Tollwood – Schauplatz der Demokratie

Am Ende eines Jahres, während dem man das Gefühl haben musste, dass einiges den Bach runtergeht und die Menschheit moralisch degeneriert, ist ein vorweihnachtlicher Bummel übers Münchner Tollwood ein versöhnlicher Ausklang. Das traditionsreiche Multikulti-Festival auf dem Wiesngelände bietet neben den stets unvermeidlichen Glühwein- und Fressbuden wirkliche Alternativen: Theater- und Musikveranstaltungen, Kunstobjekte über das gesamte Areal verstreut und politische Ausstellungskonzepte in den Zelten – so manches, das unseren Glauben an das Gute im Menschen aufrechterhält. Ein bunter Markt als Sinnbild der Einheit in Vielfalt.

Die Entwicklung vom anfänglichen Kleinkunst-Open-Air zur heutigen Großveranstaltung gefällt vielleicht nicht jedem. Doch mich persönlich überzeugt gerade das Massenkompatible, denn es gibt mir das beruhigende Gefühl, Teil einer Mehrheit zu sein. Einer lebensfrohen Mehrheit für eine verträgliche Weltanschauung, für Fantasie und Toleranz, Schönheit und Lust. Wenn sich diese Kräfte frei ausbreiten dürfen, bleibt die Gesellschaft gesund und munter.


Kulturoptimismus und demokratische Selbstverteidigung

Vielleicht macht man sich als Künstler was vor, wenn man darauf vertraut, mit Kulturkram die Politik beeinflussen oder gar lenken zu können. Es wäre jedoch fahrlässig, die Chancen verschämt kleinzureden. Denn natürlich hat das Kulturleben ein Machtpotenzial. Wie anders wäre es zu erklären, dass totalitäre Staaten und Autokratien stets auch den Kulturkanal reglementieren oder gar abdrehen wollen. Kunst scheint seit Menschengedenken einen gewissen Respekt einzuflößen. Wer davor Angst hat, ist sich gerade der immanenten Kraft bewusst. Die Sehnsüchte, die jedwede Art von Kunst befriedigt oder erzeugt, müssen entsprechend groß sein und die Energie daraus so gewaltig, dass sie wie ein ewiges Feuer in der Seele des Menschen brennt. In diesem Sinne bleiben wir hoffentlich für alle Zeit leidenschaftliche Renaissancemenschen.

„I cant’t believe I still have to protest that shit!“

So steht's geschrieben im Weltsalon-Zelt, dieses Jahr betitelt als „Schauplatz der Demokratie“. Pure Zuversicht ist nun mal kein Selbstläufer, die kulturelle Softpower ist letztlich der rohen Gewalt des aufgewiegelten Pöbels ausgeliefert. Damit der Mensch nicht auf krumme Gedanken kommt, muss ihm permanent eine relativ hohe Dosis an demokratischer Kultur und Medienarbeit verabreicht werden. Im Neuen Jahr kommt's wieder drauf an, die Hassparolen zu übertönen, Volksverhetzern und Verschwörungstheoretikern das Publikum abzuwerben.



Szene München „Rundgang durch den Weltsalon“
Und ein paar Schnappschüsse