Paula Scher – Type is Image

Sabine auf der „Showtreppe“


„Ohne Begeisterung ist noch nie etwas Großes geschaffen worden.“
Ralph Waldo Emerson



Lange nichts mehr über Typografie geschrieben. Jetzt, am zweiten Weihnachtstag, unserem rituellen Ausstellungsbesuchstag, gleich zwei Highlights an einem Ort. In der Pinakothek der Moderne passen Paula Schers Dauerausstellung „Type is Image“, die bereits seit Mitte ’23 steht und die neu im Dezember eröffnete Written-Art-Ausstellung „Sweeter than Honey“ wunderbar zusammen – wobei das Design im Keller verräumt ist und die freie Kunst in den oberen Etagen logiert. Das ganze Haus ermäßigt für sieben Euro, ein Schnäppchen sozusagen. Paula Scher kenne ich ja aus der Helvetica-Doku, schon fast wieder 20 Jahre her. Den Film zeige ich gelegentlich im Unterricht, hier äußern sich einige weltbekannte Typograf*innen über ihr Verhältnis zur am weitesten verbreiteten Schrift der westlichen Welt. Und Paula Scher mag die öde Helvetica genauso wenig wie ich.

Paula Scher arbeitet so, wie man als Typografin der oberen Liga so arbeitet. Das heißt, man erkennt das Typische, aber auf Anhieb nicht zuverlässig die Urheberschaft. So ist das mit Designerzeugnissen, beste Qualität könnte immer auch von der Konkurrenz sein. Unverkennbar sind Vorbilder wie Herb Lubalin oder Paul Rand. Möglicherweise aus Gründen der eigenen Erkennbarkeit hat sich Paula Scher auch mit „Handmade Maps“ beschäftigt, die dann ihre Handschrift tragen. Mir persönlich ist dieses „Handlettering“ ein Graus – wenn schon, dann Kalligrafie mit Wumms. Also bin ich letztlich wieder bei den typografischen Sachen, puristisch oder kapriziös.

Etwas untypisch, weil extrem „clean“, ist das von Paula Scher (mit)entwickelte neue „Windows-Logo“. In dem Zusammenhang wird klar, dass ein Copyright im US-Design stets weit gefasst ist, weil Teamwork dahintersteckt. Die Urheberschaft geht auf die Partner über. Und Paula Scher ist Partnerin der Designagentur „Pentagram“. Ich gehe aber davon aus, dass die hier präsentierten Arbeiten maßgeblich aus ihrer Feder stammen. Definitiv bestimmt sie die konzeptionelle Stoßrichtung. So stellt sie den Microsoft-Leuten gleich am Anfang die richtige Frage: „Your name is Windows. Why are you a flag?“ Das etwas alberne, flatternde Windows-Logo entsprach dem Zeitgeist, sollte wohl Dynamik versinnbildlichen. Vor allem auf Websites wurde in den Neunzigern das klassische Grafik-Design auf eine harte Probe gestellt. Jetzt sieht alles schon wieder deutlich besser aus – selbst das Windows-Logo. Getreu der Devise: Type is Image.



Eine Frage hätte ich auch: Warum wird Design im Museum eigentlich so gerne in den Keller gesteckt? Intuitiv hätte ich das selbst wahrscheinlich genauso gemacht ;-) Man geht also ins Untergeschoss und läuft ganz bis ans Ende. Dort erwartet uns eine Breitseite an Buchstabenkunst im American Look. Solche Sachen hat man uns im Studium meist verboten oder verheimlicht. Wenn man sie später dann unweigerlich und glücklicherweise doch entdeckt, fühlt man sich wie ein Landei, das in der Großstadt das erste Mal mit der U-Bahn fährt. – Also, hinein in die New York Underground!



Ein Füllhorn aus Amerika bringt gute Laune in die Pinakothek der Moderne. Sabine zeigt sich fröhlich, Brigit etwas versteckt im Hintergrund. Titus fragt sich, wie man das Typogedöns ganz ohne KI wohl gemacht hat.

Begeisterung vs Instagram

Wenn unsereins so schöne Sachen sieht, dann fühlt man sich wohl in seinem Job, und wenn man den berufsnachfolgenden Sohn im Schlepptau hat, bemerkt man zugleich seinen eher skeptischen Blick. Das irritiert ein wenig, auch wenn es sich leicht erklären lässt. Seit vielen Jahren dasselbe Lied: Fragt man junge Menschen – und ich kenne ja hauptsächlich die mit künstlerischen Ambitionen –, was sie im Leben am meisten nervt, dann sind es soziale Medien. Da scheint in der Hauptsache Instagram der große Stimmungskiller zu sein, mit der Botschaft: Alles schon tausendmal dagewesen, alles woanders noch tausendmal schöner. Ob Spieglein an der Wand oder iPhone in Hand, es ärgert sich nicht allein die eifersüchtige Königin im Märchen, seit Jahren zermürbt sich die gesamte Menschheit gegenseitig im virtuellen Dauervergleich – größtenteils mit unbelegbaren Behauptungen.

Ich kann hier nur beharrlich darauf hinweisen, dass sich die Wirklichkeit nicht im Smartphone abspielt und auch nicht dadurch repräsentiert wird. Was ist so attraktiv am Instagram-Zirkus, wenn er doch nur schlechte Laune macht? Für mich ist nur relevant, was mich in meiner Qualifikation und in der Beziehung zur Kundschaft weiterbringt. Ich sehe in dem ganzen Spektakel hauptsächlich lästige Werbung. Gegen die Werbeflut der Printmedien schützen wir uns mit Briefkastenaufklebern. Auf Instagram tauchen wir hingegen freiwillig ein in die gepimte Selbstdarstellerei der anderen.

Allerletzte Frage also: Was motiviert mich? Wer nun auf Instagram und Co. mit Freuden hin und her wischt, der soll es weiterhin tun. Wen das frustriert, der soll es um Gottes Willen bleiben lassen! Ich selbst komme ja erst gar nicht auf den Trichter, ich gehe am Jahresende in eine schöne Ausstellung und habe im Januar wieder Spaß an der Arbeit.

Step into reality – stay away from instagram!
Die Ausstellung besteht seit dem 23.06.2023 und ist noch bis zum 12.04.2026 zu sehen.
Paula Scher – Type is Image
Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, 80333 München


ab 12. Januar, 2. Teil Ein Panorama der Written Art