1648 – Lang erhoffte Friedenstaube

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Fünf Jahre schließlich dauert der Kongress zu Münster und Osnabrück. Im Ergebnis wird der Westfälische Frieden die maßgebliche diplomatische Referenz für alle späteren Konflikte in Europa. Selbst aus heutiger Sicht ist der Vertragsumfang monströs und detailverrückt. Da fällt einem spontan die Stammtisch-Parole von der europäischen Überregulierung ein. Ein absurder, aber immer wiederkehrender Vorwurf an ein normales Vertragsgefüge. Denn wie bitte sollen alle Interessen gewahrt werden, wenn man sie nicht glasklar definiert und verbindlich aufschreibt? Die so flapsig geforderte Großzügigkeit beim Abfassen von Verbindlichkeiten bezieht sich auch meist auf die Interessen der Anderen. Die eigenen Anliegen dagegen hat man gerne ausführlich getextet, in Schwarz auf Weiß, um sie getrost nach Hause zu tragen. Die Forderung nach simplen Konzepten zeugt vom Unverständnis für das komplizierte zivile Leben – wenngleich die ein oder andere Unternehmensberatung genau das vorschlagen würde. Im Falle des Westfälischen Friedens ist auch leider keine win-win-Situation mehr drin.

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1633 – C'est la guerre! Jacques Callot

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Ein Achselzucken, eine Redewendung: so ist der Krieg! Das Volk sieht keine Chance dem Schicksal zu entgehen. Man muss sein Kreuz tragen, alles ist Fügung, Gott will es!

Da hatte man sich in der Renaissance einen progressiven Humanismus und eine strahlende Zukunft erwartet und jetzt diese deprimierende Rückschläge! Selbst die Natur hat sich gegen Mensch und Tier verschworen, stürzt Europa in die Klimakatastrophe der „Kleinen Eiszeit“, bringt Missernten, Kälte und Hunger und die Religionen sind bei allem kein Trost, sondern das noch größere Übel. Im Grunde kann die Renaissance nicht die große wissenschaftliche Zeitenwende gewesen sein. Denn selbst im Barock beschwört der Klerus mit aller Macht das längst widerlegte ptolemäische Weltbild. Die Sonne dreht sich um die Erde, der Himmel hat sich verdunkelt, Galilei hat Hausarrest. – Weil Gott es so will?

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1618 – Von Rauch und starken Winden

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Im laufenden Jahr 2018 gibt’s nicht wirklich viel feiern. Ein Jahr wie gemacht für posttraumatisch belastende Jubiläen und eine kleine Zeitreise zurück zum mutmaßlichen Ursprung aller deutschen Paranoia – auf den Tag genau vor 400 Jahren beginnt in Böhmen der Dreißigjährige Krieg. Manch einer sucht und findet darin einen genetischen Grund für die dunkle Seite des deutschen Gemüts, die Verzagtheit und Zwanghaftigkeit, das Misstrauen gegenüber lebensfrohen Völkern, das mitunter erbärmliche Temperament zwischen Überschätzung und Minderwertigkeitskomplex. Woher sonst rührt die German Angst, wenn nicht aus dieser schweren frühen Kindheit?

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Zefixhalleluja!

Auf dem Ilsenstein

O Zeit der Zeichen und Symbole und leeren Verheißungen! Wenn es kein Geld gibt, werden blecherne Orden verliehen und wenn der Feind an den Grenzen lauert, gibt das Volk sein Gold für Eisen. Nun sammelt sich das bayerische Kabinett zum kleinen Kreuzzug für die absolute Mehrheit und zeigt allen Ungläubigen die Werkzeuge. Zur Kreuzigung? Bitte ins nächste Dienstgebäude – jeder nur ein Kreuz!

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Ein merkwürdiges Gerücht

Thumbnail Webermuseum

In wissenschaftlichen Kreisen hält sich das Gerücht, der Mensch sei mit vernünftigen Argumenten zu überzeugen. Wir aber wissen, dass alles, tatsächlich ALLES, immer nur von subjektiven Gefühlen abhängt.

