Propaganda – Teil 1: Die Ordnung des Chaos

Wie man’s auch nennt, Fake News oder alternative Fakten – das Spiel ist so alt wie die Menschheit oder, im neuzeitlichen Kontext, so alt wie Edward Bernays, berühmt-berüchtigter Spindoktor und PR-Berater und Neffe Sigmund Freuds.

Bernays ist als junger Mann Mitglied der Creel-Kommission, einem Team für Öffentlichkeitsinformation, das im Auftrag der US-Regierung die Bevölkerung psychologisch auf die Teilnahme der USA am Ersten Weltkrieg einstimmen soll. Die erfolgreichen Methoden aus Kriegszeiten überträgt Bernays danach ins zivile Leben, schreibt bereits 1928 das kompakte Standardwerk namens „Propaganda“ und hilft damit indirekt auch einem Joseph Goebbels auf die Sprünge. Im Nachhinein ein Grund für die Umbenennung des später unpopulären Begriffs „Propaganda“ in „Public Relations“. Bernays wird sagenhafte 103 Jahre alt und hat leider Gelegenheit genug, mit seiner PR und deren Folgen in die Zeitgeschichte einzugreifen.


Im Dienst der Demokratie?

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Und wenn man dran glauben mag, entsteht der gigantische Propagandaapparat der USA heraus aus fürsorglichen Motiven: Es gilt die Fackel der Freiheit voranzutragen und die Demokratie zu verteidigen! Das ist nicht zynisch gemeint, nur wirkt der gefühlige Ansatz hinter diesem Konzept auch immer verdächtig, zumindest aus mitteleuropäischer Perspektive. Wir erwarten eher, dass man uns mit Argumenten überzeugt und reagieren empfindlich auf Stimmungsmache. Zu Recht wittern wir hier die Manipulation. Grob vereinfacht gibt es nun mal diesen Mentalitätsunterschied zur US-amerikanischen Befindlichkeit.

Und Bernays hat zur modernen Massengesellschaft eine klare Meinung. Ihm geht es nicht darum, Menschen zu überzeugen, sein Ziel ist, Menschen zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen. Die Entscheidung darüber, was gut und richtig ist, trifft dabei eine übergeordnete Instanz, nicht das Individuum, das beispielsweise die Komplexität einer Demokratie nicht wirklich versteht und darum auch keine Verantwortung übernehmen kann. Bernays‘ Buch beginnt systematisch mit dem Kapitel „Die Ordnung des Chaos“ – folglich eine Aufgabe für professionelle Meinungsmacher.

Leute von der Sorte eines Edward Bernays verkaufen uns keine Dienstleistung, kein Produkt und auch keine politische Überzeugung, sie verkaufen uns eine ganz andere Realität. Dieser Realität wird vertraut, sie wird nicht mehr kritisch hinterfragt, sondern ihr wird entsprochen. Ab da spielt auch der Intellekt keine Rolle mehr, da wir die erfundenen Fakten für wahr halten und uns auf deren Seite schlagen. – Dass sich Donald Trumps Beraterin so schön freud'sch verplappert, als sie von „alternativen Fakten“ spricht, ist symptomatisch für die dummdreiste Arroganz einer Administration, die ihre plumpen Tricks schon gar nicht mehr verbergen will.

Bernays‘ Fake News werden immer erst nach Jahren entlarvt. Da seine Auftraggeber unterdessen sehr ordentlich daran verdienen, ist die chaotische Welt dann wohl in bester Ordnung. (Fortsetzung folgt)


Edward Bernays, Propaganda – Die Kunst der Public Relations
Aus dem Amerikanischen von Patrik Schnur, Orange Press

Propaganda Teil 2, Teil 3, (Einleitung)