den Ausweg, statt den gangbaren Weg? Alsdann, mitten hinein ins Vergnügen der kommerziellen Angebote!
Man sollte seine gestalterische Energie in unsere Industriegesellschaft einspeisen und anständig vergüten lassen. Hauptsache man hat was zu tun! Der Mensch braucht eine Beschäftigung, Geld und Anerkennung. All das ist gut für die Psyche.¹
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¹ Mit meinen anekdotischen Ausschweifungen ins Sagenhafte möchte ich die Sache nicht vernebeln. Alles in allem finde ich den griechisch-römischen Reflex einfach sehr unterhaltsam. Denn eines kann man aus der griechischen Mythologie besonders schön ablesen: Die Götter sind schnell beleidigt. Mit ihrem Neid und ihrer unberechenbaren Missgunst sind sie ein Spiegel der Gesellschaft. Gutmütig ist hier auf Dauer keiner, alle fordern Treue und Gehorsam. Und wenn ein Schutzbefohlener aus der Reihe tanzt, kriegt er gleich ein passendes Gift gemischt oder wird an den Felsen geschmiedet. Zum Glück kommt unsere Psyche heil davon und wird sogar unsterblich ;-)
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Kunst als Antidepressivum „Wo keine Götter sind, walten Gespenster.“




