Die gebrochene Existenz

Apropos Fraktur – das Thema im vorigen Beitrag gibt ja einen kleinen Einblick in unser typografisches Erbe, das allerdings keiner mehr antreten will. Sie hat nämlich einen ordentlichen Knacks weg, unsere Schrift, die wir Jahrhunderte lang als äußere Gestalt der Muttersprache gehegt und gepflegt und letztlich dann einfach vergessen haben. Die Erklärung für Ihr allmähliches Verschwinden ist banal und wenig geheimnisvoll. Formen sind irgendwann nicht mehr gefragt, Stile kommen aus der Mode. Gebrochene Schriften wurden nicht verdrängt oder verraten, sondern schlicht immer weniger benutzt. Und weil es so schön ins Bild passt, sind sie allesamt durch die Nazidiktatur unter Generalverdacht geraten, wenngleich diese Größenwahnsinnigen sie rigoros abschaffen wollten. Die Gründe sind spekulativ, die medialen Konsequenzen waren aber bescheiden, denn im Zeitalter des Bleisatzes tauscht man nicht von heute auf morgen die Buchstaben aus.

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Jan Tschichold – Double Feature

Entweder so: Jan Tschichold, der frühreif-revolutionäre Typograf mit dem wertkonservativen Spätwerk, war mir immer etwas suspekt. Vor allem, weil in meinem orthodoxen Studium ausschließlich dessen klassisches Werk gepredigt wurde. Völlig unverständlich für einen jungen Menschen, was an diesem Buchstabengeschiebe so besonderes sein sollte. Des Rätsels Lösung: das Besondere lag einfach nicht mehr in der Absicht des alten Meisters. Tschicholds Publikationen boten den Studierenden ergo keine Lösungen, sondern waren Teil des Problems oder zumindest die größten Bremsklötze im Typografiestreit der Moderne.

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Zeichen und Wundertüten

Das Erscheinungsbild der Liberalen gibt es seit gestern in lustigen Farben. Was haben die nicht alles schon ausprobiert, um auf sich aufmerksam zu machen? Und immer wieder ist sie gleich verpufft, die heiße Luft. Und die gute Laune. Dabei gibt es in deren eigenen Reihen ein wackeres Fähnlein von PR-Fachleuten, Medienexperten und Unternehmensberatern und trotzdem mag ihnen kaum jemand die keck werbenden Botschaften abkaufen. Jetzt dieses typografische Knallbonbon. Ist es nicht fast ein bisschen traurig, dass diese Beratervölkchen sich selbst nicht zu helfen weiß mit seiner Beraterei?

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Die Handschrift als Backup im Kopf

Gelernt ist gelernt, aber gelesen ist nicht begriffen! – Die Neurowissenschaft belegt, dass manuelles Schreiben sehr viel intensiver die gelernte Schrift im Gehirn verankert, als eine Eingabe über die Tastatur oder das Lesen allein.

Der britische Neurologe Oliver Sacks schildert den Fall eines Mannes, der am Morgen wie üblich die Zeitung aufschlägt und feststellt, dass der Text völlig unverständlich ist. Es sind die vertrauten Buchstaben, doch ergeben sie keinen Sinn. Zuerst glaubt er an einen Jux seiner Freunde, doch wer sollte eine Zeitung derart aufwändig gefälscht haben? Obwohl er sich völlig normal fühlt, wird ihm schnell klar, dass es nur eine Erklärung für das Buchstabenchaos gibt: er muss in der Nacht einen Schlaganfall erlitten und infolge dessen das Lesevermögen verloren haben. So weit, so tragisch, aber jetzt kommt das eigentlich Verblüffende. Er nimmt sich einen Kugelschreiber und schreibt, so wie immer. Er kann das Geschriebene selbst nicht mehr lesen, aber er kann sich nach wie vor schriftlich mitteilen. Wie ist das zu erklären?

