Superhelden – Comics als Therapie?

Wastl Band 7 – 90 Pfennig

Comics sind eigentlich nicht so mein Fall. Die waren in unserer Kindheit ohnehin verpönt, aber auch nicht so explizit verboten, dass sie dadurch besonders begehrlich gewesen wären. Aus dem obligaten Asterixlesen bin ich nach Goscinnys Ableben ausgestiegen. Jetzt werden die allerneuesten Bände in der Süddeutschen Zeitung derart bejubelt, dass ich darauf reinfalle, mir ein Heft kaufe und es gleich wieder bereue. Seltsam auch, dass sich ein Genre wie die Graphic-Novel so im Zeitgeist etabliert hat. Als Designer und Illustrator sollte mir das allerdings gefallen. Tut's auch, aber hoffentlich verdienen die Berufskolleg*innen was dran. Ich habe da so meine Zweifel.

Wie auch immer, neulich sehe ich auf arte eine Doku über Hergé und dann reden wir im Freundeskreis über all den Kram, der damals hierzulande als Schund gilt und zeitgleich im belgisch-französischen Ausland schon längst gefeiert wird. Die Gedanken an kindische Zeiten mit „Wastl“-Heften tun mir gut und mein düsteres Gemüt hellt sich etwas auf.

Positive Rückblenden im Kopfkino sind schon immer ein probates Hausmittel gegen emotionale Schieflagen. Also einfach mal ein paar eindrucksvoll-schöne Erinnerungen rekonstruieren oder banaler gesagt: an was Schönes von früher denken. So kommt man recht billig an die körpereigenen Endorphine und generiert Glücksgefühle ohne Nebenwirkungen. Und wie man der mentalen Bildredaktion genügen Material zum Einspielen gibt, ist eigentlich einfach. Unsere Wahrnehmung mag nichts anderes als sein, als ein flüchtiges Gas aus Gefühlen und Fantasien, manifestiert sich jedoch an Gegenständen, die, sofern sie verloren gegangen sind, im Einzelfall per eBay und Co., sozusagen aus dem Backup wiederhergestellt werden können. Gelegentlich lohnt sich die materielle Suche nach der verlorenen Zeit. Hier meine kurze Rückblende:

Sommerferien '69 – In diesem Jahr fahren wir zum ersten mal ohne meine ältere Schwester in Urlaub, was ich blöde finde, weil sie mich dann drei Wochen alleine lässt mit den Eltern. Vorbeugend gegen eine potenzielle Vereinsamung darf ich mir dann Comics kaufen: „Das große Wastlbuch 1“. Dieser Sammelband, den ich damals vorwärts und rückwärts quasi auswendig lerne und danach komplett vergesse, taucht plötzlich in allen lächerlichen Details wieder vor mir auf, eben just in dem Moment, als wir neulich über Tim und Struppi & Co. reden.

Nun ja, alles kann man für Geld zurückersteigern und ist kurz darauf im Briefkasten. Das ist dann dieser bescheidene Marcel-Proust-Moment auf infantilem Comic-Niveau. Wahrlich kein Universum in der Teetasse, kein Sinnesrausch, keine andere Welt, nur ein Moment des inneren Friedens. Nix kann passieren, die Sonne scheint und alle Geschichten gehen gut aus. Die Storys sind im Nachhinein wohl etwas dämlich, dennoch nostalgisch anrührend. Wer die fabelhafte Welt der Amélie kennt, weiß vielleicht worauf ich anspiele: Mademoiselle Poulain findet hinter den Badezimmerkacheln per Zufall eine alte Blechschachtel mit dem mutmaßlichen Spielzeugschatz eines kleinen Jungen: Autos, ein paar Figuren, Fußballkarten etc. und macht sich zur Aufgabe, den ehemaligen Besitzer, der jetzt ein älterer Herr sein muss, aufzuspüren um ihm diese Kostbarkeit wieder (heimlich) zuzuführen. Klappt natürlich und wird zu einem filmisch anrührenden Moment. Per Selbstinszenierung oder in eigener Regie, wie bei mir, hat das nicht ganz so den durchschlagenden Effekt. Übrig bleibt zumindest ein merkwürdiges Zeugnis vom Tempo der eigenen Pubertät, denn kaum ein Jahr später, gebe ich mein ganzes Geld für Schallplatten aus; statt Fix und Foxi also Pink Floyd und Jimi Hendrix, eine rasante Entwicklung. Kaum zu glauben, muss aber chronologisch so gewesen sein.


Man kann endlos Geschichten erzählen übers Verlieren und Wiederfinden, was im Übrigen auch gerne mal der Stoff ist, aus dem die (Alb)Träume sind. Und warmherziges Zurückblättern im eigenen Leben ist keine Macke, die nur alte Menschen entwickeln. Sowas beginnt wohl schon am Ende der Jugend, vielleicht wenn uns bewusst ist, dass wir eigentlich ein ganz gutes Leben führen? Meine per eBay zurückgeholten Fantasien, namentlich „Das große Wastlbuch 1" und „2“ lese ich abends noch einmal gründlich. Der leicht muffige Papiergeruch – die Seiten sind ja doch über 50 Jahre alt – stört kaum. Schließlich ins Archivregal einsortiert. In meiner „Devotionalien“-Vitrine ist dafür kein Platz.


Übrigens … Es ist bekannt, dass man mit Hilfe von Fotoalben seine Erinnerungskraft stärken kann und sich Vergessenes aus der Versenkung heben lässt. Genau diese bildgestützte Kraft ist ein wichtiger Schlüssel in Kommunikation und Psychologie. In Sten Nadolnys Roman „Er oder Ich“ stoße ich das erste Mal auf den dazu passenden Begriff der „imagines agentes“, womit „wirkmächtige Bilder“ gemeint sind. Ein Satz daraus ist wie in Stein gemeißelt:

„Der Zweck des Gedächtnisses ist die subjektive Wiederherstellung von Ehre und Würde, wann immer wir sie eingebüßt haben.“ Sten Nadolny, Er oder Ich