Und ruhig fließt der Rhein

Die Dinge bestimmen unser Verhältnis zur Welt. Der Mensch definiert sich radikal neu, seit er sein Leben nicht mehr nach dem natürlichen Licht, sondern nach einem Ding wie der Uhr ausrichtet. Zudem markiert der Entwicklungsstand von Technik und Medien eine emotionale Trennlinie zwischen den Generationen. Man mag sich noch so digital-logisch bemühen, ist der Antrieb dem Geburtsjahr zufolge analog-sozial-romantisch, wie in meinem Fall, dann bleibt er auch so. Aus meiner glücklichen Kindheit wirken darum zwei Dinge nostalgisch nach. Das ist zum einen ein warmtönendes Radio und zum anderen eine Küchenuhr mit ihrer eigenen Darstellung vom Lauf der Zeit.


Die Küchenuhr

1965 – In meiner Erinnerung wird unsere kleine Küche klar dominiert von diesem imposanten Röhrenradio Marke Saba Freudenstadt, das magische Auge bereits in Balkenform. So teure Sachen kann mein Vater bei den Auktionen am Bonner Amtsgericht ersteigern, sonst wäre das nicht drin. Beim Frühstück läuft WDR 2, halb acht die Nachrichten mit Wasserstandsmeldungen, „der Rhein bei Rheinfelden" oder bei „Karlsruhe Maxau", dann immer näher kommend und mit kryptischen Informationen: „gefallen Sieben“ – höchste Zeit, den Schulranzen zu nehmen und das Haus zu verlassen. Auf dem modernen Radio liegt ein kleines beigefarbenes Häkeldeckchen, darauf eine sehr einfache Uhr, etwa so groß wie eine Zigarrenkiste. Ein schlichtes Gehäuse aus braunlasiertem Holz mit mattsilbernem Zifferblatt. Die sogenannte Russenruhr.

Die einzig verlässliche Referenz ist allerdings das Radio, weil die Russenuhr ein seltsames Verhältnis zur Zeit hat. „Geht die jetzt vor oder nach?“ ist die erste Frage nach dem Aufstehen. Bedenken, die meine Mutter gleichgültig mit „die jeht janz jenau!“ wegwischt. Regionaltypische Beschwichtigungen, denn die Uhr hat ganz offensichtlich eine ziemliche Unwucht. Nach dem Aufziehen und Neueinstellen hält sie gerade einmal eine Stunde lang der Realität stand und macht in Folge wieder ihr eigenes Tempo. Mal schneller, mal langsamer. Über den Tag verteilt gleicht sich das manchmal aus, oder auch nicht. Ihre Launen werden jedoch von allen respektiert, denn die Uhr hat einen sehr weiten Weg in unser rheinisches Dorf hinter sich und womöglich sogar eine Seele. Die Küchenuhr hat mein Vater von der Ostfront mitgebracht.

Mein Vater ist ein eher verschlossener Mensch, erzählt nicht viel und schon gar nichts vom Krieg. Lediglich zwei Fluchterlebnisse kommen mal kurz nach oben. Ein fürchterlicher Transport im Winter ’45, der ihn am Ende seines Lebens als Tag-Albtraum plagen wird. Und eine wundersame Geschichte, eben diese schon fast poetische Auffindung der Uhr im Eis des Dnjepr.

Einmal wird er mir in Bruchstücken erzählen, wie er da allein vor Smolensk herumgegeistert ist und sich kommandorückwärts neben und auf dem zugefrorenen Fluss staksend nach Westen orientiert hat und darin war dann plötzlich verschwommen ein Zifferblatt zu sehen. Innegehalten, Eis gehackt und die Uhr in den Rucksack. Er habe sich dann vorgestellt, wie er das Ding am Ende des Krieges, über kurz oder lang, wenn Ruhe einkehrt und Frieden ist, in alle Einzelteile zerlegt und wieder zum Laufen bringt. In seiner Vorstellung konnte nicht viel kaputt sein, die Metallteile vorwiegend Messing, offensichtlich nichts verzogen. Auf vier Uhr war sie stehengeblieben und das Wichtigste: die Unruhe unbeschadet. Wohlgemerkt, mein Vater hat Zeit seines Lebens nicht die geringsten literarischen Ambitionen, sonst könnte man glatt unterstellen, er hätte sich diese Metaphernkaskade ausgedacht. Das Leben ist per se literarisch äußerst gehaltvoll, sagte ich schon. Und im Drehbuch meines Vaters ist der nächste Schnitt dann die Szene, wo die tickende Uhr bei uns in der Küche steht – mehr ist aus dem Mann nicht rauszuholen.


Die Nachschrift

2005 – Einmal ist unser großer Sohn krank und muss anderntags seine Klassenarbeit in Deutsch nachschreiben. Ein Schulfach, dass ihn nie so wirklich begeistert hat, da kann man nix machen. Aber natürlich nachfragen, ob man helfen kann. Keine Ahnung? Egal, Textinterpretationen habe ich persönlich immer gerne gemacht, deshalb blättere ich im Lesebuch der Mittelstufe und versuche die maßgeblichen Autoren einzugrenzen. Ob der Deutschlehrer wohl einen Lieblingsschriftsteller hat? Borchert. Okay, das ist schon mal ein Anhaltspunkt. Schau hier, die Küchenuhr, ganz berühmte Erzählung, die üben wir jetzt. Also: Ein Soldat kehrt aus der Gefangenschaft in seine zerbombte Wohnung zurück, packt sich die Küchenuhr und geistert durch die Stadt – starke Monologe, verlorene Zeit, die Stunde Null – ein stoischer Text, ein Assoziationsfeuerwerk für mich. Und dann packe ich noch die Russenuhr meines Vaters obendrauf.

Allein der Sohn ist wohl noch gar nicht richtig gesund und wahnsinnig müde. Er bedankt sich freundlich für die Moderation, räumt aber ein, „nicht wirklich“ zugehört zu haben. Mehr als sich schämen, kann er nicht und wer weiß schon, was am nächsten Morgen der Deutschlehrer als Thema aus dem Hut zieht? – Die Pointe ist dann wieder literarisch: Es wird in der Tat „Wolfgang Borchert, Die Küchenuhr“ und die Interpretation geht dementsprechend in die Hose.


Väter und Söhne

Das vermisste Saba Radio habe ich vor einigen Jahren bei ebay gesteigert. 3-2-1-meins, liebevoll renoviert, ein glücklicher Zufall. Ein unlösbares Problem bleibt die Küchenuhr, ungefähr vor 74 Jahren vom Eise befreit und endgültig verloren. Fragt mich nicht. Ich hab‘s vermasselt und weiß auch nicht anders, als mich zu schämen. Das Leben mag episodische Züge haben, aber die wenigsten Handlungsstränge entwickeln sich sinnvoll weiter. Und überhaupt, Väter wie Söhne sind keine Romanhelden, sie reden zu wenig und hören nicht zu. Und die Zeit verrinnt.