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Fuchs und Rabe

Normalerweise ist es so, dass Werbeagenturen für gute Werbung zuständig sind und Designbüros für gutes Design. Außerdem kann jeder machen, was er will und deshalb machen immer mehr Werbeagenturen auch Erscheinungsbilder. Manche sind gut, andere eher nicht, was aber hier nicht die Frage ist. Bemerkenswert scheint mir vielmehr der hyperaktive Drang um den Komplex Corporate Design, verbunden mit einem zunehmend nervösen Aktionismus. Erscheinungsbilder im Stresstest, mit einer Verfallszeit von unter drei Jahren?! – Ich fabuliere einfach mal:

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M – Eine Stadt sucht einen Mörder

Wer sich via Autobahn dem Münchner Flughafen näherte, sah sie schon von weitem, die edlen Versalien, plakativ, klar, unprätentiös. Und jetzt: Ende der Ausbaustrecke. Da hatte man mal ein herausragendes Gesamtkunstwerk aus Architektur, Technik und Typografie und schon kommt wieder so eine Branding-Bande angeritten und schießt aus der Hüfte mal kurz in den Ofen. Heraus kommt ein billig aufgebackenes M mit buntem Schrägstrich, programmatisch „Connector“ getauft. Sieht blöd aus, hört sich aber gut an und wird infolge dieser erbärmlichen Logik zum Vehikel einer larifari Unternehmensreligion: connecting people – immer wieder gerne gekauft. Plus das unvermeidliche >YouTube-Filmchen zum fremdschämen.

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Kalligrafie und Methode

Aufgrund meiner eigenen positiven Erfahrungen halte ich das Schriftschreiben nach wie vor für einen unverzichtbaren Teil der Typografieausbildung. Unter dem Druck, mit der Softwareentwicklung Schritt halten zu müssen, werden handwerkliche Methoden allerdings von manchen Fachleuten eher als Zeitverschwendung angesehen. Deshalb war ich skeptisch, als sich die Münchner Montessori Fachoberschule (kurz MOS) für ihren Gestaltungszweig an Kalligrafieunterricht interessiert zeigte. Ist das Thema nicht wirklich längst durch?

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Hare Krishna & Calligraphy

Seit ein paar Jahren interessiert sich die breite Masse, darunter vor allem die U21-Fraktion, ernsthaft für so was Unscheinbares wie Typografie. Das wundert und freut uns Schriftgelehrte, hat aber einen einfachen Grund. Um der blöden Handystreichelei einmal etwas positives abzugewinnen: es sind auch die Smartphones, die das Auge für gutes Typodesign schulen. Da hat sich, dank Apple, ein richtig guter Standard eingeführt. Auf kleinstem Raum Inhalte gut strukturieren, nicht nur Lesbarkeit, sondern Leselust erzeugen, dass kann man eben nur mit professioneller Typografie. Wie sensibel der rotznasige User mittlerweile geworden ist, sieht man ironischerweise an Apples iOs 7, an dem dann heftig die blutarme Typografie kritisiert wird.

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The End of Print – is a book

Wenn mal wieder der Untergang der Printmedien angekündigt wird, fällt mir spontan dieser Halbsatz von David Carson ein, mit dem wir uns vor Zeiten einen langen Abend über intensiv austauschen konnten. Die Kampagne „Impressions '98“ für unseren Kunden Fedrigoni fand wie üblich einen repräsentativen Abschluss mit dem Vortrag eines prominenten Designers. Das Liberty-Konzept hatte uns bewogen den gelernten Soziologen, Profisurfer und Typofreak Carson einzuladen. Im Frankfurter Sheraton referierte Carson über sein Wunschthema "what paper means to me" und begann seinen Text mit den Worten „The end of print is a book,“ … und in seine Atempause hinein wiederholte meine Frau neben mir leise, aber trotzig „… is a book!“

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Künstlerisches Kalligrafieren – ein Lehrbuch

Noch ein Thema, das mir etwas auch dem Blickwinkel verloren gegangen ist, jetzt aber wieder präsent wird. Durch die wieder aufgenommen Unterrichtspraxis greife ich gerne auf mein Buch zurück, schon 1991 verfasst, dass mir immer noch recht gelungen vorkommt. Vor allem, wenn ich aktuell bestätigt werde, wie gut Methodik und didaktische Auswahl immer noch funktionieren, um junge Designinteressierte für das Thema Schrift und Typografie zu begeistern. Das Schreiben hat wieder Konjunktur, gerade in einer Generation, die sich an den digitalen Medien erst einmal gründlich abgearbeitet hat. Aber mehr dazu später.

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