Typografie des Terrors?

Das Münchner Stadtmuseum hat eine imposante Sammlung der Gebrauchsgrafik, darunter auch Werke einer sonderlichen Plakatkunst, die man mit Fingerspitzengefühl moderieren muss, weil sie noch immer unvermittelt zweifelhafte Botschaften aussenden, sobald sie denn wieder an der Wand hängen. Das Wichtigste überhaupt scheint da erst mal der Titel: „Typografie des Terrors“ klingt politisch korrekt, ist lautmalerisch eingängig, und als Claim zugleich kritisch distanziert. De facto aber ziemlich spekulativ und de jure einfach unwahr – denn wo bitte, terrorisiert hier die Typografie?

Tut mir leid, aber in solchen Fragen bin ich pingelig. Als Grafik-Designer schaue ich mir die mehr oder weniger kunstvollen Exponate an und frage mich ernsthaft, welchen Anteil hat die Typografie am großen Ganzen? Also: gewerbliche wie politische Plakate, Militariakitsch, die bekannten Hetzpamphlete, dazwischen ein paar Schriftmusterblätter. Soll jetzt die Fraktur wieder herhalten? Nein, korrekterweise ein aufklärender Text, demzufolge die Nazis 1941 ja selbst die gebrochenen Schriften verboten haben. Das verblüfft den Normalverbraucher – welche Buchstaben sind denn jetzt noch mal die bösen? Schwierig.

Typografie ist eher was für Insider. Ich wage mal die Hypothese, dass diese subtile und funktionale Kunst den gemeinen Nazi gar nicht interessierte. Dessen Klassizismusfimmel tobte sich in anderen Dimensionen aus. Das alltägliche Buchstabengekrümel in Zeitschriften und auf Litfaßsäulen war darum kein bisschen anders, als im übrigen Westeuropa. Und genau das dokumentiert die Ausstellung eher unfreiwillig: einmal quer durch den typografischen Gemüsegarten der Zeit, alle Facetten der gebrochenen wie lateinischen Schriften oder Schreibschriften, mal linksbündig, mal blockig und natürlich auf Mittelachse. Traditionelles, Konservatives, Expressives, bis hin zum Konstruktivismus. Im Wesentlichen blieb man pragmatisch und opportunistisch beim Mainstream. Vielleicht eine Hand voll fieser Schriften à la „Tannenberg“, mehr hat der Faschismus nun mal nicht zu bieten.

Fazit: Es gibt ohne Zweifel sowohl eine Bildsprache als auch ein Vokabular der Propaganda und des Naziterrors, aber definitiv keine adäquate Typografie. Wenigstens das.


Wohlgemerkt, die Ausstellung selbst ist völlig okay – das Plakat zur Ausstellung sogar richtig gut – aber der Titel ein Fehlgriff. (Beitrag aus dem Jahr 2012: Die Ausstellung war zu sehen vom 11. Mai bis 11. November 2012, Katalog noch erhältlich)