R H I N O C E R V S · 1 5 1 5


Ein Kollege an der Montessori-Oberschule hatte die schöne Idee, unsere Schüler*innen im Fach „Moderne Medien“ mal auf eine Medienfährte zu locken, die schon ein paar Jahrhunderte zurückliegt. So finde ich im Papierschrank Dürers Rhinocerus, eins meiner Lieblingsmotive und erkundige mich bei der Klasse. Leider ist aus den Befragten nicht viel herauszuholen, schnell ist man beim Aufreger über das gefangene Nashorn, das man auf hoher See angekettet absaufen lässt, obwohl so ein Tier ja doch schwimmen kann. Das kann so mancher Mensch auch und doch hilft‘s ihm nicht, wenn er im Sturm über Bord geht, denk‘ ich mir, sag’s aber nicht. In Gedanken lasse ich mich also bereits auf diesen nebensächlichen Diskurs ein und merke, dass hier kann nicht Sinn der eigentlichen Aufgabe gewesen sein. Solche Missverständnisse sind normal für ein vielschichtiges Kommunikationsangebot, das in der Realität scheitert, weil die maßgebliche Botschaft ihrer Bedeutung nach nicht richtig einsortiert wird. Nur die „Story behind“ bleibt diffus in Erinnerung. Nix Neues.

Dass Aufgaben zunächst nicht richtig verstanden werden, erlebe ich selbst oft genug, dafür kann es viele Gründe geben. Tatsächlich hat die Qualität des Zuhörens in den letzten zehn Jahren deutlich abgenommen. Darüber kann man sich wundern, sollte sich aber nicht ärgern, denn meist liegt es einfach an der medialen Reizüberflutung, und gerade junge Menschen müssen ja die Hauptenergie ihrer Wahrnehmung auf das Filtern verschwenden. Dieser Reflex ist verständlich, von Natur aus spontan, unwillkürlich und daher leider oft unsinnig. Eine Herausforderung für alle Lehrkräfte. Wer viel anbietet, rechnet per se damit, dass die Jugendlichen auf Durchzug schalten. Was hinten rauskommt, ist ein Überraschungsei.

Wenngleich die Sache mit dem Nashorn eine geniale Medienaufgabe ist, so steckt darin auch ein Überforderungspotenzial. Denn sie ist ein Extrakt im Hinblick auf den Zeitgeist, die Medienrezeption, das Marketing bis hin zum Merchandising.¹ Ich selbst versuche oft anhand von Beispielen aus der Kunstgeschichte das Kommunikationsdesign unserer Industriegesellschaft zu erklären: Man prüft die Welt der Dinge in früheren Zeiten, als vermeintlich alles noch so simpel und übersichtlich war und fördert damit den Kern unsrer heutigen Mentalitäten zu Tage, erkennt quasi unsere epigenetischen² Vorgaben: Über die Renaissance zurück in die Zukunft!

Oder liegt hier der methodische Fehler? Gelegentlich höre ich den Satz: „Sag‘ uns doch einfach, was wir tun sollen“, im Klartext: Das Drumherum interessiert mich nicht, ich habe keine Lust, etwas Überflüssiges zu hören, zu sehen oder zu tun. Ständig die Welt in allen Zusammenhängen vorwärts und rückwärts erklären zu wollen, in der Absicht, die eigene kulturelle Begeisterung an seine Schutzbefohlenen weiterzugeben, also mehr als die sogenannte Nettoinformation zu kommunizieren, kommt bei einer Generation, die keine Zeit hat, kleingedruckte Gebrauchsanweisungen zu lesen, offenbar nicht an. Könnte man meinen, ist aber nicht so. Denn oft genug erinnern sich die jungen Talente an Dinge, die sie eigentlich hätten überhören müssen. Woher ich das weiß? Gegenprobe: Wenn ich beim nächsten mal die Sache in grob vereinfachter Form oder anders wiederhole, werde ich von Einzelnen geflissentlich korrigiert! Und deshalb bleibe ich auch bei meinem Redeschwall, bei allen Ausschmückungen und Verästelungen. Und erzähle en passant von Simonetta Vespucci, der schönsten Frau von Florenz, damit ein für allemal klar ist, wann und wo die Renaissance beginnt.

Es sind die vielen Geschichten und scheinbar überflüssigen Bilder, die unser Gehirn dynamisch vernetzen, ein Gehirn mit unendlicher Speicherkapazität!


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¹ Storytelling anno 1515 – Dürer ist einer der ersten, die das Gewinnbringende der Reproduktion erkennen. Allein schon seine Druckgrafik macht ihn reich. Mit dem Nashorn bedient er die Neugier der Leute am Exotischen, verbindet damit die Erzählung einer Abenteuerreise. Erkenne und bediene die Bedürfnisse deines Publikums, überrasche es! Die Sache mit dem Nashorn, damals ein Verkaufsschlager, für uns heute ein Studienobjekt der Medienentwicklung.

