M – Eine Stadt sucht einen Mörder

Wer sich via Autobahn dem Münchner Flughafen näherte, sah sie schon von weitem, die edlen Versalien, plakativ, klar, unprätentiös. Und jetzt: Ende der Ausbaustrecke. Da hatte man mal ein herausragendes Gesamtkunstwerk aus Architektur, Technik und Typografie und schon kommt wieder so eine Branding-Bande angeritten und schießt aus der Hüfte mal kurz in den Ofen. Heraus kommt ein billig aufgebackenes M mit buntem Schrägstrich, programmatisch „Connector“ getauft. Sieht blöd aus, hört sich aber gut an und wird infolge dieser erbärmlichen Logik zum Vehikel einer larifari Unternehmensreligion: connecting people – immer wieder gerne gekauft. Plus das unvermeidliche >YouTube-Filmchen zum fremdschämen.

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Zeitgedichte, Zeitgeschichte

Es gibt keinen Dichter, der mich mehr beeindruckt als Harry Heine aus Düsseldorf. Etwas rheinische Seelenverwandtschaft ist vielleicht auch dabei, aber im wesentlichen ist es die ungewöhnlich präsente Sichtweise des Journalisten Heine, sein scharfer, analytischer Verstand, hochgebildet und von brillanter Klarheit im sprachlichen Ausdruck. Plus diese trotzige Ironie, die nur ein Mensch beherrschen lernt, der sich von Leid und Schmerz nicht klein kriegen lässt.

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Kalligrafie und Methode

Aufgrund meiner eigenen positiven Erfahrungen halte ich das Schriftschreiben nach wie vor für einen unverzichtbaren Teil der Typografieausbildung. Unter dem Druck, mit der Softwareentwicklung Schritt halten zu müssen, werden handwerkliche Methoden allerdings von manchen Fachleuten eher als Zeitverschwendung angesehen. Deshalb war ich skeptisch, als sich die Münchner Montessori Fachoberschule (kurz MOS) für ihren Gestaltungszweig an Kalligrafieunterricht interessiert zeigte. Ist das Thema nicht wirklich längst durch?

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Portrait versus Mugshot

Manch einer, der sich wie unsereins ein Leben lang mit Bildern und Darstellungsweisen beschäftigt, hat zuzeiten das trostlose Gefühl, dass sich vieles von selbst nihiliert, weil es mittlerweile von allem so unerträglich viel zu sehen gibt. Spielen die Jahrtausende alten Ideale überhaupt noch eine Rolle, oder gibt es nur noch ein einziges chaotisches Durcheinander von im besten Falle belanglosen Handyfotos?

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Wahrnehmungstest im Feldversuch

Mein aktuelles Lieblingsfoto. Und jeder weiß sofort Bescheid – wahrscheinlich noch in Jahren. Die Poesie des Augenblicks, vom Fotografen noch sensibel eingefangen, verödet leider zu schnell im spießigen Moralfernsehen und wird im Shitstorm hinweggefegt. Als gäbe das medial nicht deutlich mehr her! Viel interessanter – aus Sicht des Kommunikationsprofis – ist doch der Feldversuch an sich: wie lange bleibt also ein sportiver Zaubertrick unentdeckt? Wahrnehmungspsychologie ist anschaulicher kaum zu vermitteln. Mit der Erklärung folgt allerdings statt der Analyse die Empörung. Schade.

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Heimat – die Letzte

Edgar Reitz' Heimatepos begleitet mich durchs gesamte Grafikerdasein schon seit der Studentenzeit. „Die andere Heimat" ist mir allerdings auf den ersten Blick fremd, denn obwohl anlässlich der Biennale mit stehenden Ovationen gefeiert, kann ich den kollektiven Jubel nicht ganz nachvollziehen. Und das schlicht deswegen, weil die ersten beiden Zyklen so sehr viel besser waren. Bis dato hatte Reitz für mein Gefühl den epischen deutschen Film klar dominiert, mit „Heimat 3“ vielleicht aber die Konkurrenz nicht mehr so richtig wahrgenommen. – Knapp vier Stunden Kino muss man schon begründen können. Mein letzter Film von dieser Ausdehnung war Lawrence von Arabien. Schlecht zu vergleichen.

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Hare Krishna & Calligraphy

Seit ein paar Jahren interessiert sich die breite Masse, darunter vor allem die U21-Fraktion, ernsthaft für so was Unscheinbares wie Typografie. Das wundert und freut uns Schriftgelehrte, hat aber einen einfachen Grund. Um der blöden Handystreichelei einmal etwas positives abzugewinnen: es sind auch die Smartphones, die das Auge für gutes Typodesign schulen. Da hat sich, dank Apple, ein richtig guter Standard eingeführt. Auf kleinstem Raum Inhalte gut strukturieren, nicht nur Lesbarkeit, sondern Leselust erzeugen, dass kann man eben nur mit professioneller Typografie. Wie sensibel der rotznasige User mittlerweile geworden ist, sieht man ironischerweise an Apples iOs 7, an dem dann heftig die blutarme Typografie kritisiert wird.

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The End of Print – is a book

Wenn mal wieder der Untergang der Printmedien angekündigt wird, fällt mir spontan dieser Halbsatz von David Carson ein, mit dem wir uns vor Zeiten einen langen Abend über intensiv austauschen konnten. Die Kampagne „Impressions '98“ für unseren Kunden Fedrigoni fand wie üblich einen repräsentativen Abschluss mit dem Vortrag eines prominenten Designers. Das Liberty-Konzept hatte uns bewogen den gelernten Soziologen, Profisurfer und Typofreak Carson einzuladen. Im Frankfurter Sheraton referierte Carson über sein Wunschthema "what paper means to me" und begann seinen Text mit den Worten „The end of print is a book,“ … und in seine Atempause hinein wiederholte meine Frau neben mir leise, aber trotzig „… is a book!“

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Künstlerisches Kalligrafieren – ein Lehrbuch

Noch ein Thema, das mir etwas auch dem Blickwinkel verloren gegangen ist, jetzt aber wieder präsent wird. Durch die wieder aufgenommen Unterrichtspraxis greife ich gerne auf mein Buch zurück, schon 1991 verfasst, dass mir immer noch recht gelungen vorkommt. Vor allem, wenn ich aktuell bestätigt werde, wie gut Methodik und didaktische Auswahl immer noch funktionieren, um junge Designinteressierte für das Thema Schrift und Typografie zu begeistern. Das Schreiben hat wieder Konjunktur, gerade in einer Generation, die sich an den digitalen Medien erst einmal gründlich abgearbeitet hat. Aber mehr dazu später.

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Typografie des Terrors?

Das Münchner Stadtmuseum hat eine imposante Sammlung der Gebrauchsgrafik, darunter auch Werke einer sonderlichen Plakatkunst, die man mit Fingerspitzengefühl moderieren muss, weil sie noch immer unvermittelt zweifelhafte Botschaften aussenden, sobald sie denn wieder an der Wand hängen. Das Wichtigste überhaupt scheint da erst mal der Titel: „Typografie des Terrors“ klingt politisch korrekt, ist lautmalerisch eingängig, und als Claim zugleich kritisch distanziert. De facto aber ziemlich spekulativ und de jure einfach unwahr – denn wo bitte, terrorisiert hier die Typografie?

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