Propaganda – Teil 2: Die Sicht der Dinge

Natürlich ist nichts wirklich in Ordnung, wenn die Wahrheit auf der Strecke bleibt. Und damit ist man schon gleich beim grundlegenden Unterschied zwischen Propaganda und seriöser PR. Pressearbeit stellt Dinge dar wie sie sind und je nach dem eben auch in einem günstigen Licht. Propaganda aber beugt die Wahrheit. Dieser Sachverhalt wird schnell klar, wenn man sich mit Bernays‘ Methoden auseinandersetzt.

Deren Grundlage ist stets die Erfindung einer neuen Realität – entweder als Schauermärchen oder als Sommernachtstraum, je nachdem. Bernays konstruiert eine vermeintlich plausible Wirklichkeit, in der das Produkt x, die Dienstleistung y oder die Überzeugung z eine ultimative Leitgröße darstellen. Ohne diese imposante Scheinwelt verlöre alles seine Bedeutung. Die Legendenbildung hat eine fatale Ähnlichkeit zu politischen Desinformationskampagnen.


Die Märchen von Freiheit und Emanzipation

Ein Beispiel: Ab dem Jahr 1950 beginnt Edward Bernays mit einer großangelegten Kampagne in den Medien der USA gegen die neue, demokratisch gewählte, aber angeblich kommunistische Regierung Guatemalas. Auch hier wird eine frei erfundene Volksbefreiungsbewegung propagiert, die es in der öffentlichen Meinung zu unterstützen gilt. Tatsächlich stürzt ein von den USA finanzierter Militärputsch das Land für die nächsten 30 Jahre ins Elend. Bernays‘ Auftraggeberin ist die United Fruit Company (UFC), die mit aller Gewalt eine Landreform verhindern muss und durch die „erfolgreiche Mission“ nun ihren enormen Grundbesitz in Guatemala behält.

Noch eine Befreiungsgeschichte? Im Auftrag der American Tobacco Company (ATC) inszeniert Bernays 1929 eine Kampagne mit angeblichen Frauenrechtlerinnen, die während der Osterparade durch New Yorks Fifth Avenue in der Öffentlichkeit rauchen, was in dieser Zeit noch völlig verpönt ist. Minutiös geplant und pressewirksam fotografiert, zünden alle auf Kommando ihre Zigaretten an, als Akt der Befreiung und Gleichberechtigung. „Fackeln der Freiheit“ nennt sich die Aktion, der Start einer gewaltigen Propaganda zur Erschließung einer neuen Raucherinnen-Zielgruppe. Ab da wird jede Amerikanerin mit Glimmstängel zur wandelnden Freiheitsstatuette.


Im Vergleich zur handelsüblichen Werbung, die wir durchaus als professionelle Beeinflussung registrieren, funktioniert PR deshalb deutlich besser, weil man sie für die Wahrheit hält – oder wahrhaben will. Was einmal falsch in der Zeitung steht, ist kaum zu korrigieren. Als sich 2016 die russische Öffentlichkeit tagelang über die angebliche Vergewaltigung einer 13-Jährigen durch Migranten in Deutschland empört, was sich schnell als Falschmeldung herausstellt, ist die Reaktion auf den Straßen Moskaus befremdlich und bezeichnend zugleich. Mit der Wahrheit konfrontiert, sagt eine Passantin: „Es ist mir egal, ob das stimmt, ich jedenfalls glaube daran.“

Die Steuerung der Massengesellschaft erfolgt laut Bernays nur über die Gefühlswelt. Es geht also nicht darum, neben dem rationalen Kanal einen zusätzlichen, emotionalen Kanal zu bedienen, sondern durch die Übersteuerung der Gefühlsebene den Intellekt geradezu auszuschalten. Sehen wir uns die weltpolitische Entwicklung der letzten Jahre an, so finden wir seine praktisch erprobte Theorie bestätigt. Trump war wohl der letzte Beweis für die Heimtücke des Irrationalen.

Jede Kommunikation enthält immer gewissen Anteil an Manipulation. Und jeder gute Verkäufer versteht es, auch die irrationalen Reflexe seiner Kundschaft zu instrumentalisieren um sie damit in Kauflaune zu bringen. Was die Propaganda-Gurus in ihrem Tun unterscheidet, ist der irrsinnige Aufwand an Zeit, Geld und Personal. Ein skrupelloser Aufwand, den man kaum für möglich hält und darum nur schwer das Täuschungsmanöver dahinter vermutet. Die fatalen Nebenwirkungen dieser psychologischen Kriegsführung sind ein Kapitel für sich. (Fortsetzung folgt)


Speziell über die Guatemala-Vorkommnisse ein Artikel des Politikwissenschaftler und Friedensforschers Dr. Jochen Hippler sowie ein Artikel aus der ZEIT:

Blog-Artikel Jochen Hippler, Guatemala 1954 – Erfahrungen der Intervention
ZEIT-Artikel Die United-Fruit-Dokrin


Propaganda Teil 1, Teil 3, (Einleitung)