² Epigenetik untersucht wie Umweltfaktoren und Lebensgewohnheiten, also auch Kunst und Kultur, die die Aktivität von Genen beeinflussen, ohne die DNA-Sequenz zu verändern.



Unser Nachdruck aus dem Dürerhaus enthält einen originellen Kopierschutz: der Text oben ist an vielen Stellen falsch und die Ausgangszeile zu kurz. Merkt man nicht auf den ersten Blick, ist aber nötig, damit solche Reproduktionen im Kunsthandel kein Unheil anrichten. Soll schon vorgekommen sein ;-)


Aber noch mal kurz zurück in den selbst verschuldeten Empörungsmodus: Auch Dürers Zeichnung erntet bei den Schüler*innen eher Spott als Anerkennung, weil, so sähe doch kein Nashorn aus! Ich allerdings finde, dass Dürers Zeichnung einem indischen Panzernashorn schon verdammt ähnlich ist. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Albrecht hier so eine Art Phantomzeichnung umsetzt, einer recht kruden Skizze folgt und natürlich seine Detailbesessenheit irgendwie anhand von Adjektiven mit eigener Fantasie auto-vervollständigt. Und damit zum illustren Frakturtext am oberen Blattrand, der, einem Comic ähnlich, das imposante Geschöpf in seinen anekdotischen Kontext stellt, in einer zauberhaften Sprache, die irgendwie in sich mit ihrer Schriftform ringt. Überhaupt, wer Dürers Texte liest, erkennt bald, dass sie ohne offizielle Rechtschreibung auskommen muss.



Hier der Originaltext, sehr amüsant zu lesen. Mit „Helfandt“ ist der Elefant gemeint, der Rest ist dann ganz gut zu entschlüsseln (unter der Galerieabbildung die hochdeutsche Übersetzung) …

„Nach Christus gepurt. 1513. Jar. Adi. j. May. Hat man dem großmechtigen Kunig von Portugall Emanuell gen Lysabona pracht auß India / ein sollich lebendig Thier. Das nennen sie Rhinocerus. Das ist hye mit aller seiner gestalt Abcondertfet. Es hat ein farb wie ein gespreckelte Schildtkrot. Vnd ist von dicken Schalen vberlegt fast fest. Vnd ist in der groeß als der Helfandt Aber nydertrechtiger von paynen / vnd fast werhafftig. Es hat ein scharff starck Horn vorn auff der nasen / Das begyndt es albeg zu wetzen wo es bey staynen ist. Das dosig Thier ist des Helffantz todt feyndt. Der Helffandt furcht es fast vbel / dann wo es Jn ankumbt / so laufft Jm das Thier mit dem kopff zwischen dye fordern payn / vnd reyst den Helffandt vnden am pauch auff vnd er wuorgt Jn / des mag er sich nit erwern. Dann das Thier ist also gewapent / das Jm der Helffandt nichts kan thuon. Sie sagen auch das der Rhynocerus Schmell / Fraydig vnd Listig sey.“

Fabelwesen und ihre Zukunft

Zugegeben, wenn man ins Detail geht, dann sind beispielsweise die Füße des Nashorns etwas albern. Eben „nydertrechtig von paynen“. Hat aber jahrhundertelang niemand reklamiert. Auf die obige Medienanalyse folgt in der Designaufgabe meines Kollegen dann die Entwicklung eines Fabelwesens. Das macht den kreativen Gemütern Spaß, da kommt wohl einiges ins Rollen. Man könnte aus den Fabelwesen und ihrer vermehrten Medienpräsenz, sei es im Kino oder in Fantasy-Serien, ableiten, dass dieses Märchengedöns ein Grundnahrungsmittel der menschlichen Psyche ist, eine Suche nach Symbolfiguren der inneren Stärke. Ein Motiv, dass es tatsächlich schon immer gibt, lange vor Dürers Nashorn, Ritter, Tod und Teufel. Dazwischen gibt es zwar immer wieder nüchterne Zeiten, aber gegenwärtig leben wir sogar im wechselnden Austausch zwischen Mittelerde, einer unwirklich erscheinenden Realität und den unendlichen Weiten des Weltraums.

Vielleicht werden wir sukzessive selbst zu Fabelwesen, aber dann bitte kein Nashorn, das angekettet im Meer absäuft, lieber eins, das fliegen kann. Das wäre eine Perspektive.³


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³ Nur der eignen Lust gehorchend / Galoppierend oder fliegend /
Tummelt sich im Fabelreiche / Mein geliebter Pegasus

Heine, Atta Troll – ein Sommernachtstraum