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Die Digitalisierung der Romantik

Ob's edler im Gemüt
die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden?
Oder sich waffnend gegen eine See von Plagen
durch Widerstand sie enden? …


Ja oder Nein, Sein oder Nichtsein, Like oder Dislike? Immer dieses binäre Muster. Da bringt die Digitalisierung nichts Neues in unser romantisches Wahrnehmungssystem. Und dennoch: Stünde einem zaudernden Hamlet statt seiner schwerfälligen Gefährten doch nur ein leistungsfähiger Algorithmus zur Seite, vielleicht ließe sich das Drama auf drei Minuten komprimieren? Wie auch immer, die theatralischen Zweifel behält man besser für sich, Skepsis verkauft sich schlecht. Der Medienprofi sieht dem digitalen Zeitalter gelassen entgegen und behält seine privaten Internet-Horror-Visionen still für sich. In den Nebeln von Positivismus und Selbstverleugnung.

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„Blaupause“ – Vom Mythos der Moderne

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Kürzlich komme ich endlich dazu, ein Buch zu lesen, das mir eine Schülerin schon vor einigen Monaten ganz begeistert in die Hand gedrückt hat. Und obwohl sie mir in ihren wenigen einführenden Sätzen so einige erzählerische Pointen verraten hat, verdirbt mir das nicht die Lektüre – der Bauhaus-Roman gefällt mir. Es gibt erstaunlich viele Rezensionen zu diesem Debütroman, die meisten positiv. Lediglich die Süddeutsche kritisiert, die Story habe keine Sogwirkung, was aus meiner Sicht aber ein rein subjektives Gefühl darstellt. Solche Einwände finde ich banal. Weiß der Himmel, welcher Stoff oder welche Erzähltechnik ein potenzielles Publikum begeistert?

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avenidas sin mujeres

Foto-Illustration: HHE

Die wenigsten Menschen haben ein Faible für Lyrik. Dass nun ein Gedicht die öffentliche Meinung beschäftigt ist kurios – zumal es sich um ein ausgesprochen defensives, kryptisches Wortgebilde der „konkreten Poesie“ handelt. Der AStA einer Berliner Hochschule jedoch protestiert seit zwei Jahren gegen das Gedicht „avenidas“, das in plakativer Typografie auf der eigenen Hausfassade steht, weil er dem nebulösen Text eine sexistische Deutung gibt. Die wenigen spanischen Vokabeln sind leicht zu übersetzten, aber jeder versteht da was anderes. Trotz vieler Vermittlungsversuche aus der Kunst- und Literaturszene wird schließlich dem Protest stattgegeben und man geht mit puritanischer Konsequenz an die Wurzel. Die „Schrift an der Wand” wird ausgelöscht. Kunst lebt zwar von der Vieldeutigkeit, aber damit kommen offenbar nicht alle zurecht.

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Flitcraft und der blinde Zufall

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„Er, der gute Bürger, Ehemann und Vater konnte rein zufällig so zwischen Büro und Restaurant von einem herabstürzenden Balken ausgelöscht werden! Da ging ihm auf, dass Menschen durch Zufälle wie diesen starben und nur lebten, solange sie der blinde Zufall verschonte.“

Diese mulmige Erkenntnis entstammt Dashiell Hammetts Detektivklassiker „Der Malteser Falke“. In regelmäßigen Abständen, wenn mal wieder in persönlicher oder räumlicher Nähe ein Beinahe-Crash passiert ist, meldet sich diese kleine Parabel in meinem Oberstübchen zurück. Dann schreibt die Realität ähnliche Geschichten wie sie in der Literatur vorkommen und macht mir wieder deutlich, dass es genauso gut umgekehrt funktioniert: Das wahre Leben mit seinen tödlichen Späßen findet Eingang in die Fiktion und dann eben auch irgendwann wieder heraus. – Ein geniales Beispiel für dieses künstlerische In-And-Out ist jener Fall des Mr. Flitcraft, der dem Schriftsteller Hammett in seinem Vorleben als Detektiv genauso widerfahren ist.

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(Con)temporary items – Calligraffiti

Was ich noch nachtragen muss: Das Münchner „Museum of Urban and Contemporary Art“, kurz MUCA, hatte letztlich eine feine Ausstellung mit internationaler Kalligrafie, die sich, durch ihre zeitgemäße Verbindung zur Streetart, jetzt den Begriff Calligraffiti gegeben hat. Mit dem Satz habe ich hoffentlich meine kryptische Headline aufgelöst ;-)

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